Bomben in Boston

Teilnehmer aus Hannover erleben Drama

ENTKOMMEN: Vater Edgar und Sohn Ulf Steckelberg haben den Bombenanschlag überlebt.

ENTKOMMEN: Vater Edgar und Sohn Ulf Steckelberg haben den Bombenanschlag überlebt.

Hannover/Boston. Tochter wartet verzweifelt auf den Anruf

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Er ist schon in Toronto gelaufen und beim Honolulu-Marathon auf Hawaii sogar mal Dritter seiner Altersklasse geworden - nun wollte Edgar Steckelberg den letzten der Big Five schaffen. So nennen sich die fünf größten Marathons der Welt: New York, Chicago, London, Berlin und eben Boston. „Er ist ein Bezwinger“, sagt seine Tochter Birgit über ihren Vater, der mit 76 Jahren noch mal über den Großen Teich flog, um seinen großen Traum zu verwirklichen. Der Gründer und Chef einer der traditionsreichsten Fahrschulen Hannovers war gut unterwegs in Boston, die Halbmarathon-Matte nach 21 Kilometern passierte er nach zwei Stunden, 52 Minuten, doch dann meldete das Internet nichts mehr. Gar nichts. Auch nicht die Zielzeiten seiner Söhne Jörg und Ulf, die den Vater samt Ehefrau Ellen begleitet hatten bei der aufregenden Reise.

„Ich saß zu Hause und wartete und wartete“, sagte Birgit Steckelberg, die in Ricklingen nur wenige Meter von der Fahrschule entfernt wohnt: „Als ich dachte, die müssen doch alle längst im Ziel sein, bin ich auf die Seite von CNN gegangen.“ Da las Birgit vom Bombenattentat und bekam „einen Schreck, dass mir die Luft wegblieb“.

Gegen 21 Uhr Hannover-Zeit begann am Montag das bange Warten, das mit dem erlösenden Anruf kurz vor Mitternacht endete. „Alle sind heile und mit dem Schrecken davongekommen“, so Birgit Steckelberg, selbst eine Marathonläuferin mit Starts in Hamburg und Berlin. Aber der Schreck sitzt tief, es ist wohl auch ein Schock. „Ich möchte darüber nicht sprechen. Bitte haben Sie Verständnis“, sagte Jörg Steckelberg, den die NP in Boston am Handy erreichte. Der 42-Jährige war fünf Kilometer vor dem Ziel von der Polizei aus dem Rennen genommen worden, Vater Edgar war noch zehn Kilometer vom Ziel entfernt und musste in einer Kirche auf die Entwarnung warten.

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Beide brauchten hinterher lange, bis sie Ulf Steckelberg fanden. Der mit 39 Jahren jüngste Sohn und schnellste Läufer war dem Ziel schon ganz nah, als die Bomben explodierten. „Er hatte wohl nur noch 600 Meter zu laufen“, sagte Schwester Birgit, die von „sehr großem Glück“ sprach und „extrem froh“ über den Ausgang war: „Das war schon eine immense Aufregung für uns alle.“ Edgars Schwester Heidi dankt „dem lieben Gott, dass er für uns alles gut ausgehen hat lassen“. Jörg und Ulf Steckelberg werden schon heute in Hannover zurückerwartet,ihre Eltern Edgar und Ellen wollen dem Marathon-Schock mit zwei Urlaubswochen in den USA begegnen. Sie werden die Erholung gut gebrauchen können.

Als es knallt, ist Michael Feustel unterwegs ins Hotel

Plötzlich knallt es. Michael Feustel ist in diesem Moment auf dem Weg zur U-Bahn, erzählt der Neustädter später einem Bekannten – an einen Anschlag denkt er da noch nicht. Zuvor ist er den Boston-Marathon in einem starken Tempo gelaufen: Drei Stunden, 43 Minuten hat der Triathlet gebraucht. Erst als er im Hotelzimmer die Nachrichten einschaltet, begreift er, welches Glück er und seine Frau gehabt haben: Denn die hatte Feustel am Ziel erwartet. Genau gegenüber der Stelle, an der es zu den Explosionen kam.

