Kommentar zu Putins Wirtschaftskrieg

Wie die erzwungene Energiewende gelingen kann

Die Alternativen zu russischem Gas und Öl sind da – wie zum Beispiel Windkraft.

Die Alternativen zu russischem Gas und Öl sind da – wie zum Beispiel Windkraft.

Frankfurt am Main. Das war ein Schocker. CDU-Chef Friedrich Merz hat die Bundesbürger kürzlich darauf vorbereitet, dass es mit unserem Wohlstand, wie wir ihn kennen, vorbei ist. Weil es billige Energie aus Russland (Rohöl, Diesel und Erdgas) nicht mehr geben wird.

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Die Entwicklungen der vergangenen Tage wirken wie eine Bestätigung für diese These. Die EU bastelt an einem Embargo für russisches Öl, und die Gasversorgung wird mit jedem neuen Tag prekärer. Zunächst das Abschalten einer Übergabestation in der Ostukraine. Und jetzt auch noch die Sanktionen des Kremls gegen ehemalige westliche Töchter des Staatskonzerns Gazprom.

Putin treibt die Preise für Gas in die Höhe

Diese Gemengelage hat zu Verwerfungen an den globalen Märkten für Energierohstoffe geführt, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Wer am Donnerstagmorgen im europäischen Großhandel Erdgas zur Lieferung im Juni kaufen wollte, musste dafür 107 Euro pro Megawattstunde zahlen. Das ist ein Preissprung um 13 Prozent im Vergleich zum Mittwoch. Und ist mehr als fünfmal so viel wie vor einem Jahr. Der Preis von Rohöl hat sich in diesem Zeitraum fast verdoppelt.

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Russia Putin Victory Day Parade 8187044 09.05.2022 Russian President Vladimir Putin attends a military parade on Victory Day, which marks the 77th anniversary of the victory over Nazi Germany in World War Two, in Red Square in central Moscow, Russia. Mikhail Metzel / POOL Moscow Russia PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xMikhailxMetzelx

Der schwache starke Mann von Moskau

Kriegserklärung? Generalmobilmachung? Nichts davon verkündete Russlands Staatschef in seiner Rede am 9. Mai. Sein Auftritt fiel defensiver aus als erwartet – und wirft ein Licht auf die neuen Schwächen des angeblich so starken Mannes in Moskau. Für Putin gibt es keine guten Optionen mehr.

Experten betonen, dass Putin kein guter Stratege, aber ein guter Taktiker ist. Die aktuellen Daten belegen dies. Der Kriegsherr und Alleinherrscher arbeitet mit Nadelstichen. Erst die Forderung nach Begleichung von Gasrechnungen nur noch mit Rubel, dann der fragwürdige Vorfall an der Übergabestation, jetzt die Moskauer Vergeltungssanktionen. Das hat den Preisen für den flüchtigen Rohstoff immer wieder neue Schübe nach oben verliehen.

So erzeugt Putin politische und ökonomische Turbulenzen in Europa, und er sorgt zugleich für hohe Einnahmen seiner Staatskonzerne, was wiederum die schwer angeschlagene russische Ökonomie zumindest vorübergehend am Laufen hält. Mit der Fortdauer des Krieges dürfte es so weitergehen. Wobei viele Experten davon ausgehen, dass sich der Kremlchef auch eine Nulllösung bei den Gasexporten offenhält – je nach taktischer Lage. Die Bundesregierung jedenfalls kalkuliert damit, dass mit den Gastransporten gen Westen abrupt Schluss sein könnte.

Russische Sanktionenliste: Verfügung gegen ehemalige Gazprom-Töchter

Russland hat gegen die Firma Gazprom Germania und andere ehemalige Tochterunternehmen seines staatlichen Gaskonzerns Sanktionen verhängt.

