Nach zwei Jahren Pandemiepause

Karnevalsauftakt in Rio: „Wir haben so viele Freunde verloren“

Gewohnt farbenprächtig geht es beim Karneval in Rio de Janeiro zu.

Gewohnt farbenprächtig geht es beim Karneval in Rio de Janeiro zu.

Rio de Janeiro. Für Paulo Roberto da Silva (66) ist dieser Tag trotz seiner langen Erfahrung dann doch noch einmal etwas ganz anderes: „Nach zwei Jahren und zwei Monaten wieder die Bühne des Sambodromos betreten zu dürfen, ist ein großes Privileg“, sagt da Silva. „Und völlig anders, als alles, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Ich habe mehrere Freunde verloren, aber heute hat Gott uns erlaubt, hier zu sein und eine Party für die Leute zu feiern.“

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Seit Mittwoch werden in der Welthauptstadt des Karnevals die weltberühmten Umzüge nachgeholt. Im vergangenen Jahr fiel Karneval wegen der Pandemie aus, in diesem Jahr wurden die Umzüge wegen der Omikron-Variante und der daraus resultierenden Ungewissheit verschoben. Fast täglich meldeten während der Pandemie die Sambaschulen in den sozialen Netzwerken Todesfälle aus den eigenen Reihen. Insgesamt starben während der Covid-Pandemie fast 700.000 Menschen. Das hat vor allem die Sambaschulen hart getroffen.

Befreiungsschlag für die Millionenmetropole Rio

Tatsächlich ist der nachgeholte Karneval so etwas wie ein Befreiungsschlag für die Millionenmetropole. Das Thema Pandemie spielt bei den ersten Auftritten der Sambaschulen eine große Rolle. „Es lebe die Wissenschaft“, steht auf einem Schild von König Momo. Auf der Rückseite feiert er das Gesundheitssystem SUS. Ein Seitenhieb auf den rechtspopulistischen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der während der Pandemie mit seinem Verharmlosungskurs nach Meinung seiner Kritiker und Kritikerinnen eine Mitschuld an den verheerenden Ausmaßen mit fast 700.000 Covid-Toten trägt. Bolsonaro, der Karneval nicht mag, ist – wenig überraschend – in der Arena unbeliebt. Tatsächlich sind einmal Sprechchöre für Lula da Silva zu hören. Der Ex-Präsident (2003 bis 2011) wird im Wahlkampf in diesem Jahr der Gegenspieler Bolsonaros – und hat gute Chancen, für einen Machtwechsel zu sorgen. Einige haben sogar Fahnen seiner Partei mitgebracht.

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König Momo würdigt das brasilianische Gesundheitssystem.

König Momo würdigt das brasilianische Gesundheitssystem.

Der Karneval in Brasilien wird ohnehin jedes Jahr politischer: Zum Auftakt nahmen die Sambaschulen die Probleme des Nahverkehrs, der indigenen Völker, der Armut und der Umweltzerstörung ins Visier. „Stolz der Straßenverkäufer“ heißt das Kostüm, das Andreia Martins (34) für die Sambaschule „Em Cima da Hora“ trägt. „Ich vertrete heute die Straßenverkäufer in den Zügen und Bussen. Ich freue mich, dass wir hier heute ihre Arbeit würdigen, denn sie müssen sehr früh das Haus verlassen, um ihr tägliches Brot aus dem Verkauf im Nahverkehr zu verdienen“, sagt Martins. Respekt ist eine der Stärken des brasilianischen Karnevals.

Und im tiefreligiösen Brasilien spielt natürlich auch Gott und Jesus beim Karneval eine Rolle. „Unidos da Ponte“ setzte der 2019 heiliggesprochenen Ordensschwester „Irma Dulce“ mit ihrem Auftritt ein Denkmal. „Die Schwester der Armen zu repräsentieren, bedeutet eine Frau zu repräsentieren, die das Elend des brasilianischen Volkes gespürt hat“, sagt Sängerin Millena Wainer, die während des Umzugs in ein Kostüm der Ordensschwester geschlüpft ist. „Sie war eine Frau, die sehr nah dran war an der Armut unseres Volkes und die den Menschen geholfen hat. Für mich ist das eine Ehre und eine große Emotion.“

Millena Wainer als die heilig gesprochene Schwester der Armen „Irma Dulce“.

Millena Wainer als die heilig gesprochene Schwester der Armen „Irma Dulce“.

Auch das ist eine Botschaft in einem Land, in dem die evangelikale und die katholische Kirche einen Machtkampf austragen – und in dem vor allem die katholische Kirche für den sozialen Einsatz steht. Die Armutsrate ist in Brasilien durch die Pandemie noch einmal angestiegen.

Ungewöhnliche Konkurrenz

Traditionell beginnen in Rio de Janeiro die Sambaschulen der zweiten Ligen mit ihren Auftritten. Im Fokus stehen am Freitag und Samstag allerdings die großen traditionellen Schulen aus der Grupo Especial, der ersten Liga. Karneval in Rio de Janeiro ist eben auch eine Meisterschaft mit Auf- und Abstieg. Dann wird das Sambodromo auch ausverkauft sein.

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Am Eröffnungstag musste sich der Karneval mit ungewollter Konkurrenz auseinandersetzen, die es so in einer normalen Karnevalswoche nicht gegeben hätte. Der Fußballklassiker zwischen Rios Kultklub Flamengo und Palmeiras aus Sao Paulo lockte 50.000 Zuschauer und Zuschauerinnen ins Maracana-Stadion.

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