Das 60-Milliarden-Euro-Projekt

Alles nach Plan: Ägyptens neue Hauptstadt

Wer später mal in die sogenannte New Administrative Capital möchte, muss eines der drei geplanten Stadttore passieren.

Wer später mal in die sogenannte New Administrative Capital möchte, muss eines der drei geplanten Stadttore passieren.

Kairo. Sie haben Schutz unter einer Baggerschaufel gesucht. Dort hocken die beiden Bauarbeiter nun, auf dem staubigen Boden, bei fast 40 Grad im Schatten. Einen Moment lang können sie verschnaufen, dann werden sie zurück auf die Baustelle gerufen. Denn die Zeit drängt. Ägyptens Machthaber hat große Pläne – und wenig Geduld.

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Mitten in der Wüste, etwa 50 Kilometer östlich von Kairo, lässt Präsident Abdel Fattah al-Sisi eine neue, 60 Milliarden Euro teure Hauptstadt aus dem Boden stampfen. Eine Planstadt der Superlative, mit 663 Krankenhäusern, 1250 Moscheen, 2000 Schulen, 40.000 Hotelzimmern und 1,1 Millionen Wohnungen. Ein Disney-Freizeitpark, viermal so groß wie der in Kalifornien, und ein internationaler Flughafen, größer als London-Heathrow, befinden sich ebenfalls im Bau. 6,5 Millionen Menschen sollen hier einmal leben, auf einer Fläche so groß wie Singapur. Doch noch ist die neue Hauptstadt vor allem eines: eine gigantische Baustelle.

Wie in einer Filmkulisse

Am weitesten sind die Arbeiten im neuen Regierungsviertel gediehen. Die Palmen sind gesetzt, Gärtner stutzen und wässern den Rasen. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt, wie in einer Filmkulisse. Selbst die Gebäude, in denen die 35 Ministerien untergebracht sind, gleichen sich bis ins Detail. Überall der gleiche helle Sandstein. Überall das gleiche verspiegelte Glas. Überall die gleiche, von den alten Ägyptern inspirierte Bauweise. Im Dezember sind hier die ersten Mitarbeiter eingezogen, zu einer Art Probebetrieb. Ausländische Besucher aber sind nicht erwünscht. Ein kurzer Spaziergang entlang der Gebäude wird jäh gestoppt von einem Mann in dunklem Anzug und mit schwarzer Sonnenbrille. „Sie dürfen hier nicht lang“, sagt er bloß. „Gehen Sie.“

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Nur ein paar Hundert Meter weiter führen fast 200 Stufen hinauf zur imposanten, fünfstöckigen Al-Fattah-Al-Aleem-Moschee, einer der größten der Welt, die Platz für 17.000 Gläubige bietet. Oben, auf dem Plateau, steht ein junger Soldat einsam in der Sonne. Wen oder was er bewacht, weiß er selbst nicht so genau. Für ausländische Besucher geht es auch hier nicht weiter. „Entschuldigung“, sagt er höflich auf Arabisch. Immerhin: Der Ausblick ist eine Wucht. Auf das Regierungsviertel, auf die umliegenden Wohnviertel mit ihren Tausenden gleichförmigen Villen und Wohnblocks bis zum Horizont – und auf den Iconic Tower.

Der Glasturm im Zentrum des Banken- und Geschäftsviertels soll einmal das Herzstück der neuen Hauptstadt werden. Noch befindet er sich im Bau, doch schon bald wird er 385 Meter hoch in den Himmel ragen und somit das höchste Gebäude Afrikas werden. Dass es hier bereits jetzt, da kaum ein Gebäude fertiggestellt ist, aussieht wie in Dubai, ist kein Zufall. Die Glitzermetropole am Persischen Golf dient al-Sisi als Vorbild für eine moderne arabische Großstadt. Doch im Gegensatz zu den Herrschern auf der Arabischen Halbinsel fehlt ihm eigentlich das nötige Kleingeld für solch einen Prestigebau. Ägypten ist schon seit Jahren auf Kredite aus dem Ausland angewiesen, um die eigene Bevölkerung zu ernähren.

Seit Mai 2016 laufen die Bauarbeiten für die neue Hauptstadt.

Seit Mai 2016 laufen die Bauarbeiten für die neue Hauptstadt.

Peking finanziert Wolkenkratzer

Deshalb hat sich al-Sisi mit China zusammengetan. Peking finanziert nicht nur den Bau des Iconic Towers und den der anderen 20 Wolkenkratzer im Viertel, es zieht die Türme gleich selbst hoch. Die China State Construction Engineering Cooperation, der größte Baukonzern der Welt, hat dafür Hunderte Arbeiter nach Ägypten geschickt. Diese schlafen in provisorischen Unterkünften direkt auf den Baustellen. An vielen Kränen hängt die rote Flagge mit den fünf gelben Sternen.

