Langstreckenraketen und scharfe Munition

Die Einkreisung einer Insel: Wie China die Blockade Taiwans simuliert

Auf diesem Bild, das aus einem Video des chinesischen Fernsehsenders CCTV stammt, wird ein Projektil von einem nicht näher bezeichneten Ort in China abgeschossen (bestmögliche Qualität).

Auf diesem Bild, das aus einem Video des chinesischen Fernsehsenders CCTV stammt, wird ein Projektil von einem nicht näher bezeichneten Ort in China abgeschossen (bestmögliche Qualität).

Wie beim sprichwörtlichen gallischen Dorf, das von Römerlagern umzingelt wird, haben sich die chinesischen Truppen am Donnerstag aus allen Himmelsrichtungen rund um Taiwan positioniert. Nur wenige Kilometer von der Inselküste entfernt begann die Volksbefreiungsarmee an sechs Zonen mit ihren angekündigten Manövern. Und wie das Verteidigungsministerium in Taipeh bereits am Nachmittag bestätigte, wurde dabei auch scharf geschossen: Unter anderem zündete Chinas Militär mehrere Flugkörper, darunter auch Langstreckenraketen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Während Nancy Pelosi bereits längst in Südkorea weilt, müssen die mehr als 23 Millionen Taiwaner nun mit den Konsequenzen des umstrittenen Besuchs der US-Politikerin zurechtkommen. Am Schicksal der demokratisch regierten Insel sind die ohnehin gefährlich hohen Spannungen zwischen den zwei Weltmächten USA und China noch einmal weiter eskaliert.

China will von „Bedrohung“ nichts wissen – und provoziert wie nie zuvor

Im Pekinger Außenministerium möchte man hingegen von einer „Bedrohung“ nichts wissen. Sprecherin Hua Chunying nannte die sich bis Sonntag streckenden Militärmanöver stattdessen eine „notwendige Antwort“, die allein „Chinas territoriale Souveränität“ betreffen würde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Doch natürlich stellen die Maßnahmen eine bisher nie dagewesene Provokation dar – nicht zuletzt, weil sie de facto eine Inselblockade in Echtzeit simulieren. Militärexperten halten das Szenario einer wirtschaftlichen Isolation Taiwans durch China als wahrscheinlicher verglichen mit einem offenen Eroberungskrieg. Im chinesischen Staatsfernsehen bezeichnete Generalmajor Meng Xiangqing die Manöver als bisher engste „Einkreisung der Insel“: „Das schafft sehr gute Voraussetzungen, um die strategische Lage zugunsten einer Wiedervereinigung zu gestalten.“

News Bilder des Tages 220204 -- BEIJING, Feb. 4, 2022 -- Chinese President Xi Jinping holds talks with Russian President Vladimir Putin at the Diaoyutai State Guesthouse in Beijing, capital of China, Feb. 4, 2022.  CHINA-BEIJING-XI JINPING-RUSSIA-PUTIN-TALKS CN LixTao PUBLICATIONxNOTxINxCHN

Umzingeltes Taiwan: Will Xi jetzt Krieg?

Mit sechs Seemanövern probt China die Umzingelung von Taiwan. Im schlimmsten Fall könnte Präsident Xi Jinping befehlen, aus dem Manöver überzugehen zum Ernstfall, einer Blockade der Insel. Doch will Xi wirklich Krieg? Eine Rückkehr zu Stabilität wäre schon aus ökonomischen Gründen besser – für den Westen ebenso wie für China selbst.

Und tatsächlich sind die Militärmanöver in ihrem Umfang diesmal wesentlich größer als noch während der historischen „Raketenkrise“ Mitte der 90er-Jahre, als China ebenfalls Raketen im Norden und Süden über Taiwans Hoheitsgewässer schoss. Die USA entsandten damals zwei Flugzeugträger, in diesem Sommer könnten sie laut Expertenschätzungen etwa fünf Flugzeugträger innerhalb der nächsten 30 Tage mobilisieren.