Strategisch ist klar, dass Russland als Geschäftspartner der europäischen Staaten für Energiedeals auf absehbare Zeit wegfällt – was Russland und Putins Regime langfristig in arge Bedrängnis bringen könnte, weil die Staatseinahmen dauerhaft einbrechen. Und für die bisherigen Kunden in der EU und insbesondere für Deutschland bedeutet dies tatsächlich: Abschied nehmen von fossiler Energie, die über Pipelines zu uns kommt. Und der Ersatz durch Einfuhren von verflüssigtem Gas (LNG) per Schiff, der jetzt eilig von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) organisiert wird, ist allein schon wegen der technischen Gegebenheiten erheblich teurer.

Also Wohlstand ade? Wer so argumentiert, vergisst zweierlei. Erstens, hohe Preise senden Signale aus. Nämlich nach sparsamen Alternativen zu suchen jenseits der fossilen Energie. Und zweitens: Diese Alternativen sind längst da.

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Bessere Förderprogramme für Wärmepumpen

Sie sind technisch ausgereift, über einen langen Zeitraum in jeder Hinsicht erprobt. Deutschland hat das notwendige Know-how. Gemeint sind natürlich die sogenannten grünen Technologien. Die Erzeugung von Strom unter Zuhilfenahme von Wind und Sonne.

Elektrische Energie kann fossilen Sprit im Verkehrssektor genauso wie Erdgas beim Heizen ersetzen – Letzteres durch Wärmepumpen. Diese Apparaturen veranschaulichen eindrucksvoll, worum es nun geht: Die Erzeugung der Wärmepumpenwärme ist zwar eine preiswerte Sache geworden. Der Haken ist nur, dass die Anschaffung der Anlagen enorm kostspielig ist.

ARCHIV - 15.08.2016, Schleswig-Holstein, ---: Der Offshore-Windpark «Butendiek», etwa 30 Kilometer vor der Insel Sylt in der Nordsee. (zu dpa: «IG Metall: Noch lange kein «Grünes Job-Wunder» in der Windindustrie») Foto: Daniel Reinhardt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Viel Wind um wenig Energie

Um unabhängig von Russland zu werden, müssten Deutschlands Küsten zu gigantischen Windparks umgebaut und an leistungsstarke Übertragungsnetze angeschlossen werden. Doch wenig geschieht, auch wegen viel zu langer Genehmigungsverfahren. Wacht die Politik endlich auf?

Deshalb haben viele Hausbesitzer bislang davon die Finger gelassen. Im Heizkeller muss nun eine möglichst zügige Umrüstung angegangen werden. Das funktioniert nur mit noch besser ausgestatteten staatlichen Förderprogrammen als in der Vergangenheit. Ähnliches gilt für andere Bereiche. Wobei im Individualverkehr die E-Mobilität längst ein Selbstläufer ist. Aber bei der Elektrifizierung von Bussen und Bahnen müssen Bund, Länder und Kommunen noch sehr viel tun.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

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Schließlich die Industrie: Hier ist die Aufgabe, Erdgas zu ersetzen, besonders anspruchsvoll. Vor allem dafür benötigen wir vorübergehend LNG. Es dürfte ein Jahrzehnt brauchen, um auf grünen Wasserstoff umzustellen.

LNG-Terminals: Bundesregierung will Ausbau massiv beschleunigen

Das Bundeskabinett verabschiedete am Dienstag einen Gesetzentwurf, den die Regierungsfraktionen SPD, Grüne und FDP nun in den Bundestag einbringen wollen.

Unterm Strich: Wir müssen gigantische Investitionen stemmen, an Schuldenbremsen und schwarze Nullen ist da, nebenbei erwähnt, für die nächsten Jahre nicht zu denken. Richtig ist: Für einige Sektoren wie der Mineralölbranche – der es gerade wegen hoher Preise prächtig geht – wird die Transformation schmerzhaft. Doch die Investitionen werden sich sehr schnell lohnen. Denn Sonnenstrom ist jetzt schon erheblich billiger als fossile Energieträger, und er wird noch billiger werden.

Die Volkswirtschaft, die abhängig bleibt vom Fossilen, wird früher oder später selbst zum Fossil. Wer aber konsequent auf die Erneuerbaren setzt, wird langfristig enorme ökonomische Vorteile haben. Also nicht weniger, sondern mehr Wohlstand.

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