Interview mit Jens Söring

33 Jahre im US-Gefängnis: „Doppelmord beeindruckt da niemanden“

Jens Söring steht im Palmengarten in Frankfurt.

Jens Söring steht im Palmengarten in Frankfurt.

33 Jahre saß Jens Söring im Gefängnis, den Großteil davon in den USA verurteilt wegen Doppelmordes an den Eltern seiner damaligen Freundin. Er hatte die Morde an Derek und Nancy Haysom im Jahr 1985 zunächst gestanden, später aber das Geständnis widerrufen und beteuert bis heute seine Unschuld. Seit Dezember 2019 ist der heute 56-Jährige nach seiner Haftentlassung auf Bewährung wieder in Deutschland. Nun wurde sein Buch „Ein Tag im Leben des 179212″, das erstmals 2008 erschien und später wieder aus dem Verkauf genommen wurde, neu aufgelegt. Zudem erscheint im kommenden Jahr eine Netflix-Doku über ihn.

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Herr Söring, gerade wurde Ihr Buch „Ein Tag im Leben des 179212″ aus Ihrer Gefängniszeit neu aufgelegt. Mittlerweile leben Sie seit drei Jahren in Freiheit. Wie hat sich Ihr Leben seit Ihrer Ankunft in Deutschland verändert?

Es war eine gigantische Umstellung. Eigentlich noch größer als die Umstellung von einem Leben in Freiheit auf das Gefängnisleben. Ich hatte vorher nur 19 Jahre Freiheit und war dann 33 Jahre im Gefängnis. Was ich am meisten vermisst habe im Gefängnis, sind menschliche Beziehungen. Das ist das, was das Leben lebenswert macht.

Hatten Sie im Gefängnis keine engeren Kontakte zu Mitinsassen?

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Im Gefängnis kann man den Mithäftlingen nicht trauen. Gerade diejenigen, bei denen man sich mal ein Herz fasst und ihnen vertraut, verraten einen. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Ich hatte in 33 Jahren drei oder vier richtige Freunde, einer davon ist verstorben im Gefängnis. Beziehungen romantischer Art gehen auch gar nicht (lacht). Als ich wieder rauskam, habe ich lernen müssen, dass man auch hier vorsichtig sein muss. Ich habe ein paar Fehler gemacht, den falschen Menschen vertraut, und das hat mich Zeit und Geld gekostet. Ich bin rausgekommen aus dieser Hölle auf Erden und dachte, hier draußen sind die guten Menschen. Es gibt auch gute Menschen hier draußen, aber es sind nicht alle gut.

Konnten sie mittlerweile neue Freundschaften oder Beziehungen aufbauen?

Ja. Ich habe immer noch Kontakt zu den Menschen, die mich unterstützt haben. Und ich habe angefangen, wieder Kontakt zu meiner Familie zu finden. Meine Mutter ist 1997 verstorben, mein Vater hat mich die ersten 15 Jahre, von 1986 bis 2001, fantastisch unterstützt. Dann kam es zu einem Zerwürfnis, die letzten 18 Jahre im Gefängnis musste ich alleine durchkommen, ohne Unterstützung durch meine Familie, ohne Geld. Das war hart. Im amerikanischen Strafvollzug kann man nicht überleben ohne Geld. Da muss man klauen, Drogen verkaufen oder sich prostituieren, sonst kommt man nicht durch.

Was haben Sie gemacht?

Ich habe eine Alternative gefunden. Ich habe angefangen, Bücher zu schreiben. Aber das ist selten und wird auch vom System bekämpft. Mich hat man nach der Veröffentlichung des zweiten Buches in die Strafzellen geworfen für sechs Wochen, um mich abzuschrecken. Gerade die ersten zwei, drei Jahre nach dem Bruch mit meinem Vater waren hart. Aber ich habe es geschafft. Dieses Buch, was jetzt neu aufgelegt wurde, ist das fünfte, das ich im Gefängnis veröffentlicht habe.

Das Buch „Ein Tag im Leben des 179212“ von Jens Söring wurde im November 2022 neu aufgelegt. Erstmals erschienen war es 2008, wurde dann zwischenzeitig aber nicht mehr verkauft.

Das Buch „Ein Tag im Leben des 179212“ von Jens Söring wurde im November 2022 neu aufgelegt. Erstmals erschienen war es 2008, wurde dann zwischenzeitig aber nicht mehr verkauft.

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Was prägt Sie heute abseits des Schreibens aus Ihrer Gefängniszeit noch in Ihrem Alltag?

Der Sport. Ich musste im Gefängnis Sport treiben zu Selbstverteidigungszwecken, um zu überleben. Und ich mache immer noch gern Sport. Das ist eine der wenigen Sachen, die ich aus dem Gefängnis mitgenommen habe. Aber es ist viel angenehmer bei diesem norddeutschen Schietwetter joggen zu gehen als in der Hitze von Virginia. Dieser elende, staubige Sportplatz bleibt mir immer in Erinnerung, da bin ich so oft herumgelaufen.