Haben Chinas Militärübungen unerwünschte Nebeneffekte?

Doch wie Mick Ryan, ein pensionierter Armeegeneral aus Australien kommentiert, könnten die derzeitigen Übungen der chinesischen Streitkräfte schlussendlich für Peking unerwünschte Nebeneffekte haben: Denn die Manöver werden in den kommenden Tagen unweigerlich „wertvolle Einblicke in das militärische Denken und die Fähigkeiten Chinas geben“ – und damit etwa der internationalen Staatengemeinschaft auch potenzielle Schwachstellen der Chinesen offenbaren. Jenes Wissen sei für den Westen von unschätzbarem Wert und helfe bei der künftigen strategischen Ausrichtung in dem Konflikt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
China startet Militärmanöver vor Taiwan

China macht die Drohung wahr. Als Reaktion auf den Besuch von US-Politikern Nancy Pelosi in Taiwan feuerte das chinesische Militär mehrere Raketen ab.

Beim Verteidigungsministerium in Taipeh gab man sich am Donnerstag betont souverän. „Wir streben keine Eskalation an, aber wir scheuen auch nicht zurück, wenn es um unsere Sicherheit und Souveränität geht“, hieß es in einer Stellungnahme. Die chinesischen Militärmanöver wurden darin als „irrationale Handlungen“ bezeichnet, die „den regionalen Frieden gefährden“.

Baerbock ruft zur Deeskalation auf

Bei den internationalen Reaktionen war vor allem die Vorsicht zu spüren, die Spannungen in diesem Konflikt nicht weiter anzufachen. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock rief etwa während ihres Besuchs in Kanada zur Deeskalation auf: Pelosis Besuch dürfe „nicht als Vorwand für militärische Drohgebärden genutzt werden“.

Denn der Taiwan-Konflikt im Indopazifik gilt als möglicher Ausgangspunkt einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Peking und Washington. US-Präsident Joe Biden verfolgt wie auch seine Vorgängerregierungen eine Strategie der „Ambiguität“: Man will es sich offenlassen, inwieweit man selbst eingreifen würde, wenn China den Inselstaat angreifen würde.

Für Xi Jinping ist die vollständige Annexion von Taiwan eine emotionale und persönliche Angelegenheit

Doch für Xi Jinping ist die Angelegenheit eine höchst persönliche und auch emotionale. Sein Vater Xi Zhongxun, hochrangiger Parteikader, stand jahrelang in geheimem Austausch mit Vertretern aus Taipeh, um auf eine Wiedervereinigung hinzuarbeiten. Dass er diese zu seinen Lebzeiten nicht mehr erreichte, kränkte ihn zutiefst. Sein Sohn Xi Jinping hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, die Vision eines geeinten Mutterlands zu vollenden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Hauptstadt-Radar

Der Newsletter mit persönlichen Eindrücken und Hintergründen aus dem Regierungsviertel. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Offiziell verfolgt Chinas Staatsführung weiterhin die Strategie, dass man die Herzen der Taiwaner für eine friedliche Wiedervereinigung erobern wolle. Dass dies längst nicht mehr realistisch scheint, ist mehr als offensichtlich. Denn die Kommunistische Partei zieht sich seit Jahren zunehmend den Zorn der Inselbewohner zu.

Erst am Mittwochabend lieferte Lu Shaye, Chinas Botschafter in Paris, einen erneuten Vorwand dafür. Während einer Talkshow im französischen Fernsehen gab er ungemein tiefe Einblicke in die Sichtweise des chinesischen Staatsapparats: „Vor zehn, zwanzig Jahren war die Mehrheit in Taiwan für eine Wiedervereinigung“, sagte Lu. Dass sich die Inselbevölkerung mittlerweile dagegen positioniere, liege nur an der „anti-chinesischen Propaganda“ der derzeitigen Regierungspartei. Das zynische Fazit des Diplomaten: „Nach der Wiedervereinigung mit Taiwan werden wir eine Umerziehung durchführen müssen.“

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen