Mannschaft zwischen den Stühlen

Der politisierte Fußball – was ist mit Irans mutigem WM-Team passiert?

Für die Freiheit: Iranische Fußballfans beim Spiel ihrer Mannschaft gegen das Team von England bei der WM in Katar.

Für die Freiheit: Iranische Fußballfans beim Spiel ihrer Mannschaft gegen das Team von England bei der WM in Katar.

Man mag sich nicht vorstellen, mit welchen Gefühlen der iranische WM-Kader jetzt nach Hause zurückkehrt. Nach ihrem Schweigen zur Nationalhymne vor dem Auftaktspiel gegen England waren die Mitglieder die Nationalmannschaft von westlichen Medien als Rebellenteam gefeiert worden. Der Auftritt wurde als starkes Zeichen der Spieler gewertet, als vor aller Welt kundgetanes Bekenntnis zu den Demonstrationen, die nach dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini im September im Iran aufgeflammt waren und die von Regierungskräften brutal niedergeschossen und -geknüppelt und vom Revolutionsgericht mit Todesurteilen bestraft worden waren.

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Die Iran-Elf konnte ihre Haltung nicht mit sportlichem Erfolg untermauern

Die Pressekonferenzen der Iran-Elf in Katar waren denn auch von Anfang an von politischen Fragen durchzogen, Mannschaftskapitän Ehsan Hajisafi wandte sich an die trauernden Familien im Iran („Wir leiden mit Ihnen“). Durch sportlichen Erfolg konnten die Spieler ihre humanitär vorbildliche Haltung beim Turnier dann nicht untermauern, zuletzt waren sie von den USA geschlagen worden – im ersten WM-Aufeinandertreffen der beiden Länder seit 1998.

„USA eins, Iran null. Das Spiel ist aus!“, hatte US-Präsident Joe Biden über den Sieg frohlockt. Schlimmer konnte es für Hajisafis Team kaum kommen.

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1998 gab es für die USA einen Blumenstrauß vom Iran

Blumen und Lächeln für den Feind – das war einmal. Irans medial zuvor als „Mutter aller Spiele“ hochgejazzte WM-Match gegen die USA von 1998 war noch ganz anders verlaufen. Vor dem Anpfiff schon hatte es ein gemeinsames Foto beider Mannschaften gegeben – und einen Rosenstrauß der Iraner für ihre Gegner.

Der sportliche Druck, der vor nunmehr 24 Jahren auf beiden Mannschaften lag, war dabei nicht unerheblich – denn beide hatten ihre vorherigen Vorrundenspiele verloren. Der Iran siegte dann mit 2:1, ein Sprecher der französischen Polizei vermeldete aus der Lyoner Altstadt, „die friedlichste Party, die ich beim Fußball je erlebt habe“. Amerikaner und Iraner feierten gemeinsam den Sport. Für die Teams gab es hinterher noch einen Fairnesspreis der Fifa.

Abhängig war das Love-und-Peace-Gebaren von 1998 auch von einem völlig anderen politischen Rahmen gewesen. Nur wenige Tage zuvor hatte die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright, dem Iran das Angebot gemacht, „neue Wege zum Aufbau gegenseitigen Vertrauens und zur Vermeidung von Missverständnissen zu gehen“. 19 Jahre nach der Islamischen Revolution, der Machtübernahme des Ayatollah Khomeini, der Geiselnahme von 52 amerikanischen Staatsbürgern in der Teheraner US-Botschaft, war das eine überraschende Offerte des „Großen Satans“ (USA) an den „Schurkenstaat“ (Iran), wie die beiden Nationen einander noch einen Monat vor dem Match bezeichnet hatten.

„Schlimm, wenn ich mich als Spieler nicht auf Fußball konzentrieren kann“

Derzeit sind die Beziehungen beider Länder dagegen auf dem Tiefpunkt. Das Team saß in Katar zwischen den Stühlen – das Regime erwartete Loyalität, während die kurdisch dominierte Protestbewegung und die iranische Diaspora Hajisafis Team als Aushängeschild des Regimes sahen, als Ablenkungsmanöver der Mullahs von den Ausschreitungen.

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„Es ist schlimm, wenn ich mich als Spieler nicht auf den Fußball selbst konzentrieren kann“, sagt Matthias Herzog, Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt Psychologie im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) „sondern immer die Angst im Hinterkopf mit mir herumtrage: Was passiert mir, was passiert meiner Familie?“

In ihrem ersten WM-Spiel gegen England schwiegen die iranischen Nationalspieler bei der Hymne.

In ihrem ersten WM-Spiel gegen England schwiegen die iranischen Nationalspieler bei der Hymne.

