Missbrauchsopfer Gisèle Pelicot: Keine Ruhe vor Gericht

Fast ein Jahr lang war Gisèle Pelicot weitgehend aus den Schlagzeilen in Frankreich verschwunden, die sie monatelang bestimmt hatte – erst ohne es zu wollen, später im Bewusstsein ihrer Rolle im Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen.
Nach einem ersten Gerichtsverfahren im Herbst 2024 steht nun ein Berufungsprozess in ihrem Fall bevor. Von Montag an wird die kleine, zierliche Frau mit dem rötlichen Pagenkopf erneut ins Scheinwerferlicht geraten und betonen, dass nicht die Opfer von Vergewaltigungen Scham zu empfinden haben, sondern die Täter.
Jahrelanger Missbrauch im eigenen Haus
Ihr früherer Mann Dominique Pelicot, von dem sie inzwischen geschieden ist, hatte sie über Jahre hinweg mit Schlafmitteln betäubt und sie immer wieder im gemeinsamen Haus im südfranzösischen Mazan, wo das Paar die Rente verbrachte, vergewaltigt. Auch andere Männer lud er mit dazu ein, die er über eine inzwischen geschlossene Internetseite kontaktiert hatte. Manche kamen mehrmals.
Weil er die Taten filmte, wurden er und 50 andere Männer überführt; mindestens zwei Dutzend weitere Täter konnten die Ermittler jedoch nicht identifizieren. Im Dezember verurteilte das Gericht in Avignon Dominique Pelicot zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren. Die Mitangeklagten erhielten Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren.
Über 50 Täter überführt
Anders als von der Verteidigung gefordert, gab es keinen einzigen Freispruch, obwohl die meisten Männer versucht hatten, die eigene Verantwortung herunterzuspielen oder sich herauszureden: Sie hätten nichts über den Zustand der Bewusstlosigkeit von Gisèle Pelicot gewusst, sie „nicht absichtlich“ vergewaltigt, seien in eine Falle gegangen.
Von 16 der Verurteilten, die angekündigt hatten, ihrer Verurteilung zu widersprechen, blieb letztlich nur einer dabei: Lediglich der Fall von Husamettin D. wird nun erneut vor einem Schöffengericht in Nîmes aufgerollt.
Vom Opfer zur Symbolfigur
Der 44-Jährige sitzt derzeit seine neunjährige Gefängnisstrafe ab, die er nicht akzeptieren will. „Ich bin kein Vergewaltiger, das ist zu schwer zu tragen für mich“, sagte der Bauarbeiter während des ersten Prozesses.
Dominique Pelicot verzichtete darauf, in Berufung zu gehen. Seiner Anwältin Béatrice Zavarro zufolge wollte er seiner Ex-Frau weitere schmerzhafte Verhandlungstage ersparen. Gegen ihn laufen Ermittlungen wegen des Verdachts, 1991 eine junge Immobilienmaklerin bei einer Wohnungsbesichtigung vergewaltigt und ermordet zu haben, sowie wegen der versuchten Vergewaltigung einer weiteren Frau im Jahr 1999 mit sehr ähnlicher Vorgehensweise.
Ich bin kein Vergewaltiger, das ist zu schwer zu tragen für mich.
Husamettin D.
Aufgrund von DNA-Spuren konnte ihm die zweite Tat nachgewiesen werden. Ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt, ist noch unklar. Seine Frau Gisèle wiederum erlangte durch ihren Mut, einen öffentlichen Prozess einzufordern und sich trotz der erlebten Erniedrigungen nicht zu verstecken, im Laufe der Verhandlung vor einem Jahr eine Art Heldinnen-Status.
Ihr Porträtbild wurde auf öffentliche Gebäude gemalt, bei jedem Prozesstag applaudierte ihr das Publikum, sie bekam Blumen und Geschenke.
Täter aus der Mitte der Gesellschaft
Im Sommer erhielt die 72-Jährige die Ehrenlegion, die höchste Auszeichnung Frankreichs. Beobachter sprachen von einem bedeutsamen Sprung für die französische #metoo-Bewegung durch den Prozess.
In dieser Zeit stieß Gisèle Pelicot eine breite gesellschaftliche Debatte über sexuelle Gewalt an, auch indem sie „die patriarchalische Macho-Gesellschaft, die Vergewaltigungen banalisiert“, scharf kritisierte.
Die wenigsten entschuldigten sich
Bei ihren Peinigern handelte es sich um Männer aus der Region, oft Familienväter, die zur Tatzeit zwischen 21 und 68 Jahre alt waren, verschiedenste Berufe hatten. Die wenigsten entschuldigten sich oder räumten ihre Schuld ein – trotz der Beweislast, die die Fotos und Videos darstellten.
Am Prozessende erinnerte Gisèle Pelicot an „die nicht anerkannten Opfer, deren Geschichten oft im Schatten bleiben“. Als ein solches Opfer betrachtet sich auch ihre eigene Tochter Caroline Darian. Auf dem Computer ihres Vaters wurden heimlich aufgenommene Fotos von ihr schlafend und in ihr unbekannter Unterwäsche gefunden.
Streit zwischen Mutter und Tochter
Doch er leugnete den Verdacht, sich an ihr vergangen zu haben und wurde lediglich für die Aufnahme und Verbreitung von Bildern mit sexuellem Inhalt seiner Tochter sowie seiner beiden Schwiegertöchter, die er heimlich im Badezimmer gefilmt hatte, schuldig gesprochen.
Caroline Darian schrieb zwei Bücher über das Erlebte und gründete eine Selbsthilfegruppe für Betroffene von Missbrauch und Vergewaltigungen nach der heimlichen Verabreichung von Betäubungsmitteln durch die Täter. Sie geht offensiv an die Öffentlichkeit, ganz anders als ihre Mutter; im Frühjahr enthüllte eine französische Boulevardzeitung, dass Gisèle Pelicot einen neuen Mann an ihrer Seite hat. Sie selbst gab kein einziges Interview.
Caroline Darian räumte ein, dass die beiden Frauen, die sich einst so nahestanden, miteinander gebrochen haben. Sie habe Unterstützung vermisst, fühle sich als „vergessenes Opfer“, sagte die 46-Jährige in einer Zeitung über ihre Mutter. „Für mich ist sie keine Ikone.“ Dem Berufungsprozess werden sie und ihr älterer Bruder David fernbleiben. Gisèle Pelicot wird nur von ihrem jüngsten Sohn Florian begleitet.