Wurden Sie als Ausländer in den US-Gefängnissen eigentlich anders behandelt?

Natürlich wurde ich etwas anders behandelt, aber nicht schlechter. Ich war im Gefängnis immer eine Art Außenseiter. Das hat damit zu tun, dass ich einen anderen Bildungsstand habe, aus einer anderen Gesellschaftsschicht komme und eben auch Ausländer bin. Aber ein Außenseiter war ich immer.

Welche Rolle hat dabei gespielt, dass Sie als Doppelmörder verurteilt wurden?

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Ich war immer in Hochsicherheitsgefängnissen. Doppelmord beeindruckt da niemanden, da muss man schon vier oder fünf Menschen umgebracht haben. Da waren nur Mörder, Vergewaltiger und Kinderschänder.

Mittlerweile sind Sie auch in den sozialen Medien unterwegs, auf Tiktok haben Sie mehr als 96.000 Follower, auf Instagram 10.000, auf Twitter sind Sie nicht mehr aktiv. Wie oft bekommen Sie auch Hassnachrichten?

Gerade im Sommer 2020 war es schlimm auf Twitter. Twitter scheint die besonders schlimmen Typen anzuziehen (lacht). Damals gab es sehr viel Hass gegen mich. Jetzt ist es weniger geworden. Es ist nicht bei Null, aber die meisten negativen Kommentare lasse ich stehen. Die einzige Ausnahme, die ich mache, ist, wenn andere Leute mit mir Geld verdienen wollen, dann lösche ich Kommentare. Aber Kommentare wie „Sie sind ein schrecklicher Typ“, „Ich halte Sie für schuldig“, „Hören Sie auf zu lügen“ lösche ich nicht.

Sie wurden nicht begnadigt, sondern sind ein verurteilter Doppelmörder, der seine Strafe abgesessen hat, auch wenn Sie Ihre Unschuld beteuern. Wie oft werden Sie damit noch konfrontiert?

Also im realen Leben überhaupt nicht, da hatte ich bisher nur positive Erlebnisse. Ich bin überrascht und dankbar dafür. Meine Geschichte ist für deutsche Verhältnisse auf eine Art und Weise interessant. Ich sage immer: „Ihr Deutschen seid süß, Ihr haltet 33 Jahre für eine lange Haftstrafe.“ Das ist es in Virginia nicht. Der Witz unter uns Lebenslänglichen war immer: „33 Jahre, willkommen im Club! Jetzt bist du aufgewärmt, jetzt geht es los.“ Das ist aber kein Witz. Lebenslänglich bedeutet in den USA bis zum Ende des Lebens, bis zum Tod hinter Gittern. Für Deutschland ist das ungewöhnlich.

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Für viele geht eine Faszination von dieser langen Haft und vor allem von der Frage nach Schuld oder Unschuld aus. True-Crime-Serien boomen am Markt, auch über Ihren Fall kommt bald eine Netflix-Serie. Was ist da genau geplant?

Ursprünglich sollte die Serie in diesem Herbst herauskommen, jetzt wurde das auf den Frühling 2023 verschoben. Die Macher haben mich interviewt, aber auch viele andere Leute. Das Interesse an True Crime hat es immer gegeben. Da geht es auch um den Gedanken, dass wir Menschen nicht wissen, wozu wir fähig sind. Wir distanzieren uns von den schlimmsten Vermutungen, indem wir eine Grenze ziehen zwischen uns und dem Bösen.

Wie ist das für Sie, von dieser Faszination zu leben? Damit verdienen Sie ja Ihr Geld.

Das war nicht mein Plan. Ich habe vor meiner Haftstrafe angefangen, Psychologie zu studieren und dann zu BWL und Chinesisch gewechselt. Dann bin ich 33 Jahre, sechs Monate und 25 Tage verschwunden. Jetzt ist es zu spät für ein Studium oder eine Ausbildung, da würde ich meine Karriere mit 60 anfangen. Irgendwie muss ich leben. Mein Plan war, nach der Freilassung ein Buch zu schreiben, die Netflixserie zu machen, und dann wollte und will ich immer noch über Resilienz reden, über Zukunftsmut. Ich habe diese ganze Zeit im Gefängnis durchgemacht, ohne daran zu zerbrechen. Daraus kann man Lektionen ziehen und darüber möchte ich sprechen.

Sie beschreiben im Buch auch Probleme der US-Haftanstalten wie den Mangel an Bildungs- und Therapiemöglichkeiten. Haben Sie die Zeit im Gefängnis nach der Freilassung in einer Therapie aufgearbeitet?

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Ich empfinde keinen Leidensdruck. Ich habe den Menschen, mit denen ich nach meiner Entlassung zusammengelebt und Zeit verbracht habe, gesagt, dass sie aufpassen sollen, ob etwas mit mir nicht stimmt und ich in Therapie gehen sollte. Aber die Aussage war einhellig, dass ich das nicht brauche. Sicherlich würde es mir auf einer emotionalen Ebene guttun, mich mal bei jemandem auszuweinen. Aber ich habe keine Depression, ich kann gut schlafen, ich komme gut zurecht.

