Acht mutmaßliche Helfer vor Gericht

Terrorattentat von Nizza: Prozess um eine Wahnsinnstat

Ermittlungen direkt nach dem Attentat 2016: Polizisten stehen um den Lastwagen, mit dem der Attentäter am Nationalfeiertag in eine Menschenmenge an der Strandpromenade gerast war. 86 Menschen starben.

Ermittlungen direkt nach dem Attentat 2016: Polizisten stehen um den Lastwagen, mit dem der Attentäter am Nationalfeiertag in eine Menschenmenge an der Strandpromenade gerast war. 86 Menschen starben.

Paris. Es ist kurz vor 23 Uhr an diesem Sommerabend des 14. Juli 2016, als Anne Gourvès in Panik die Strandpromenade von Nizza entlangläuft, gegen den Strom von Tausenden Menschen, die nur eines wollen: weg von hier. Gerade ist ein Lastwagen die eigentlich für den Verkehr gesperrte Straße entlanggerast und hat dabei Hunderte Menschen zu Boden gerissen oder überfahren. „Es ist unvorstellbar. Ich sehe die Kadaver, bedeckt mit weißen Tüchern“, wird Anne Gourvès später erzählen.

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An jenem Abend sucht sie ihre zwölfjährige Tochter Amie, die mit der Familie ihrer Freundin Chérine an der „Promenade des Anglais“ das traditionelle Feuerwerk am Nationalfeiertag ansehen wollte. Kurz zuvor kam der Anruf von Chérines Mutter: „Anne, es gab ein Attentat auf der Promenade. Unsere Töchter sind verletzt, mein Sohn ist tot.“ Als Gourvès ihr Mädchen endlich findet, glaubt sie, es sei nur angeschrammt, „wie nach einem Sturz vom Rad“. Doch noch am selben Abend stirbt Amie an ihren inneren Verletzungen.

Viele Kinder waren unter den 86 Todesopfern und 458 Verletzten bei dem Anschlag, der Nizza, die strahlende Stadt an der Côte d’Azur, in schwarze Trauer tauchte. Verübt hatte ihn der Tunesier Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, der noch am Steuer des 19 Tonnen schweren Kühllasters von Polizisten erschossen wurde. Zwei Tage später bekannte sich die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) zu dem Anschlag. Ob diese wirklich involviert oder vorab informiert war, ist bis heute unklar.

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Unter anderem diese Frage wird beim Prozess verhandelt werden, der am Montag beginnt. Er findet in neuen Räumlichkeiten im Pariser Justizpalast statt, wo vor zwei Monaten der Mammutprozess um die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 endete. Die Verhandlungen werden für die Archive gefilmt und zugleich in ein Kongresszentrum in Nizza übertragen, wo die meisten Opfer und Hinterbliebenen leben.

Bataclan-Prozess: Hauptangeklagter zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt

Bei den Anschlägen hatten Extremisten im November 2015 130 Menschen getötet und 350 weitere verletzt.

Viele von ihnen werden aussagen. „Sich ausdrücken zu können, die Wut, den Hass, die Traurigkeit – das ist eine wichtige Etappe im Heilungsprozess“, sagt Stéphane Erbs, Co-Präsident der Opfervereinigung „Promenade des Anges“ („Engelspromenade“), der an jenem Abend an der „Promenade des Anglais“ seine Frau verloren hat.

Dass der Haupttäter beim Prozess auf der Anklagebank fehlt, ist für viele der mehr als 850 Nebenkläger frustrierend, sagt Éric Morain, Anwalt der nationalen Vereinigung der Opfer von Attentaten: „Es wird viele Fragen geben, auf die niemand Antworten geben kann.“

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Vor Gericht verantworten müssen sich eine Frau und sieben Männer, die Lajouaiej-Bouhlel bei der Planung und Ausführung seiner Gräueltat unterstützt haben sollen. Drei der Angeklagten wird die Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, da sie demnach von dem mörderischen Vorhaben des Täters wussten – zwei von ihnen drohen Gefängnisstrafen von bis zu 20 Jahren und einem lebenslange Haft. Fünf weitere Personen, die Waffen lieferten, könnten zu Strafen zwischen fünf und zehn Jahren verurteilt werden.

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Motiv bisher unklar

Bei dem Prozess wird es auch um die Beweggründe von Lahouaiej-Bouhlel gehen, der 2005 aus Tunesien nach Nizza kam und dort eine Frankotunesierin heiratete, mit der er drei Kinder hatte. Beide lebten in Trennung, zweimal hatte sie ihn wegen Gewalt in der Ehe angezeigt. Der Attentäter, zum Zeitpunkt der Tat 31 Jahre alt, galt als brutal, psychisch labil und war der Polizei wegen Diebstahls und Gewaltdelikten bekannt, nicht aber wegen Radikalisierung. Er ging nicht in die Moschee, trank Alkohol und nahm Drogen, hatte aber IS-Propaganda-Videos angesehen.

Seinen Anschlag hatte er genau geplant und zehn Tage zuvor den Kühllaster gemietet, mit dem er die Strandpromenade immer wieder abgefahren war. Er wartete bis zum Nationalfeiertag, an dem 30.000 Menschen unterwegs waren, darunter viele Familien und Touristen, und wählte den herausragendsten Ort der Stadt aus – die elegante, mit Palmen gesäumte Uferpromenade. Dort erinnert heute ein Denkmal an die Opfer. Etliche Fotos von ihnen sind dort aufgestellt – lachende, fröhliche Gesichter von Menschen, die plötzlich aus dem Leben gerissen wurden, wie Amie Gourvès. Der Prozess dauert bis zum 16. Dezember.

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