25 Jahre Tamagotchi in Deutschland

Die panische Angst vor dem langen Piepton

Das Tamagotchi ist vor 25 Jahren auf den deutschen Markt gekommen.

Das Tamagotchi ist vor 25 Jahren auf den deutschen Markt gekommen.

Hannover. Es war eine seltsame Zeit, damals in diesem Sommer 1997. Der Hype um Jojos, Eastpak-Rucksäcke und Baggy-Pants war gerade halbwegs abgeebbt, die zwölfte Boyband-Trennung gerade überwunden – da hatte plötzlich jeder ein piepsendes Ei im Rucksack.

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Meine erste Berührung mit einem Tamagotchi muss in der 6a gewesen sein. Nils*, Klassenstar und ständiger Trendsetter (*Name lieber geändert), schleppte so ein Ungetüm erstmals mit in die Schule. Es war ein buntes Plastikei mit drei Tasten. Deutlich kleiner als ein Gameboy, aber mindestens genauso unterhaltsam.

Auf dem Bildschirm: Ein deformiertes Pixelwesen, das sich wabbelnd von einer zur anderen Seite bewegte und von nun an gefüttert, gepflegt und beschäftigt werden wollte. Ich hatte schon bei „Bravo TV“ davon gehört.

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Hype um ein Plastikei

Es sollte nicht lange dauern, da war die gesamte Klasse, nein, die ganze Schule, dem Tamagotchi-Hype verfallen. Das Originalspielzeug von Bandai hatten allerdings nur die wenigsten Mitschülerinnen und Mitschüler in der Hosentasche. Zum einen gab es massive Lieferengpässe – zum anderen war das Original-Tamagotchi völlig überteuert.

Satte 30 Mark kostete das sechs mal vier Zentimeter große Plastikspielzeug. Die meisten griffen lieber auf einen der zahlreichen Tamagotchi-Klone zurück, die schnell im Umlauf waren und sogar mehr Funktionen boten als das Original. Nur in einem unterschieden sie sich nicht: Irgendwann starben sie alle.

Ich selbst hatte gleich drei von diesen Dingern. Meine erste Tamagotchi-Attrappe war blau-weiß und stammte aus einem Spielwarengeschäft im Nachbardorf – ein mittelmäßiges No-Name-Produkt, aber ich hatte es trotzdem lieb. Das Problem: Dem Spielzeug fehlte eine enorm wichtige Funktion. Man konnte die Töne nicht lautlos stellen. Dementsprechend war es auch völlig unmöglich, das zwitschernde Haustier mit in die Schule zu bringen. So blieb nur ein tagtägliches Hoffen und Bangen, dass mein geliebter Pixelfreund während meiner Abwesenheit zu Hause nicht das Zeitliche segnet.

Ein Triceratops, der Pasta isst

Das Problem sollte sich wenig später mit meinem zweiten Tamagotchi-Klon ändern. Er trug den Namen Rakuraku Dinokun – eine der wohl erfolgreichsten Tamagotchi-Nachbildungen aus Asien.

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Das rote, tatzenförmige Plastikungetüm mit sechs Tasten, bot nicht nur zahlreiche Zusatzfunktionen im Vergleich zu anderen Herstellern – es war auch möglich, die Entwicklung des virtuellen Tieres direkt zu beeinflussen.

Fütterte man das Wesen mit Burgern oder Hühnchen, wuchs es mit der Zeit zu einem T-Rex heran. Fütterte man es ausschließlich mit Äpfeln oder Karotten, entwickelte es sich zu einem Brontosaurus. Und wollte man lieber einen Triceratops sein Eigen nennen, so musste man den Babydino ausschließlich mit Nudeln füttern – weil Triceratops bekanntlich große Pastafans waren.

Ein Spielzeug und seine Mythen

Um das Original-Tamagotchi von Bandai rankten sich, so erinnere ich mich, auf dem Schulhof die wildesten Mythen. So wurde beispielsweise immer wieder erzählt, die Originalversion habe nur ein Leben – stirbt das virtuelle Haustier, muss zwangsläufig ein neues Tamagotchi gekauft werden. Wie sich 25 Jahre später bei meinen Recherchen herausstellt, war das ziemlicher Unfug.

Ich selbst konnte ein solches Original-Tamagotchi erst im späten Herbst des Jahres 1997 mein Eigen nennen, kurz bevor der Hype um die Plastikviecher endgültig abebbte. Es war bereits eine optisch und inhaltlich aufgehübschte Neuauflage der Originalversion, die in der Schule mit einer gewissen Skepsis aber auch Bewunderung begutachtet wurde.

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Alles an diesem Spielzeug war irgendwie besonders. Schon das erste Lebenszeichen des kleinen Freundes, ausgelöst durch das Ziehen einer Papierschlaufe, die die Batterie aktivierte. Dann das Quietschen und Fiepen des wackelnden Punktes, geschlüpft aus einem Ei, der sich über die Tage immer weiter entwickelte – je nachdem, wie man ihn pflegte.

Verwirrende Spiele und dampfende Kothaufen

Man konnte sein Tamagotchi mit Burgern oder Kuchen füttern. Doch verfütterte man zu viele Snacks, so entwickelte es sich schlecht. Auch tägliches Spielen war wichtig, um die Entwicklung zu fördern. Dabei handelte es sich um ein verwirrendes Spiel, bei dem man die Gedanken des Wesens erraten musste. Meistens lag man falsch, das Tier wurde wütend.

