RND-Kolumne

Durch die Internationale Raumstation bleiben wir mit Russland verbunden

Wer gemeinsam Menschen in einer lebensfeindlichen Umgebung am Leben erhalten will, muss miteinander reden.

Wer gemeinsam Menschen in einer lebensfeindlichen Umgebung am Leben erhalten will, muss miteinander reden.

Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine ist in meiner Kommune viel Bewegung: Hilfsangebote werden organisiert und koordiniert, Wohnraum wird gesucht und auf dem Spielplatz spielen Kinder mithilfe von Smartphone-Übersetzungsprogrammen offen und ungezwungen mit den neu Angekommenen. Pragmatisch wird probiert, den Herausforderungen der kommenden Zeit so gut wie möglich entgegenzutreten. Welche Auswirkungen der Angriffskrieg in den nächsten Monaten noch haben wird, lässt sich für unseren Alltag nur schwer abschätzen – aber für eine ganz besondere Kommune stellen sich schon heute viele konkrete Fragen: Was passiert mit der Internationalen Raumstation ISS?

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Seit 1998 umkreist die ISS in circa 400 Kilometer Entfernung die Erde – einmal alle 90 Minuten. Als Gemeinschaftsprojekt von 16 Staaten – den USA, Russland, Brasilien, Kanada, Japan und elf Mitgliedsstaaten der europäischen Weltraumagentur ESA – ist sie nicht nur ein wissenschaftliches Versuchslabor unter Weltraumbedingungen, sondern vor allem auch eine interstellare Friedenstaube.

Wer gemeinsam Menschen in einer lebensfeindlichen Umgebung am Leben erhalten will, muss miteinander reden. Für viele Kritiker und Kritikerinnen der astronautischen Raumfahrt ist diese diplomatische Funktion der ISS sogar der einzige Grund, eines der teuersten Gemeinschaftsprojekte weltweit zu unterstützen.

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ISS: Zusammenarbeit mit Russland zentral

Die Zusammenarbeit mit Russland war und ist dabei immer zentral. Nach Einstellung der Space-Shuttle-Missionen 2011 konnten Raumfahrende zum Beispiel nur mithilfe der russischen Rakete Sojus die ISS erreichen – ein Zustand, der sich erst 2020 nach dem ersten erfolgreichen Start der Space-X Crew Dragon änderte. Auch das Anheben der Raumstation, das regelmäßig um mehrere 100 Meter erfolgen muss, damit sie ihr Orbit weiter halten kann, wird aktuell zuverlässig nur durch Triebwerke am russischen Frachtschiff Progress geleistet. Das zeigt: Die ISS ist langfristig auf Russland angewiesen.

Aber auch kurzfristig ist die Frage, wie die gemeinsame Arbeit im All trotz Krieg auf der Erde aussehen soll, sehr relevant – besonders für einen: den Nasa-Astronauten Mark Vande Hei. Der befindet sich seit April 2021 auf der ISS, und soll Ende März nach rekordbrechenden 355 Tagen Aufenthalt im All in einer Sojus zurückkehren. Doch darf er das noch?

Kosmonautin fliegt mit SpaceX ins All

Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin schlug schon 2014 während des Beginns des Krieges in der Ukraine vor, dass die Nasa doch Trampoline statt russischen Raketen nutzen solle, um ihre Crews zur ISS zu bringen. Aus den Trampolinen wurden jetzt Besenstiele, und ein hitziges Twitter-Wortgefecht zwischen Rogosin und Nasa-Astronaut Scott Kelly kulminierte darin, dass die russische Raumfahrtbehörde ein Video veröffentlichte, in dem fröhlich winkende Kosmonauten in ihre Sojus-Kapsel steigen, der russische Teil der Raumstation abdockt und davonschwebt und ein verdattert dreinblickender Mark zurückgelassen wird. Das war, so versicherte Rogosin, natürlich nur ein Scherz und gar nicht so gemeint.

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Tatsächlich bestätigt der Nasa-Sprecher Joel Montalbano, dass Vande Hei wie geplant mit seinen russischen Kollegen Pjotr Dubrow und Anton Schkaplerow zurückkehren soll und wie üblich in Baikonur von einem 20-köpfigen Team der Nasa empfangen geheißen wird. Sogar die einzig aktive russische Kosmonautin, Anna Kikina, soll weiterhin wie geplant im Herbst mit SpaceX von amerikanischem Boden aus zur Raumstation fliegen.

Gerade wenn man bedenkt, dass Russland bereits keine Raketentriebwerke mehr in die USA ausliefert, russische Mitarbeitende vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana abgezogen wurden und der ExoMars Rover der ESA nicht wie geplant 2022 mit einer russischen Protonrakete starten wird, sieht es also für die astronautische Raumfahrt aktuell noch gut aus. Das unterstreicht, wie enorm wichtig die internationale Raumstation ist. Doch wie wird das in Zukunft sein?

Man kann die Raumstation nicht einfach abkoppeln

Regelmäßig werden der Erhalt und der weitere Betrieb der Raumstation vertraglich abgesichert – bisher hat sich Russland noch nicht über eine Vertragslaufzeit über 2024 hinaus geäußert. Das Gute ist: Man kann die Raumstation nicht per Knopfdruck abkoppeln und trennen. Laut einem aktuellen Bericht der Nasa benötigt man für einen kontrollierten Absturz drei russische Progress-Frachter, die über Monate hinweg kontinuierlich den Orbit der ISS senken. Es ist also ein komplizierter Vorgang, der nicht ohne gegenseitige Absprachen möglich sein wird.

Gewollt oder nicht, wir bleiben also über die Internationale Raumstation mit Russland verbunden. Und vielleicht entscheidet sich Russland ja doch noch für eine Verlängerung? In jedem Fall bleibt durch die gemeinsame Arbeit im All die Kommunikation zwischen den 16 Mitgliedsstaaten als wichtiges irdisches Werkzeug in der Diplomatie vorerst erhalten. Und vielleicht gibt uns gerade deshalb der Anblick der ISS am Nachthimmel in den nächsten Tagen einen leisen Hoffnungsschimmer.

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Insa Thiele-Eich ist Meteorologin und forscht an der Universität Bonn an den Zusammenhängen zwischen Klimawandel und Gesundheit. Seit 2017 trainiert sie im Rahmen der Initiative „Die Astronautin“ als Wissenschaftsastronautin für eine zweiwöchige Mission auf der Internationalen Raumstation - und wäre damit die erste deutsche Frau im All. Hier schreibt sie alle zwei Wochen über Raumfahrt, den Klimawandel und die faszinierende Welt der Wissenschaft.

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