Warum ein Gesetz­entwurf zur Religions­freiheit in Australien Kritik auslöst

Das australische Parlament in Canberra (Archivfoto).

Das australische Parlament in Canberra (Archivfoto).

Sydney. Eigentlich hat ein neuer Gesetz­entwurf in Australien mit dem Titel „Religious Discrimination Bill“ die Religions­freiheit im Sinn. Menschen mit unterschiedlichen Glaubens­richtungen sollen vor Diskriminierung geschützt werden. Doch sollte der neue Gesetz­entwurf vom australischen Parlament abgesegnet werden, so könnten andere Gruppen dadurch noch mehr diskriminiert werden, als dies ohnehin schon der Fall ist.

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Betroffen ist vor allem die LGBTQ-Gemeinde. Beispiels­­weise könnten katholische Schulen homo­sexuelle Lehrer entlassen oder schwule und lesbische Schüler aus der Schule werfen und sich dabei auf ihren Glauben stützen. Vor allem transgender Kinder könnten Ablehnung erfahren.

Der neue Gesetz­entwurf hat zu hitzigen Debatten im Parlament in Canberra und in der australischen Gesellschaft geführt. Denn er zeigt auf, wie der Schutz einer Gruppe eine andere diskriminieren kann. „Wir als Parlamentarier haben die Macht, diese Welt zu gestalten“, sagte Stephen Jones, ein sozial­demokratischer Oppositions­politiker, in einer eindrucksvollen Rede vor dem australischen Parlament. Wenn ein Kind den Mut zeige, es selbst zu sein, dann sei das Mindeste, das Erwachsene tun könnten, es „willkommen zu heißen“.

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Emotionale Rede

Jones teilte in seiner Ansprache seine eigene Familien­geschichte. Denn sein 15-jähriger schwuler Neffe hatte sich erst wenige Tage zuvor das Leben genommen, obwohl er eine Familie und Freunde hatte, die ihn liebten und akzeptierten, wie Jones erklärte. „Er war ein toller, kreativer, mutiger junger Mann“, sagte der Politiker. Seine Mutter und sein Vater seien in tiefer Trauer und voller Schmerz. „Er war sich nicht sicher über sein Geschlecht und kämpfte mit seiner mentalen Gesundheit.“

Jones berichtete auch von seinem eigenen 14-jährigen Sohn, der ebenfalls der LGBTQ-Gemeinde angehört. „Er entwirft und fertigt Kleidung, ist ein begnadeter Masken­bildner, bewegt sich nahtlos zwischen den Kleider­schränken von Männern und Frauen“, berichtete er. „Er trägt Absätze, die mich schwindelig machen, und hat mehr Hand­taschen als seine Schwester.“

Sein Sohn schwimme gegen den Strom, und er liebe ihn und unterstütze ihn bedingungslos. Gleich­zeitig sei er aber jedes Mal wieder voller Angst, wenn sein Sohn das Haus verlasse und er nicht wisse, wie der Rest der Welt ihn aufnehme. „Könnte dies der Tag sein, an dem wir einen Anruf erhalten, der uns mitteilt, dass etwas passiert ist?“, sagte er. „Dass er angegriffen wurde, nur weil er so war, wie er ist?“

Vor allem eine Gefahr für transgender Kinder

Jones fürchtet, dass der neue Gesetzes­entwurf die Diskriminierung, die sein Sohn und sein Neffe immer wieder erfahren mussten, in Teilen legitimiere. Deswegen plädierte er: „Lasst uns im Namen der Religions­freiheit nichts tun, was denen von uns, die wir lieben, Schaden zufügt.“ Jones betonte, nicht gegen das Gesetz an sich zu sein, es müsse aber so formuliert werden, dass andere Gruppen nicht diskriminiert werden.

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Bridget Archer, eine Abgeordnete der regierenden Liberal Party, hat sich ebenfalls offen gegen die derzeitige Version des Gesetz­entwurfs ausgesprochen, die ihre Partei umsetzen möchte. Sie fürchtet, dass vor allem transgender Kinder dadurch Mobbing oder Ausgrenzung erfahren könnten und dies zu mehr psychischen Problemen für diese jungen Menschen führen könnte. „Warum um alles in der Welt würden wir das jemandem antun wollen?“, sagte sie. „Im Jahr 2022 kann ich nicht glauben, dass wir dieses Gespräch überhaupt führen.“

„Unser Lebensstil ist bedroht“

Eine Petition, die bereits fast 200.000 Unterschriften gesammelt hat, gibt weitere Beispiele, was das neue Gesetz möglich machen könnte: So dürfte ein Kinder­garten einer allein­erziehenden Mutter beispiels­weise sagen, dass es eine „Sünde“ sei, ihr Kind ohne Vater aufzuziehen, wie es in der Petition heißt. Oder Pflege­personal könnte zu einem HIV-Patienten sagen, dass seine Erkrankung eine „Strafe Gottes“ sei. Ist es bisher zu solchen Vorfällen gekommen, so konnten die Betroffenen wegen Diskriminierung klagen. Das neue Gesetz würde, sollte es verabschiedet werden, diese Rechte jedoch außer Kraft setzen.

„Unser Lebensstil ist bedroht“, schrieb Emma Linton, die die Petition ins Leben gerufen hat, deswegen auch. Eine Gruppe religiöser Konservativer und Fanatiker drohe damit, Frauen und Minderheiten­gruppen zu verfolgen. „Das ist nicht der Weg einer friedlichen, harmonischen und säkularen Gesellschaft.“

Gefährliche Gratwanderung

Australiens Premierminister Scott Morrison hatte bei der Vorstellung des Gesetz­entwurfs im vergangenen November eigentlich noch betont, das Gesetz ziele rein darauf ab, den Glauben von Menschen zu schützen, dürfe aber nicht zu „Schikane“ oder „Verleumdung“ von anderen führen. Auch vor wenigen Tagen betonte der liberal-konservative Politiker noch, dass es ein wichtiger Gesetz­entwurf sei. „Es ist ein Gesetz­entwurf, der zur Folge hat, dass eine Sikh-Familie eine Wohnung mieten kann und dabei nicht diskriminiert wird.“

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Wie schwierig die Gratwanderung zwischen religiösen Ansichten und Diskriminierung von anderen Gruppen in der Realität jedoch ist, zeigte eine weitere Debatte in Australien erst vor Kurzem wieder. So legte eine christliche Schule in Brisbane den Eltern bei der Einschulung ihrer Kinder einen Vertrag vor. Mit ihrer Unterschrift sollten sie Transgender ablehnen und Homosexualität als „Sünde“ verdammen. Nach einem landesweiten Aufschrei nahm der Schulleiter inzwischen eine Auszeit.

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