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10 Milliarden Euro, so heißt es, hat Peking in die neue Hauptstadt Ägyptens investiert. Doch das chinesische Geld sprudelt nicht nur dort. Auch den Ausbau des Suezkanals hat China mitfinanziert. Die Wasserstraße ist für das Land von großer strategischer Bedeutung, um seine Waren nach Europa zu verschiffen.

China erkauft sich Macht im Nahen Osten, ebenso wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, die anderen großen Geldgeber al-Sisis. Und der gibt die Milliarden mit vollen Händen aus – vor allem für Großprojekte, die seine Macht im Land und die seines Landes in der Region unterstreichen sollen. Das zeigt nicht nur der Bau des Iconic Towers.

Das ist eine sinnlose Ver­schwendung von Ressourcen.

Yasser Elsheshtawy, Architekt und Stadtplaner

Ägyptens Alleinherrscher lässt auch einen 35 Kilometer langen künstlichen Fluss in der Wüste ausheben – obwohl weit und breit keine natürliche Wasserquelle vorhanden ist. Der Green River soll eines Tages durch den Capital Park fließen, einem Stadtpark, der doppelt so groß wie der weltberühmte Central Park in New York wird, und der, so Gott will, alle 21 Wohnviertel der neuen Hauptstadt miteinander verbindet.

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Sieben Baufirmen sind an diesem Megaprojekt beteiligt, das Kritiker wie Yasser El­sheshtawy in den Wahnsinn treibt. „Das ist eine sinnlose Verschwendung von Ressourcen“, sagt der ägyptische Architekt und Stadtplaner, der als Professor an der Columbia University in New York lehrt. „Wo wird das ganze Wasser herkommen? Aus dem Nil? Das würde den Wassermangel in Kairo doch nur noch verstärken.“

Auf Plakaten wirbt Präsident al-Sisi für die sündhaft teuren Immobilien, die dort entstehen.

Auf Plakaten wirbt Präsident al-Sisi für die sündhaft teuren Immobilien, die dort entstehen.

Auf dem Weg in die Moderne?

Die ägyptische Regierung wischt derlei Bedenken beiseite – wenn sie überhaupt mal auf Kritik reagiert. Sie verspricht eine Smart City, in der moderne Technologie alle Probleme lösen wird, im Fall des Green River etwa dadurch, dass Nutzwasser wiederaufbereitet werden soll. „Die Geschichte wird uns recht geben“, sagt Ministerpräsident Mustafa Madbouly. „Unsere Enkelkinder werden diese Generation der Ägypter in Erinnerung behalten – weil sie das Land in die Moderne führt.“

Elsheshtawy sieht die Sache deutlich skeptischer. Für ihn ist die neue Hauptstadt weder smart noch modern. „Große, breite Straßen, weite Wege, kein vernünftiges Bahnnetz – die neue Hauptstadt beruht auf veralteten Konzepten aus den Siebzigerjahren“, sagt der Stadtplaner. „So funktioniert das heute nicht mehr.“

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Die Geschichte wird uns recht geben.

Mustafa Madbouly, ägyptischer Ministerpräsident

Heute würden in modernen Metropolen Stadtautobahnen zurückgebaut, Grünflächen geschaffen und Radwege ausgebaut werden. „Der Trend geht zur 15-Minuten-Stadt“, sagt Elsheshtawy. „Die Menschen wollen alles innerhalb von 15 Minuten erreichen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das ist in der neuen Hauptstadt aber nicht möglich. Da werden die Menschen auf ein Auto angewiesen sein.“ Schon deshalb, weil dort quasi alle Bereiche des täglichen Lebens voneinander getrennt sind. Es gibt Viertel zum Wohnen, Viertel zum Einkaufen, Viertel zum Ausgehen. Die Sportstätten befinden sich in der Sports City, die Botschaften stehen im Diplomatic District, und die Studentinnen und Studenten lernen in der Academic City. „Das entspricht so gar nicht der ägyptischen Lebensweise“, sagt der 58‑Jährige.

Werden bei der Gestaltung der neuen Hauptstadt also jene Fehler wiederholt, die vorherige Regierungen beim Bau zahlreicher Satellitenstädte rund um Kairo gemacht haben? Al-Sisis Vorgänger haben in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Siedlungen mit Kunstnamen wie Sheikh Zayed, 6th of October oder Rehab errichtet, weit weg vom Stadtzentrum. Der Ansatz, Wohnraum in der Wüste zu schaffen, ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. 96 Prozent der ägyptischen Bevölkerung leben auf 4 Prozent der Gesamtfläche. Der Großraum Kairo mit seinen rund 25 Millionen Einwohnern ist völlig überlastet. Dennoch stehen die meisten der Abertausenden Immobilien in den neuen Gegenden leer. Droht der neuen Hauptstadt ein ähnliches Schicksal?

China gibt Geld für den Central Business District. Und die China State Construction Engineering Cooperation, der weltgrößte Baukonzern, hat Hunderte Arbeiter nach Ägypten geschickt.

