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TV-Marathon am Sonntag: eine Doppeldosis Positives mit Kiwi und Mross

Zwei für sonntägliche Weltfluchten: „Fernsehgarten“-Moderatorin Andrea Kiewel (links) und „Immer wieder sonntags“-Macher Stefan Mross.

Zwei für sonntägliche Weltfluchten: „Fernsehgarten“-Moderatorin Andrea Kiewel (links) und „Immer wieder sonntags“-Macher Stefan Mross.

„Jeden Sonntag freu ich mich darüber, dass wir uns im Ersten wiedersehen“, mit dieser von Stefan Mross (46) gesungenen Behauptung beginnt um Punkt 10.03 Uhr der sonntägliche Fernsehmarathon durch die beiden zweistündige Unterhaltungsshows in ARD und ZDF. Den Refrain besorgen tanzende Backgroundsängerinnen – frei nach den Siebzigerjahreschlagergrößen Cindy und Bert: „Immer wieder sonntags kommt Stefan und macht Spaß.“

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Auf „Immer wieder sonntags“ folgt seit TV-Ewigkeiten und auch an diesem 17. Juli Andrea „Kiwi“ Kiewel mit ihrer Mittagsshow – dem „ZDF-Fernsehgarten“. Vier Stunden und ein paar Minuten – alles in allem länger als selbst der alte Monumentalfilmkracher „Ben Hur“ mit Charlton Heston. Aber, hey, wer schon einmal eine lange „Fifty Shades of Grey“-Nacht hinter sich gebracht hat, schafft auch das.

Mross begrüßt Fans und Gäste mit „Habe die Ehre“

Anderthalb bis zwei Millionen Deutsche schalten sommers Sonntag für Sonntag bei den beiden Shows ein. Klingt erstmal nicht nach Traumquoten. Allerdings ist dies die Zeit, in der Deutschland gemeinhin anderes zu tun hat als fernzusehen: Ausschlafen, langes Brunchen, Hobbypflege, Ausflüge, eventuell (Tendenz abnehmend) Kirchgang, Mittagessen, Mittagsschlaf, mit den Kindern spielen, mit den Enkeln spielen, mit dem Computer spielen. Die sogenannte „Tageszeit“ (neun bis 16.30 Uhr) ist meist das ärmliche Gegenteil zur publikumsintensiven „Prime-Time“ (der Hauptsendezeit ab 20 Uhr). Da sind Mross und Kiewel mit ihren rund zwei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern schon bei stolzen 20 Prozent Marktanteil.

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Was zieht die Leute dorthin? Gute Laune zu erzeugen ist nach eigenem Bekunden das Ansinnen von Mross. Seit der gebürtige Oberbayer mit „Heimwehmelodie“ 1989 den Grand Prix der Volksmusik für Österreich gewann, ist er ein Pfund im deutschen Showbiz. Dabei ist das Dauerlächeln, das dem 46-Jährigen gemeinhin attestiert wird, gar nicht so auffällig an diesem Sonntag. Eher sieht er ein wenig pokerfacig aus, erinnert an James Cagney, die Hollywoodlegende der Dreißiger- und Vierzigerjahre aus „Angels With Dirty Faces“ und „Maschinenpistolen“. Ein handfester Charme geht mit süddeutscher Galanterie einher: „Habe die Ehre!“ – wer sagt das heute noch, wenn er jemanden begrüßt?

Die Bühne im Wasserpark Rulantica ist in Mangogelb gehalten, der Boden des Publikumsraums in Ketchup-Rot, man sehnt sich also erstmal nach Schwarzweißfernsehen. Es ist heiß und die Gäste, die weiter weg unter den Baldachinen sitzen, haben es mit ihrem Weißbier definitiv besser, als die unter offener Sonne. Auch die 225. Livesendung aus dem württembergischen Rust hat den Schwerpunkt auf musikalische Darbietungen gelegt – alles stammt aus den Schubladen Volkspop und Schlager. Kerstin Ott startet die Sendung mit Letzterem: „Einfach nein“ – ein Lied über zweite Chancen. Riesenapplaus.

Man sieht wieder Leute lächeln

Überhaupt gibt es immer Riesenapplaus, ob nun G. G. Anderson verschossen in „Sommersprossen“ ist oder die „jungen Zillertaler“, die ihr Attribut im Bandnamen seit gefühlt 15 Jahren hätten streichen können, worüber es in der Sendung auch ein paar Spottsprüche gibt, ihr „Hallo Julia“ („Mit dir auf Wolke sieben / bleib ich gerne liegen“) bringen. Und bald tanzen viele und alle lächeln. Masken trägt hier keiner und später, bei Andrea Kiewel, wird allein Kiwi-Helferin Dominique mit einem rosa Gesichtsschutz gesichtet – als sie Stickstoffeis im Publikum verteilt.

Mit seinen Charakterzuweisungen trifft Mross nicht immer ins Schwarze. Die ältlichen Amigos nennt er „sympathische Burschen“, die „zeitlose Musik“ präsentieren. In Wahrheit erweisen sich die Gebrüder Ulrich – vor allem der Karlheinz – in der Sendung als Grantler, die nach ihrem Auftritt mit „Angel in Blue“ im Gespräch mit Mross steif an jedem Witz vorbeipointen. Die Botschaften der dargebotenen Lieder sind hoffnungsvoll und optimistisch: „Einen Schritt vor, keinen zurück / irgendwie geht das Leben schon weiter“ (Die Paldauer), „Wenn ma auf die Schnauze fliag‘n / dann stehn ma wieder auf“ (das österreichischer Jungtalent Luca Stangl). Die kleine Mila aus Duisburg, deren Vater in einer Queen-Coverband spielt, hat den schönsten Song des ARD-Vormittags: „Du hast nen Freund in mir“ – Randy Newmans Swingstück für die netten Spielzeuge in den „Toy Story“-Filmen.

