Absturz im Iran: Aufarbeitung darf nicht Regeln der Militärs folgen

Trümmer des Flugzeugs liegen an der Absturzstelle.

Trümmer des Flugzeugs liegen an der Absturzstelle.

Hannover. „Alles ist gut.“ So schrieb US-Präsident Donald Trump am Mittwoch auf Twitter. Der iranische Gegenschlag auf die Tötung von General Ghassem Soleimani, so schien es, war glimpflich ausgefallen. Alles war gut? Schon zu diesem Zeitpunkt waren Zweifel erlaubt angesichts der Trümmerbilder der ukrainischen Boeing auf einem Acker nahe der iranischen Hauptstadt Teheran.

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176 Menschen kamen ums Leben – und inzwischen glaubt kaum noch jemand an einen tragischen Zufall. Die 176 Passagiere von Flug PS 752 sind nach allem, was man jetzt weiß, wohl Opfer eines Krieges geworden, der eigentlich noch gar nicht begonnen haben soll.

Der Iran spricht weiter von einem Unglück, doch nichts deutet auf eine technische Panne hin. Die Regierungschefs von drei westlichen Staaten sind nach der Auswertung ihrer Geheimdienstinformationen davon überzeugt, dass Flug PS 752 abgeschossen wurde. Wohl kaum mit Absicht, eher aus Versehen. Ein Versehen? Es gehört zur Wahrheit des Krieges, dass er Menschen als Opfer einkalkuliert, die nichts, aber auch gar nichts mit den Konflikten zu tun haben, die zu der kriegerischen Auseinandersetzung geführt haben.

An Bord von PS 752 waren Studenten, Geschäftsreisende und Touristen auf dem Weg nach Kiew. An Bord von Malaysia Airlines Flug MH 17 waren vor allem Familien auf Urlaubsreisen, als sie im Juli 2014 von einer russischen Flugabwehrrakete über der Ostukraine aus dem Leben gerissen wurden. Zweimal innerhalb weniger Jahre gerät die zivile Luftfahrt zwischen die Fronten – und zweimal wird das Bild des modernen, „chirurgischen“ Krieges zerstört, das Militärs in der Öffentlichkeit gern zeichnen. Glaubt man den Generalen, dann ist Krieg eine Hightechveranstaltung mit surrenden Drohnen, automatisierten Kampfmaschinen und ferngesteuerten Raketeneinschlägen, eingefangen im grünen Licht der Nachtsichtgeräte.

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Hightech und Präzision? Flug MH 17 wurde abgeschossen, weil die Absender der Rakete nicht zwischen einem zivilen und einem militärischen Flugzeug unterscheiden konnten. Flug PS 752 könnte Opfer einer Flugabwehrrakete geworden sein, weil die nervösen Militärs am Flughafen nicht erkannt haben, dass da gerade eine Linienmaschine mit einer Stunde Verspätung gestartet war – und sich nicht etwa ein feindliches Militärflugzeug im Anflug befand.

Zivile Opfer mögen zur Logik des Krieges gehören, die Aufarbeitung der Katastrophen für die zivile Luftfahrt aber darf nicht den Regeln der Militärs folgen. Die Regierungen der Länder, aus denen die Opfer der Unglücksmaschinen stammen, stehen in einer besonderen Verantwortung: Sie müssen dafür sorgen, dass die Vorfälle bis ins letzte Detail aufgeklärt werden – und dass die Verantwortlichen für die Abschüsse persönlich benannt werden. Das zivile Gebot der Transparenz muss über die militärische Tugend der Geheimhaltung gestellt werden.

Die iranische Regierung, die den Abschuss bislang bestreitet, hat am Freitag zwar angekündigt, amerikanische Experten zur Aufklärung des Falls ins Land zu lassen. Warum aber durften die Mitarbeiter der betroffenen ukrainischen Airline, die bereits in Teheran sind, bislang nicht einmal die Unglücksstelle besuchen? Und warum ist der Flugschreiber des Unglücksflugzeugs immer noch unter Verschluss?

Teheran will mitten in der Krise zumindest verbal Zeichen der Entspannung senden. Auch Donald Trump ist gerade nicht an einer Eskalation interessiert. Er hat auf die jüngsten Erkenntnisse der Geheimdienste zum Flugzeugabsturz erstaunlich gelassen reagiert. An der Pflicht zur Aufklärung der Katastrophe kann das nichts ändern – auch wenn es einen ohnehin schon vielschichtigen Konflikt noch komplizierter macht. Und wenn man am Ende zu der Einsicht kommt, dass eben noch lange nicht alles gut ist in dieser Auseinandersetzung.

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