Hämelerwald geschockt

Auch in Boston am Start waren Gerhard Kloth-Henkel, Marlis Janowsky (56) und Mike Asche (36) vom Lauftreff Hämelerwald (Lehrte). Auf der Homepage des Marathons wurden die Zeiten des Trios letztmals bei Kilometer 40 aktualisiert, das Feld für die Zeiten beim Zieleinlauf blieb jedoch bei allen leer. Nach einiger Zeit des ungewissen Wartens hat es dann eine SMS der Läufer in die Heimat geschafft – Telefonieren war kurz nach dem Anschlag nicht möglich. Die beruhigende Nachricht: „Ihnen ist nichts passiert“, sagt Peter Bernatek vom Lauftreff. Aber natürlich „sind wir und auch unsere Läufer noch geschockt“, so Bernatek.

In der Nacht simste Petra Rudszuck: „Alles klar bei mir“

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Sie war zwei Kilometer vom Zieleinlauf entfernt, als die erste Bombe detonierte. Petra Rudszuck, SPD-Regionsabgeordnete, hat bei ihrem Marathon in Boston Riesenglück gehabt. Am Sonnabend war die 51-Jährige mit einer Läufergruppe in die USA geflogen. Im Fraktionsvorstand hatte sie noch davon geschwärmt, nach New York und Chicago jetzt in Boston an den Start zu gehen.

Eltern und Sohn hatten die Diplompädagogin aus Hannover nicht begleitet, aber im Internet das Rennen verfolgt. Für sie war es das blanke Entsetzen, als nach der Halbzeit (2:22:15) keine Meldung mehr zu sehen war. Kurze Zeit später kam die erste Teletextmeldung über den Anschlag.

Auch im SPD-Ortsverein Kirchrode, dessen Mitglied Rudszuck ist, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Bezirksbürgermeister Bernd Rödel: „Wir waren beim Königsschießen in Bemerode. Meine Frau hat mich alarmiert, als sie in den Nachrichten von den Explosionen hörte.“ Mit Freunden von Petra Rudszuck organisierte er so etwas wie eine Telefonschaltung: „Wir wollten alle wissen, wie es ihr geht.“ Anrufe besorgter Angehöriger, Freunde und politischer Gefährten müssen zuhauf auf Rudszucks Handy gelandet sein. Doch das lag unter den Utensilien der Sportler verstaut in der Nähe des Zieleinlaufs – und sie durfte nicht dahin. Gestern Morgen herrschte große Aufregung in der hannoverschen SPD. Angelika Walther (SPD), stellvertretende Regionspräsidentin, bemühte sich, etwas über das Befinden ihrer Freundin in Erfahrung zu bringen.

Kurze Zeit später gab es Entwarnung. Um ein Uhr nachts (deutsche Zeit) simste Petra Rudszuck ihrer Freundin Stephanie Gudat: „Alles klar bei mir.“ Auf die Frage, ob es ihr gut gehe, meldete sie sich auch gegen Mittag beim SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Michael Klie: „Alles klar. Kurz vorm Ziel war Schluss. Liebe Grüße.“

Die Kommunalpolitikerin hatte großes Glück gehabt. Denn ihre Laufzeit zwischen viereinhalb und fünf Stunden lag genau in dem Zeitfenster, als die Bombe im Zieleinlauf explodierte.

Petra Rudszuck ist eine erfahrene Marathonläuferin. „Ihr Ziel ist es, die Big Five zu laufen“, sagt Freundin Gudat. Also neben den drei großen amerikanischen Rennen auch noch London und Berlin. Nach dem anstrengenden Lauf und den schrecklichen Ereignissen in Boston steht heute für die Mitarbeiterin des städtischen Kulturbüros Ausspannen beim Sight-Seeing auf dem Plan. Stephanie Gudat: „Sie reist heute zu den Niagara-Fällen.“ Vielleicht kann sie da die Ereignisse etwas verarbeiten.

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