Metropole Nusantara soll neu entstehen

Indonesiens großer Umzug

Die Aufnahme zeigt die Gegend in Ostkalimantan auf Borneo, in der Nusantar. Hier soll die künftige Hauptstadt Indonesiens entstehen.

Die Aufnahme zeigt die Gegend in Ostkalimantan auf Borneo, in der Nusantar. Hier soll die künftige Hauptstadt Indonesiens entstehen (Archivbild).

Syndey. Jakarta ist berüchtigt für sein Verkehrschaos, für Smog, Müll und Erdbeben. Darüber hinaus ist Indonesiens Hauptstadt auch dem Untergang geweiht: Jakarta sinkt – mehr als die Hälfte der Stadt liegt schon heute unterhalb des Meeresspiegels, bis 2030 sollen es 80 Prozent sein. Bis 2050 könnte ein Viertel der Stadt unter Wasser stehen. Selbst die gigantische Seemauer, die Jakarta seit Oktober 2014 baut, wird wohl nicht verhindern, dass einige Wohngebiete permanent überschwemmen.

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Ein ähnliches Bild spielt sich in anderen Großstädten in Süd- und Südostasien ab. Laut einer aktuellen Studie der Nanyang Technological University in Singapur sinken mehrere Küstenstädte in der Region: Vietnams Wirtschaftszentrum Ho-Chi-Minh-Stadt, Myanmars Yangon, Bangladeschs Hafenstadt Chittagong, Chinas Tianjin und die indische Stadt Ahmedabad.

Letzteres liegt nicht in erster Linie am Klimawandel, sondern häufig daran, dass viele die unterirdischen Grundwasserleitungen anzapfen und illegal Wasser abpumpen. In Jakarta führt dies am nördlichen Stadtrand bereits zu Bodenabsenkungen von mehr als zehn Zentimetern pro Jahr, manche Gebäude sacken jährlich sogar bis zu 25 Zentimeter ab. Doch der durch die Erderwärmung steigende Meeresspiegel verschärft die Situation nochmals gravierend. Bei Überschwemmungen im Jahr 2020 kamen mehr als 60 Menschen ums Leben, mehr als 60.000 mussten aus ihren Häusern fliehen.

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„Nachhaltigste Stadt der Welt“

In Indonesien sieht die Regierung inzwischen keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht nach vorne. Inzwischen wurde per Gesetz der Bau einer neuen Hauptstadt beschlossen. Präsident Joko Widodo plant die neue Stadt namens Nusantara auf der Insel Borneo. „Nusantara strebt danach, die nachhaltigste Stadt der Welt, ein Symbol der nationalen Identität und die treibende Kraft der indonesischen Wirtschaft in der Zukunft zu sein“, schrieben die beiden Wissenschaftler Anuar Nugroho und Dimas Wisnu Adrianto in einem Fachartikel auf der akademischen Plattform Fulcrum.

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Der Bau der neuen Stadt hat bereits begonnen und für die erste von vier Entwicklungsphasen wurde ein Fertigstellungstermin für 2024 festgelegt. In dieser ersten Phase sollen bereits einige wichtige Verwaltungsbereiche aufgebaut werden, einschließlich des Büros des Präsidenten. Im Jahrzehnt danach soll das Hauptstadtgebiet grundlegend ausgebaut werden, während die Infrastruktur in der Dekade von 2035 bis 2045 entstehen soll. Die letzte Phase besteht darin, Nusantaras Ruf weltweit als „Weltstadt für alle“ zu etablieren, so Nugroho und Adrianto. Durch den Hauptstadtbau sollen bis 2045 4,8 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden.

Erneuerbare Energien: Von null auf 100

Computergenerierte Pläne für die Stadt, die auf der Website ibu kota negara zu sehen sind – letzteres heißt übersetzt soviel wie „Die Hauptstadt der Nation“ – wirken auf den ersten Blick beeindruckend: 75 Prozent der Stadt sollen als Grünflächen verbleiben, Naturerholungsgebiete nicht mehr als zehn Minuten von jedem Bewohner und jeder Bewohnerin entfernt sein. Öffentliche Verkehrsmittel, Fuß- und Radwege sollen den Verzicht aufs Auto oder Motorrad erleichtern. Auch eine 100-prozentige digitale Vernetzung für alle Einwohnenden und Unternehmen ist geplant.

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Einen Schwerpunkt für die Vision der nachhaltigen, grünen Hauptstadt sollen erneuerbare Energien spielen. „Im August 2019 schätzte das indonesische Ministerium für Energie und Bodenschätze, dass die neue Hauptstadt 1500 Megawatt (MW) an Stromerzeugungskapazität benötigen wird“, heißt es in einer Analyse von Walter Timo de Vries, Professor für Landentwicklung an der Technischen Universität München, für das akademische Magazin „The Conversation“. „Derzeit liegt die erneuerbare Energieerzeugung in der Region bei etwa null Prozent.“

Die Infrastruktur muss also erst noch geschaffen werden. Doch laut de Vries sehen die Grundlagen gut aus: So hat die Region Ostkalimantan enormes Potenzial für saubere Energie. An erster Stelle stehe dabei die Solarenergie, aber auch Wasserkraft ist laut des deutschen Professors eine Option sowie in einigen Bereichen Windenergie. Zwar seien „die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten in Ostkalimantan im Allgemeinen zu niedrig für lukrative Windparkprojekte“, so de Vries, doch „einige Gebiete, insbesondere im Osten der Region, haben gute Windbedingungen“.

Rettungsring für Jakarta?

Laut Bambang Susantono, dem neuen Hauptstadtbeauftragten und ehemaligen Verkehrsminister Indonesiens, wird die Entwicklung Nusantaras als „nachhaltige Waldstadt“, bei der 65 Prozent der Fläche als Tropenwald erhalten bleiben sollen, eine wichtige Rolle für Indonesiens Netto-Null-Ziel bis 2060 spielen. Letzteres schrieb er auf dem Karrierenetzwerk Linkedin, wo Susantono regelmäßige Updates zu den Fortschritten der neuen Hauptstadt postet.

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Allerdings hat das neue Hauptstadtprojekt, das gleichzeitig als Rettungsring für Jakarta angedacht ist, auch jede Menge Kritiker und Kritikerinnen. Sie stellen infrage, ob die ehrgeizigen Ambitionen der indonesischen Regierung wirklich realistisch sind und welche Auswirkungen der Hauptstadtbau auf die Fauna und Flora Borneos haben wird.

Sorgen machen ihnen vor allem die Rodungen, die trotz der Waldstadtpläne nötig sein werden. Denn die 180.000 Hektar Land, die die Regierung für die neue Großstadt anberaumt hat, sind einer der letzten Rückzugsorte der gefährdeten Orang-Utans, die neben Borneo ansonsten nur noch auf der indonesischen Insel Sumatra in der freien Natur vorkommen.

Zudem werde die Verlegung des Regierungssitzes und seiner geschätzten 4,8 Millionen Angestellten Jakartas Leiden kaum lindern, wie Edvin Aldrian, Klimatologe bei der nationalen indonesischen Forschungs- und Entwicklungsagentur vor Kurzem dem Fachmagazin „Science“ sagte. Denn selbst wenn die Verwaltung umzieht, das wirtschaftliche Zentrum des Landes wird mit Sicherheit noch lange Zeit Jakarta bleiben.

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