Bedrohlicher Alltag

LGBTQ-Feindlichkeit in der Türkei nimmt zu

Mehrere Menschen wurden im Juni in Istanbul während einer Pride-Parade festgenommen, nachdem die Behörden die Pride-Parade verboten hatten.

Mehrere Menschen wurden im Juni in Istanbul während einer Pride-Parade festgenommen, nachdem die Behörden die Pride-Parade verboten hatten.

Istanbul. Den 25-jährigen Übersetzer Willie Ray, der abends als Trans-Drag-Queen auftritt, überkamen vor einer Woche Angst und Panik. Mehrere Tausend Demonstranten forderten in der Türkei ein Verbot von LGBTQ-Organisationen und vermeintlicher homosexueller Propaganda. Die englische Abkürzung LGBTQ steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und queere Menschen.

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An der Kundgebung unter dem Motto „Große Familienversammlung“ im konservativen Herzen von Istanbul nahmen Eltern mit Kindern ebenso teil wie Nationalisten, Islamisten und Verschwörungstheoretiker. Die türkische Medienaufsicht gab der Veranstaltung den Segen der Regierung, indem sie ein Promovideo in ihre Liste öffentlicher Bekanntmachungen für Fernsehsender aufnahm, in dem sexuelle Minderheiten als Virus bezeichnet wurden.

„Wir müssen uns mit aller Kraft gegen dieses LGBT verteidigen“, sagte der 21-jährige Bauarbeiter Mehmet Yalcin, der an der Demonstration teilnahm. „Wir müssen es loswerden. Wir haben genug davon und sind wirklich beunruhigt darüber, dass unsere Kinder dazu ermutigt und in diese Richtung gezogen werden.“

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„Ich fühle mich, als könnte ich öffentlich gelyncht werden“

Willie Ray und seiner Mutter jagten die Bilder von der Protestaktion große Angst ein – nicht zu Unrecht. Der europäische Zweig des Verbands Internationaler Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen-, Trans- und Intersexorganisationen führt die Türkei in seinem jüngsten Index der rechtlichen Gleichstellung an vorletzter Stelle von 49 Ländern, gefolgt nur noch von Aserbaidschan. LGBTQ-Menschen in der Türkei seien zahllosen Hassverbrechen ausgesetzt, beklagt der Verband.

„Ich fühle mich, als könnte ich öffentlich gelyncht werden“, sagt Willie Ray, der sich als nichtbinär identifiziert, über seinen Istanbuler Alltag in einem ständigen Gefühl der Bedrohung. In der Silvesternacht sei er von Fremden auf der Straße beschimpft und verfolgt worden, als er geschminkt einen Nachtclub verlassen habe.

Die Kundgebung am 18. September war die bisher größte derartige Demonstration gegen sexuelle Minderheiten in der Türkei. Die LGBTI+-Gemeinde, wie sie sich hier nennt, wird seit einigen Jahren zunehmend angefeindet, seit 2014 noch schätzungsweise 100.000 Menschen in Istanbul eine Pride-Parade gefeiert hatten.

Die Polizei schritt bei der jüngsten Protestaktion nicht ein. Im Unterschied dazu haben die Behörden die Versammlungsrechte von LGBTQ-Gruppen seit 2015 stark eingeschränkt – unter Verweis sowohl auf Sicherheitsbedenken als auch auf moralische Gründe.

Dutzende Festnahmen bei LGBTQ+-Demonstrationen in Istanbul

Die Teilnehmer waren unter anderem mit Regenbogenfahnen unterwegs und versammelten sich rund um den Taksim-Platz, der für die Öffentlichkeit gesperrt war.

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Eine für dieses Jahr geplanten Pride-Marsch hatte die Polizei unter Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern aufgelöst. Danach verbot die Regierung die Veranstaltung. Aktivisten versuchten trotzdem, sich im Juni in Istanbul zu versammeln, mehr als 370 Menschen wurden festgenommen.

Gegenwind für die LGBTQ-Gemeinde könnte noch stärker werden

Auch Präsident Recep Tayyip Erdogan fährt einen immer härteren Kurs. Vor der Wahl 2002, bei der seine Partei AKP an die Macht kam, hatte er die Diskriminierung von Schwulen und Lesben noch als unmenschlich und deren Schutz in der Türkei als Muss bezeichnet.

„Und jetzt haben wir 20 Jahre später einen ganz anderen Präsidenten, der selbst mit diesem entmenschlichenden, kriminellen Ansatz gegen die LGBTQ-Bewegung zu mobilisieren scheint“, sagt die Politikwissenschaftlerin Mine Eder von der Bogazici-Universität in Istanbul.

Vor zwei Jahren verteidigte Erdogan den Leiter der Religionsbehörde für dessen Äußerungen, Homosexualität „bringt Krankheit und führt die Generation ins Verderben“. Innenminister Süleyman Soylu bezeichnete Angehörige sexueller Minderheiten als „Perverse“. Die Türkei zog sich zudem aus einem europäischen Abkommen zum Schutz von Frauen vor Gewalt zurück. Zuvor hatten konservative Gruppen erklärt, der Vertrag fördere Homosexualität.

Und der Gegenwind könnte für die LGBTQ-Gemeinde künftig noch stärker werden. Die Verantwortlichen der jüngsten Protestkundgebung fordern ein Verbot von Organisationen sexueller Minderheiten und von LGBTQ-„Propaganda“ in sozialen Medien, Kultur und Sport.

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„Wir sind ein muslimisches Land, und wir sagen nein dazu“, erklärte die Demonstrantin Betul Colak, die ein Kopftuch mit der türkischen Flagge trug. „Unsere Staatsmänner und die anderen Parteien sollten das alle unterstützen.“

Aus Sicht von Willie Ray wäre es eine totale Katastrophe, wenn die konservative Forderung nach einem Verbot von LGBTQ-Gruppen erfüllt würde. Die Organisationen sorgten für Sichtbarkeit, psychologische Unterstützung und geschützte Räume für die Community, sagt er. Professorin Eder nennt es schlicht illegal, aus ideologischen Gründen das zivilgesellschaftliche Engagement sexueller Minderheiten lahmzulegen.

„Ich werde nicht verschwinden“

Einige LGBTQ-Gruppen verzichten bereits darauf, ihre Adressen online zu posten, nachdem sie Drohanrufe bekommen haben. Zu ihnen gehört die Nichtregierungsorganisation SPoD. „Nach all den Hassreden von Staatsvertretern ist es ein Leichtes für einen Verrückten, uns zu schaden“, sagt der 27-jährige SPoD-Aktivist Ogülcan Yediveren. „Aber diese Sicherheitsbedenken und diese Atmosphäre der Angst halten uns nicht von unserer Arbeit ab und erinnern uns stattdessen jedes Mal daran, wie wichtig unsere Arbeit ist.“

Der Schwulenaktivist und SPoD-Anwalt Umut Rojda Yildirim hält die Feindseligkeit der Demonstranten vom 18. September gegenüber sexuellen Minderheiten zwar nicht für vorherrschend in der türkischen Gesellschaft. Doch ihre Vertreter würden umso lauter, je mehr Rückhalt sie von der Regierung bekämen. „Man kann ein Büro leicht schließen, aber ich werde nicht verschwinden“, sagt er. „Meine anderen Kolleginnen und Kollegen werden nicht verschwinden. Wir werden hier sein, egal was kommt.“

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RND/AP

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