Berichtet wurde von CNN, dass Mitglieder der Revolutionsgarden der Mannschaft und ihren Familien Haftstrafen und Folter angedroht hätten. Und vor dem zweiten Vorrundenspiel gegen Wales, das der Iran 2:0 gewann, bewegten die meisten bei der Nationalhymne der Islamischen Republik dann die Lippen wieder: „Märtyrer, eure Schreie schallen im Ohr der Zeit / bleib ewig beständig, islamische Republik Iran.“

Drohungen und Angst: „Es entstehen Lager in der Mannschaft“

„Solche Entwicklungen können dazu führen, dass eine ursprüngliche Einheit auseinanderbricht“, sagt Herzog. „Es entstehen Lager in der Mannschaft, bewusst oder unbewusst verweigern Spieler dann unter Umständen auf dem Platz das Zuspielen und die Kommunikation – was das Schlimmste wäre. Unter Bedingungen wie diesen leidet zwangsläufig der sportliche Erfolg.“

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Schon vor WM-Beginn hatte das Regime in Teheran ein Exempel statuiert und den kurdischen Nationalspieler Voria Ghafouri einige Tage lang inhaftiert. Der Außenverteidiger des Klubs Foolad Khuzestan hatte nach einer gewalttätigen Polizeiaktion die Verletzten besucht, sich bei Twitter für ein Ende der Gewalt gegen Demonstranten eingesetzt und sich – schon über Jahre hinweg – gegen die Diskriminierung von Frauen gewandt. „Als ein Fußballspieler schäme ich mich in einer Zeit zu spielen, in der es unseren Müttern und Schwestern verboten ist, Stadien zu betreten“, war Ghafouri in der britischen Tageszeitung „The Guardian“ zitiert worden.

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Seine Festnahme wurde mit „Propaganda gegen den Staat“ begründet. Er habe „das Ansehen der Nationalmannschaft befleckt“. Sowohl Ghafouris Entlassung aus dem Teheraner Verein Esteghlal im Vorjahr sowie der Verzicht auf seine WM-Nominierung werden im Zusammenhang mit seinem humanitären Engagement gesehen.

Unter Angst sind nur 60 Prozent der Leistungsfähigkeit abrufbar

Eine solche Verhaftungsaktion könnte direkt auf die WM-Spieler wirken und soll es wahrscheinlich auch. „Damit sagen die Machthaber der Nationalmannschaft: Wir quatschen nicht nur, wir handeln auch. Seht euch vor!“, sagt Herzog. Es gehe darum, existenzielle Ängste zu schüren, was kontraproduktiv für Erfolge sei, weil man unter Angst nur 60 Prozent seiner Leistungsfähigkeit abrufen könne.

Außer, so Herzog, man könne seine Angst ins Positive drehen. „Wenn sich die Spieler sicher wären in einer Position zu sein, in der sie das Regime stürzen könnten, könnten sie aus ihrem negativen Gefühlszustand heraus über sich hinauswachsen“, sagt Herzog, und erinnert in diesem Zusammenhang an den Gewichtheber Matthias Steiner, der nach dem tragischen Unfalltod seiner Frau bei den Olympischen Spielen aus seiner Trauer heraus in Peking 2008 eine Goldmedaille gewann – und sie seiner toten Frau widmete.

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„Man hätte auf rein sportlichen Fragen bestehen können“

Hätte man das iranische Team vor der zunehmenden Politisierung ihres WM-Auftritts schützen können? Herzog verneint und verweist auf die Medien, denen politische Nachrichten im Zusammenhang mit dem iranischen Team zugkräftiger erschienen als Berichte über die sportlichen Ergebnisse des Teams. Und er verweist auch auf Katar, dem die Ablenkung von eigenen Missständen durch die Berichte über das Iran-Team recht gekommen sei.

„Man hätte bei den Pressekonferenzen darauf bestehen können, dass nur sportliche Fragen gestellt werden“, sagt Herzog – auch vor dem Hintergrund der massiv kritisierten Fifa-Einstufung eines Menschenrechtssymbols – der Herzchenarmbinde – als politisches Zeichen. „Aber daran hatte keiner Interesse. Menschen zu schützen interessiert keinen.“

Auch nicht die Fans mit humanistischer Gesinnung, denen Flaggen und Shirts als Protest gegen die iranische Regierung ausgelegt wurden und denen deshalb der Zutritt in die Stadien verwehrt wurde wie die „Washington Post“ schreibt. Manche schmuggelten vorrevolutionäre Fahnen auf die Tribünen, andere kleideten sich in Trikots, die denen von 1998 nachempfunden wurden. Regimegegner feierten nach der Niederlage gegen die USA das frühe Aus für das iranische Teams als Niederlage des Gottesstaates.

Was den Spielern nun passiert, ist offen. Schlappen gegen Todfeinde würden in diktatorischen Systemen nicht zum ersten Mal als Defätismus ausgelegt. „Man kann nur hoffen, dass sie gesund aus der Sache rauskommen“, sagt Herzog. Niemand, der sich gegen das iranische Regime stellt, ist unantastbar, das zeigt der Fall Ghafouri, dessen überraschende Freilassung gegen Kaution am Montag vermeldet wurde.

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Ali Daei: „Was will man mit solchen Drohungen erreichen?“

Aber auch nicht jedem geschieht sofort etwas. Ali Daei, der Stürmer, der 1998 mit seinem Pass das Siegestor gegen die USA vorbereitete, gilt im iranischen Volk noch immer als Held. Auch er sprach sich für die Demonstranten aus, forderte die Freilassung der Inhaftierten und lehnte ab nach Katar zu reisen – aus Solidarität mit der Protestbewegung. Drohungen habe er in den vergangenen Monaten erhalten, sagt Daei auf Instagram.

Und gibt sich standhaft. „Man hat mich Menschlichkeit, Ehre, Patriotismus und Freiheit gelehrt ... Was will man mit solchen Drohungen erreichen?“

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