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Auf den zünftigen Mross folgt die quirlige Kiwi

Mit „Immer wieder sonntags“ zu starten ist ein Aufwärmen für den bunteren „ZDF-Fernsehgarten“, in dem ab 12 Uhr die jährliche „Sommerparty“ steigt. Der Mainzer Lerchenberg wirkt unter blauem Himmel wie eine Urlaubsinsel im Mittelmeer, und lief beim zünftigen Mross alles kontrolliert ab, wirbelt die quirlige Kiwi (seit 2000 im Einsatz) im grüngelben Sommerkleid durch ihre Show wie die Geliebte der Spontaneität. Sie bezieht das Publikum mit ein, und nimmt ihm im Handumdrehen die Scheu davor. Beim Sommerliedquiz flüstert sie einem Kandidaten schonmal den gesuchten Titel ins Ohr oder verlegt sich auf ein „Reicht, wenn Sie sagen: Ja, kenn ich.“ Die Musik ist jünger, internationaler, zielt aber ebenfalls auf den inneren Sommer – mit Latin, Eurodance, Schlagerpop. Ein Sänger namens Florian Künstler hat einen Song, der „Gute Nachrichten“ heißt und auch einfordert.

Es gibt aber sowieso nur gute Nachrichten bei Kiwi. Nachrichten wie „Ü30 ist U 40″ oder „Wenn‘s nicht gut ist, wird‘s noch gut“ oder „Bei uns wird kein Essen weggeschmissen.“ Und wenn doch mal was nicht so Gutes zu vermelden steht, etwa, dass DJ Ötzi krank ist und ausfällt, wird ihm doch „gute Besserung“ gewünscht.

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Dem Grillwettbewerb zwischen zwei Teams unter Aufsicht von Starkoch Ralf Zacherl (Fernsehgarten) entspricht ein etwas zähes Grillfest der Stars bei Mross. Ein bisschen „Wetten, dass …?“ ist in beiden Shows enthalten. Während der gebürtige Mainzer Johannes Leusch auf dem Lerchenberg in zwei Minuten 28 Weinflaschen entkorkt („Nennt eure Kinder Johannes!“ – Kiewel), füllt eine junge Artistin bei Mross überkopf im Rhönrad Waffelhörnchen mit Eis. Mross fordert sein Publikum zu einem „Spitze!“-Ruf auf – der Hans-Rosenthal-Gedächtnismoment. Der anrührendste Augenblick gehört dann auch Mross – er ermöglicht einem schwerkranken Kerstin-Ott-Fan eine persönliche Begegnung mit der Sängerin. „Du musst wissen, dass wir ganz fest hinter dir stehen“, sagt er zum Schluss. Es folgt, was folgen muss: ein Riesenapplaus.

Wenig Erinnernswertes, aber man fühlt sich gut unterhalten

Wenig sonst passiert in den vier Stunden, was wirklich des Erinnerns wert wäre. Weder legt Andrea Kiewel einen Stunt hin (stattdessen springen diesmal Luca Hänni und Sarah Engels in den Pool) noch schnappt Stefan Mross nach Luft, weil er etwas zu Scharfes vom Grill zu sich genommen hat (wie 2014 bei seinem legendären Chilisaucenkollaps). Es gab keinen Estefania-Eklat (die Sängerin Estefania Wollny fühlte sich Anfang Juli von Mross ignoriert und gemobbt). Und niemand brachte Kiwi mit Spaßterror in Rage wie vor drei Jahren Luke Mockridge, der mit Schimpansenlauten durch ihren Fernsehgarten gesprungen war und das im Schnitt nicht allzu junge Livepublikum mit Aussagen über alte Leute („riechen immer nach Kartoffeln“) zu Buhrufen gebracht hatte.

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Nichts dabei also, was als Höhepunkt dem Wagenrennen bei „Ben Hur“ entspräche. Und trotzdem fühlt man sich – ganz anders als man vorab – eingedenk auch des eigenen, von beiden Shows nahezu unbedienten Popmusikgeschmacks erwartet hatte – doch überraschend unterhalten durch diese Doppeldosis Positives.

In Zeiten von Krisen und Ängsten tut eine kleine TV-Weltflucht gut

Vielleicht ist der Funke einfach übergesprungen. Alle im Wasserpark Rulantica wie auf dem Mainzer Lerchenberg freuten sich sichtlich des Lebens. Man ist mit ihnen vorm Bildschirm für vier Stunden abgetaucht in ein Paralleluniversum, in dem mal keiner von Corona spricht und in die der Krieg nicht hineinreicht, in der man das Bangen um Inflation und Rezession und die Sorge vor einer eiskalten Winterwohnung einfach mal ausblenden konnte. Es gab kein einziges Wort – weder von Mross noch von Kiewel – das eine Gemütseintrübung hätte verursachen können. Zu anderen Zeiten hätte man das womöglich als heuchlerisch oder verlogen eingeordnet – aber in Krisen wie diesen tut eine kleine Weltflucht unverhofft gut. Still schweigt in ARD und ZDF Kummer und Harm.

Wobei freilich nichts an der ersten TV-Tageshälfte vergnüglicher war, als der Versuch von Knetfilmschaf Shaun – zehn Minuten vor Beginn von „Immer wieder sonntags“ – einen Heißluftballon mit einem Marmeladentoast zu flicken. Nach wie vor schlägt nichts am Sonntagvormittag die gute alte „Sendung mit der Maus“.

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