Frust bei Bundeswehr wächst

Letzte Rettung Nato: Warum kauft Deutschland fehlende Munition nicht bei seinen Partnern?

Ein ukrainischer Soldat in Bachmut trägt eine Rakete zu einem BM-21-Mehrfachraketenwerfer.

Ein ukrainischer Soldat in Bachmut trägt eine Rakete zu einem BM-21-Mehrfachraketenwerfer.

Die Bundeswehr steckt in einer Munitionskrise historischen Ausmaßes. Für 30 Kampftage sollen die Armeen der Nato-Staaten eigentlich Munition vorhalten. Deutschland kommt wohl höchstens auf zwei Tage. Von der angekündigten Zeitenwende ist keine Spur.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Genaue Zahlen zu den Munitionsvorräten der Bundeswehr sind geheim. Doch die Bundesregierung hat angekündigt, aufgrund der Nato-Verpflichtung und der Munitionslieferungen an die Ukraine neue Munition für Milliarden zu kaufen. Beim Krisentreffen mit Vertretern der Rüstungsindustrie hat das Kanzleramt die desaströse Ausstattung in dieser Woche zur Chefsache gemacht. Verteidigungsministerin Lambrecht blieb dem Treffen fern.

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„Werden aber viele Monate brauchen“

Erste Unternehmen wie Rheinmetall haben inzwischen erklärt, sie könnten schnell produzieren. „Wir werden aber viele Monate brauchen, bis wir die Munitionsdepots der Bundeswehr aufgestockt haben“, sagt Christian Mölling, Militärexperte und Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). „Die Regierung hätte zu Beginn des Kriegs Munition bestellen müssen, als sie Panzerhaubitzen und viele Munitionspakete, aber auch portable Flugabwehrraketen an die Ukraine abgegeben hat“, stellt Mölling im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) klar.

Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie hatte erklärt, dass bisher kaum Bestellungen eingegangen sind. Nach der „Zeitenwende“-Erklärung von Kanzler Scholz im Bundestag wurden 250 Rüstungskonzerne aufgefordert, Angebote für Munition, Ersatzteile und weiteres militärisches Material vorzulegen. Bestellt wurde dann aber kaum etwas. Dabei sei ganz klar gewesen, so DGAP-Forschungsdirektor Mölling, dass die Munitionsbestände zur Neige gehen.

Im Sommer gab es zwar angeblich einen Antrag, so der Experte, um Munition für über 25 Millionen Euro zu beschaffen. Doch dieser Antrag wurde offenbar wieder zurückgezogen. „Warum, ist einfach unerklärlich und zeugt von einer enormen Verantwortungslosigkeit“, sagt Mölling.

Munition von Nato-Partnern? Keine Option

Doch könnte Deutschland nicht einfach bei EU- und Nato-Partnern Munition kaufen, um seine Lager aufzufüllen? Laut Experte Mölling ist das keine Option. Denn auch die anderen Nato-Staaten arbeiten gerade an ihrer Munitionsbeschaffung. Beinahe alle Staaten, die Munition an die Ukraine geliefert haben, müssen sich derzeit neu eindecken. „Jetzt haben alle Länder bereits Munition nachbestellt, und Deutschland muss sich mit seiner späten Bestellung hinten anstellen oder einen höheren Preis zahlen“, sagt Mölling. „Hätten wir vor neun Monaten Munition gekauft, wäre das schneller und billiger gewesen.“ Der Bundesregierung sei das auch bekannt gewesen. Schon jetzt zeichne sich in Bundeswehrkreisen eine große Frustration ab.

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Über Monate wird die Bundesregierung mit großem Erstaunen auf den Rüstungsmarkt schauen, weil Munition und Waffen noch teurer und noch später kommen werden.

Christian Mölling,

DGAP-Forschungsdirektor

In der Bundeswehr gibt es schon seit Jahren einen chronischen Mangel an Munition und Waffen. In den 1980er-Jahren waren die Lager voll, dann wurden sie nach und nach verkleinert. Jetzt kommt der akute Mangel aufgrund der Lieferung von Munition und Waffen an die Ukraine dazu. Der Munitionsverbrauch in der Ukraine ist hoch, und zusammen mit den jahrelangen Defiziten schätzte die Bundesregierung, dass es an Munition im Wert von rund 20 Milliarden Euro mangelt. Beobachter gehen von bis zu 30 Milliarden Euro aus, die Deutschland in neue Munition investieren müsste. Nicht einberechnet ist hier, dass Deutschland auch zukünftig die Ukraine mit Munition beliefern will.

Selenskyj erwartet weiteren Beschuss und stellt Ukraine auf harte Zeit ein

Er erwarte in den kommenden Tagen weiteren Raketenbeschuss, sagte Selenskyj in seiner nächtlichen Videobotschaft.

Während Deutschland über Munition für die Bundeswehr diskutiert, ist die Ukraine viel dringender auf Nachschub angewiesen. Der Mangel an Munition im Westen wird zunehmend zum Problem für die Ukraine. Dabei macht die gerade „unseren Job“, so Mölling. „Alle russischen Panzer, die ukrainische Streitkräfte mithilfe unserer Munition zerstören, brauchen wir im Ernstfall nicht mehr zu zerstören“, sagt der Experte. Und mit mehr Munition würde dieser Job deutlich einfacher sein.

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