Je nach Pflege erreichte das Tamagotchi unterschiedliche Entwicklungsstufen. Völlig unklar war, wie genau man sein Tamagotchi behandeln musste, um den einen oder anderen Charakter zu bekommen. Eine große Rolle soll aber auch der „Disziplin“-Button gespielt haben, mit dem man sein Haustier beschimpfen konnte. Räumte man den dampfenden Kothaufen des Tieres nicht weg, wurde es krank.

Ich erinnere mich, dass sich mein Tamagotchi meist zu einem entenartigen Wesen mit Schnabel entwickelte. Glaubt man dem Internet heute, dann wurde diese Entwicklungsstufe als egoistisch charakterisiert und benötigte ganz besondere Pflege. Ich war offenbar ein echter Helikopterpapa.

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Songs mit Tamagotchi-Sounds

Legendär war auch das Sounddesign der kleinen Viecher. Noch heute habe ich das Piepsen im Ohr, wenn ein Spiel gestartet wird, oder wenn der Kleine mich wegen seines leeren Magens anzwitscherte.

Zu einem musikalischen Meisterwerk verwurstet wurden die Systemsounds im Song „Tamagotchi“ der Eurodanceband Sqeezer, der im Herbst 1997 erschien. Eine der lyrisch besonders wertvollen Textzeilen des Songs: „Tamagotchi, du bringst mir Freude, oh, du gibst mir ein gutes Gefühl. Du hast mich nie missverstanden.“

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Und irgendwie stimmte das ja auch. Das Tamagotchi wurde mit der Zeit zu einem kleinen, virtuellen Freund. Hunderttausende Schülerinnen und Schüler begannen in diesem Sommer und Herbst 1997, ihr neues Haustier zu pflegen und es zu behandeln wie ein echtes Wesen. Und das Schlimmste für alle Besitzerinnen und Besitzer: Dieser lange, wiederkehrende Piepton, der irgendwann zwangsläufig signalisierte: Es ist vorbei. Das Tamagotchi stirbt.

Piepton bis zum Tod

Der Tod konnte aus allen möglichen Gründen eintreten. Zum Beispiel, wenn das Tamagotchi nicht gefüttert oder nicht gereinigt wurde, oder weil es einfach zu alt war. Und es konnte jeder Zeit soweit sein.

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War man mal länger abwesend und das Tamagotchi nicht in Reichweite, folgte unweigerlich ein panischer Blick aufs Display, ob der kleine Freund noch lebte. Manchmal war das nicht der Fall. Dann half nur das Eindrücken des Resetbuttons auf der Rückseite, etwa mit einem Kugelschreiber, um ein neues Tier schlüpfen zu lassen.

Selbstverständlich blieb der Hype um das Tamagotchi nicht ohne Kritik. Wie bei jedem Jugendtrend bildeten sich auch diesmal zahlreiche Urban Legends um das Tamagotchi. So wurde etwa immer wieder von dem Suizid einer Schülerin in den USA erzählt, die sich angeblich wegen ihres verstorbenen Tamagotchis das Leben genommen hatte – die Geschichte war frei erfunden. Einige Schulen verboten das kleine Spielzeug sogar – sie fürchteten, dass die virtuellen Wesen die Kinder vom Unterricht ablenkten.

Vorbild für spätere Technikprodukte

Heute, 25 Jahre nach dem Deutschland-Start, kann man wohl sagen: Die Tamagotchis haben uns Schülerinnen und Schülern genauso wenig geschadet wie Boybands – obwohl beides gleich bescheuert war. Vielmehr war das virtuelle Haustier ein Vorgeschmack auf das, was zehn Jahre später mit dem iPhone vollends etabliert wurde: Die totale Verschmelzung von Mensch und Technik.

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Der „Spiegel“ schrieb damals, im Herbst 1997: „Mit Tamagotchi braucht niemand mehr ein kleiner Bill Gates zu sein, um die Elektronik zu beherrschen. Die Schwellenangst sinkt. Der Rummel ums Ei mit all seiner Niedlichkeitskultur lockt Kinder in die Läden, die sonst von aufwendigen Fantasy- oder Brutalospielen eher abgeschreckt würden.“ Ein Prinzip, das über die Jahre von zahlreichen anderen Herstellern nachgeahmt wurde.

Der Hype um das Tamagotchi endete damals schnell. Das Interesse am Pflegen des virtuellen Freundes nahm ab, die Plastikeier verschwanden von den Schulhöfen. Die Idee hinter dem virtuellen Haustier allerdings blühte immer wieder auf. Etwa in Spielen wie „Nintendogs“ – oder aber auch beim neusten Streich der „Pokémon Go“-Entwickler Niantic. Die bringen mit dem Spiel „Peridot“ das Tamagotchi-Prinzip in die Augmented-Reality-Welt.

Vom Tamagotchi zum Peridot

Soll heißen: Die Smartphone-Kamera fängt die echte Welt ein – das Tier tobt auf dem Display darin herum. Zur Beschäftigung der Wesen gehört beispielsweise der tägliche Spaziergang, den man dann ganz real absolvieren muss – und nicht nur durch das Drücken von Tasten.

Und auch in einem weiteren Punkt sollen sich die neuen Peridots ganz maßgeblich vom Tamagotchi unterscheiden: Sie können nicht sterben. Lange, unangenehme Pieptöne, wie damals in diesem verrückten Sommer 1997, bleiben der Jugend von heute also heute erspart. Ihr wisst nicht, wie gut ihr‘s habt.

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