China gibt Geld für den Central Business District. Und die China State Construction Engineering Cooperation, der weltgrößte Baukonzern, hat Hunderte Arbeiter nach Ägypten geschickt.

Jeder dritte Ägypter lebt von weniger als einem Dollar am Tag

„Das ist durchaus vorstellbar“, sagt Elsheshtawy. Schon allein deshalb, weil sich überhaupt nur ein kleiner Teil der Bevölkerung die sündhaft teuren Apartments und Reihenhäuser leisten kann, die auf großen Reklametafeln entlang der achtspurigen Stadtautobahn angepriesen werden. Von „exklusivem Wohnen“ mit „atemberaubendem Ausblick“ ist da die Rede, in geschlossenen Wohnkomplexen, die Namen wie „Vinci“ oder „Entrada“ tragen. Das günstigste Apartment dort kostet rund eine Million Ägyptische Pfund (umgerechnet etwa 52.000 Euro). Viel zu viel für die meisten Familien, die oft mit wenigen Hundert Euro im Monat auskommen müssen. Ganz zu schweigen von den Schwächsten der Gesellschaft: Jeder dritte Ägypter lebt von weniger als einem Dollar am Tag.

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„Die neue Hauptstadt soll ein Ort der Reichen und Mächtigen werden“, glaubt Elsheshtawy. „Sie wollen unter sich bleiben.“ Weit weg von den Alltagsproblemen der Normalsterblichen. „Das Regime hätte das viele Geld nutzen können, um die Probleme in Kairo zu beseitigen. Es hat sich anders entschieden, das spricht für sich.“

Was aber bedeutet das für Kairo, wenn die Eliten demnächst das Weite suchen? Wird die „Mutter der Welt“, wie die bisherige Hauptstadt im arabischen Raum auch genannt wird, mit all ihren Problemen – dem Lärm, dem Müll, dem täglichen Verkehrschaos – einfach ihrem Schicksal überlassen? „Ich glaube, al-Sisi wird das Stadt­zen­trum von Kairo in eine Art Freiluftmuseum verwandeln, mit schicken Hotels und Ausgehmöglichkeiten für die Reichen und Touristen“, sagt Elsheshtawy. Drumherum aber, so glaubt der Ägypter, dessen Familie in Kairo lebt, werden die Viertel der Armen zu Slums verkommen, die sozialen Probleme weiter wachsen. „Die Ungleichheit wird sich verstärken“, glaubt er, „und die normalen Ägypterinnen und Ägypter werden erkennen, dass sie den hohen Preis für die neue Hauptstadt zahlen müssen.“

Neue Unruhen im Land?

Und das, davon ist Elsheshtawy überzeugt, werde irgendwann zwangsläufig zu neuen Unruhen im Land führen. Nur dass das Militärregime, dessen Marionette al-Sisi ist, dann nicht mehr so von den Demonstranten überrumpelt werden wird wie bei den Massenprotesten im Frühjahr 2011, während des Arabischen Frühlings. Damals gingen Millionen Ägypter auf die Straßen, versammelten sich auf dem Tahrir-Platz und vor dem Innenministerium im Stadtzentrum von Kairo und jagten Langzeitdiktator Hosni Mubarak aus dem Amt.

Scholz plant Wasserstoffpartnerschaft mit Ägypten

Bundeskanzler Scholz und Ägyptens Präsident al-Sissi sagten nach einem Treffen in Berlin, sie wollten die Zusammenarbeit bei Wasserstoff und Gas ausbauen.

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„Das wird so bald nicht mehr gehen“, sagt Elsheshtawy. In Zukunft müsste das Volk in die neue Hauptstadt fahren, die weit entfernt ist, und die nur mit dem Auto oder der Monorail zu erreichen ist. Und beide Zufahrtswege kann die Regierung innerhalb kürzester Zeit versperren, denn wer in die neue Hauptstadt möchte, muss in jedem Fall eines von nur drei großen Toren passieren. „Das Regime hat aus den Protesten von 2011 gelernt“, sagt der Stadtplaner. „Es hat sich aus Kairo zurückgezogen und kann sich nun in der Wüste besser vor dem eigenen Volk schützen. Das ist meiner Meinung nach der wahre Grund für den Bau dieser neuen Hauptstadt mitten im Nirgendwo.“

Was jetzt noch fehlt, ist ein Name für diese Festung. In offiziellen Mitteilungen wird die neue Hauptstadt seit Beginn der Bauarbeiten im Mai 2016 New Administrative Capital genannt. Viele Ägypterinnen und Ägypter nennen sie lieber halbironisch „CC“, als Kurzform für Capital City. Das klingt, wenn es Englisch gesprochen wird, ein bisschen wie der Name des Präsidenten al-Sisi. „Und das“, findet auch Elsheshtawy, „passt eigentlich ganz gut.“

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