Hätten Sie sich im Gefängnis Therapie gewünscht?

Gewünscht hätte ich mir das sicher, aber das war unmöglich. In dem Gefängnis, in dem ich die letzten zehn Jahre verbracht habe, gab es 1100 Häftlinge, alles Schwerverbrecher, 28 Wärter pro Schicht und zwei Psychologen. Deren Hauptjob war es, Onlinekonferenzen mit Psychiatern einzurichten. Etwa ein Drittel aller Häftlinge in den USA haben laut Statistiken diagnostizierbare psychische Störungen. Jeden Monat müssen die eine Konferenz mit einem Psychiater haben, um die Verschreibungen für Antidepressiva und psychotische Medikamente erneuern zu lassen. Es ist also Fließbandarbeit, für Therapie bleibt da keine Zeit.

Sie berichten im Buch von Häftlingen, die durchgedreht sind, sogar Suizid begangen haben. Was hat sie vom Durchdrehen abgehalten?

Man muss Tatsachen akzeptieren, man darf aber nicht Schlussfolgerungen aus Tatsachen akzeptieren. Ich musste akzeptieren, dass ich zwei lebenslange Haftstrafen erhielt. Ich habe nie akzeptiert, dass ich im Gefängnis sterben würde. Das Zweite ist, dass das Leben einen Sinn haben muss. Für mich waren das Freiheit und Gerechtigkeit. Das gab mir einen Grund, morgens aufzustehen. Die meisten meiner Mithäftlinge hatten keinen Grund, die haben Fernsehen geguckt, ihre Zellenmitbewohner vergewaltigt und Drogen genommen. Das Dritte ist die Pflege sozialer Kontakte. Ich habe Tausende von Briefen geschrieben, wenn möglich telefoniert. Nur durch Verbindungen zur Außenwelt kam ich raus, man kann sich da nicht selbst befreien.

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Haben Sie denn heute noch Kontakt zu früheren Mitinsassen?

Ja, zwei Typen schicke ich jeden Monat 25 Dollar. Das ist ein Monatslohn, die kriegen im Gefängnis etwas weniger als einen Dollar pro Tag. Das sind Typen, die mag ich und mit denen bin ich noch in Kontakt, aber ich würde sie nicht als echte Freunde bezeichnen. Einer ist wahrscheinlich unschuldig, der andere ist viel zu hart bestraft worden. Beide gehören nicht ins Gefängnis. Das Justizsystem der Vereinigten Staaten ist drakonisch und zudem fehleranfällig. Es gibt laut Untersuchungen rund 100.000 Justizopfer, die aktuell in den USA unschuldig im Gefängnis sitzen. Wenige kommen mit viel Glück durch die Hintertür raus. Wenn sich herausstellt, dass jemand unschuldig ist, muss der sich oft noch mal schuldig erklären, um sofort entlassen zu werden. Das ist ein juristischer Trick, um keine Haftentschädigung zu zahlen. Darauf gehen fast alle ein, denn die Alternative ist ein Gerichtsverfahren mit unsicherem Ausgang, das Jahre dauert. Die andere Alternative ist die Entlassung auf Bewährung, wie es bei mir gemacht wurde.

Auch in Ihrem Buch kritisieren Sie das US-Justiz- und Haftsystem immer wieder.

Ja, mein Buch hat auch mit der gesellschaftlichen Frage zu tun, ob Menschen, die Verbrechen begehen, ein für alle Mal ausgeschlossen werden sollen aus der Gesellschaft oder wieder eingegliedert werden. In US-Gefängnissen hat man sich für ersteres entschieden, man wird nicht resozialisiert und jahrzehntelang weggesperrt. Aber auch hier in Deutschland stellen sich Menschen anhand meines Falls die Frage, ob man Menschen wie mich zurückhaben will.

Aber sind Sie nicht ein Beispiel dafür, dass die Resozialisierung geklappt hat? Ihnen geht es Ihren Aussagen nach gut, Sie schreiben Bücher, machen eine Netflix-Serie und halten Vorträge.

Es ist definitiv so, dass die Mehrheit der Menschen in diesem Land mich willkommen geheißen hat. Ich bin dafür sehr dankbar. Gerade wenn ich das vergleiche mit den wenigen Menschen, die ich kenne, die entlassen wurden in den USA, ist das ein gigantischer Unterschied. Es gibt natürlich auch hier eine Minderheit von Menschen, die versucht, mir mein Leben schwer zu machen.

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Wie zeigt sich das?

Wenn ich Aufträge bekomme als Redner, gibt es eine kleine Gruppe von Menschen, die Beschwerdemails schreibt. Im Mai wurde an der Universität Hamburg eine Veranstaltung mit mir abgesagt, weil der Professor Drohmails erhielt. Aber warum soll ich nicht erzählen, was ich zu sagen habe? Menschen können sich ihre eigene Meinung bilden.

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