Justiz

Trotz Kastration: Warum steht dieser Hengst noch auf Stuten?

IN DER TIHO: Professor Harald Sieme (rechts) bereitet die Ultraschall-Untersuchng des Wallachs „Charco“ vor. Foto:

IN DER TIHO: Professor Harald Sieme (rechts) bereitet die Ultraschall-Untersuchng des Wallachs „Charco“ vor. Foto:

HANNOVER. Und immer lockt das Weib: Ist „Charco“ (12) noch ein ganzer Mann (sprich Hengst), oder hat ihm die Kastration sämtliche Bedürfnisse geraubt? Diese Frage musste Amtsrichterin Catharina Erps am Mittwoch klären. Die Tierärztliche Hochschule (TiHo), genauer die reproduktionsmedizinische Einheit, wurde zum Gerichtsort. Besitzerin Kathrin Grimm (19) findet, dass „Charco“ ein ziemlicher Macho ist. „Wenn ich an einer Weide mit anderen Pferden vorbeireite, regt er sich tierisch auf.“ Speziell wenn Stuten in der Nähe seien, benehme sich der Wallach wie ein Platzhirsch. Nun fordert sie die Vorbesitzerin auf, das Pferd zurückzukaufen. „Charco“ kostete 3000 Euro.

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Eindeutiges Hengstverhalten

So kam Professor Harald Sieme die Rolle des Gutachters zu. Der Wissenschaftler und Tierarzt prüfte „Charco“ auf sein Hengstverhalten. Im Führring durfte das Pferd Kontakt zu drei rossigen (paarungsbereiten) Stuten aufnehmen. Schon als er „Sidney“ sieht, wiehert der „Spanier“ laut. Und zeigt eindeutiges sexuelles Interesse. Als nächstes kommt „Uschi“ in den Führring. „So eine schicke Schwarz-Braune ist für den Spanier genau das Richtige“, witzelt Anwalt Kai Bemmann. Er vertritt die beklagte Verkäuferin des Wallachs. „Charcos“ Interesse an „Uschi“ ist trotz eindeutiger Erregung nicht ganz so groß. Vielleicht liegt es an ihrem ausgeprägten Damenbart. Bei „Melody“ ist der Wallach kaum noch zu halten. „Er ist jetzt kurz davor aufzuspringen“, erklärt Professor Sieme. Urteil: Der Wallach zeigt eindeutig Hengstverhalten.

Doch trotz des frühlingshaften Wetters bleibt keine Zeit fürs Vergnügen. In einem Gebäude mit dem Charme einer stillgelegten Kfz-Werkstatt untersucht der Professor das Pferd per Ultraschall. Es geht darum, ob noch Hodenrestgewebe vorhanden ist. Das Ergebnis ist nicht eindeutig. Nun kommt es zur transrektalen Untersuchung. Das freut keinen Mann. „Charco“ lässt die Untersuchung aber erstaunlich ruhig über sich ergehen – das Tier wurde vorher sediert. Professor Sieme steckt seinen plastikumhüllten linken Arm tief in das Pferd. Er scherzt: „Es ist wie Ostern, bislang haben wir noch nichts gefunden.“ Auch dieser Befund ist nicht eindeutig. „Wenn sie rektal untersuchen, ist das so, als suchten sie einen Pfennig in der Waschmaschine“, erklärt der Tierarzt.

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Chemische Kastration?

Ist der Wallach ein Hengst? Eine schwer zu beantwortende Frage. Der Testosteron-Gehalt des Pferdes ist für einen Wallach grenzwertig hoch. Da das Tier erst im Alter von acht Jahren kastriert wurde, könnte sein Verhalten gegenüber Stuten auch konditioniert sein. Dann würde die Klägerin den Prozess verlieren. Vielleicht ist „Charco“ auch ein Kryptorchide (ein Hoden sitzt anormal im Bauch)? Die Parteien einigen sich auf einen Bluttest, der laut Professor Sieme eindeutige Beweise liefere.

190227_NP_Hengstverhalten

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Ist „Charco“ noch mehr Hengst als Wallach, dann schlägt der Gutachter eine chemische Kastration vor. Die Kosten würde die Verkäuferin übernehmen, erklärt Anwalt Bemmann. Die Rede ist von 110 Euro etwa alle neun Monate. Bekommt das Pferd das Medikament, dann wäre er als Sportpferd und Schlachtvieh nicht mehr zu gebrauchen. Bleibt das Verhalten trotz der chemischen Keule, dann ist „Charco“ im Kopf ein Mann geblieben.

Und So stellt sich mit Herbert Grönemeyer die Frage: „Wann ist ein Mann ein Mann?“

Von Thomas Nagel

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