Hannover

Streit um Obdachlosen in der Eilenriede

Das Lager des Obdachlosen im Stadtwald ist nicht zu übersehen.

Das Lager des Obdachlosen im Stadtwald ist nicht zu übersehen.

Hannover. Am Rand der Eilenriede hat er seine eigene kleine Festung erbaut. Sie besteht nicht, wie die meisten Bleiben an der Hohenzollernstraße, aus kunstvoll verzierten Fassaden und romantischen Türmchen, sondern aus Müll. Denn Müll isoliert – und das ist bei der winterlichen Kälte überlebenswichtig für Obdachlose.

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Ein Besuch am Königinnen-Denkmal an der Hohenzollernstraße. Auf dem kleinen Platz gegenüber der Yorckstraße steht jetzt ein kleines Campingzelt, ein aufgespannter Regenschirm und ein Bett aus Müll. Hier lebt ein Mann mittleren Alters, er hat einen langen Bart, kommt aus Israel, spricht gutes Englisch und liest gerne auf der Parkbank Zeitung. Seinen Namen und seine Geschichte allerdings möchte er nicht in der Presse lesen.

Der Obdachlose, der dazugehört

Die Oststädter kennen den Mann gut. Ein paar Anwohner, weil sie sich über den stark vermüllten Platz ärgern und über die Notdurft. Andere, weil sie ihm helfen. Viele versorgen den Mann, bringen ihm täglich etwas zu essen und zu trinken. „Ich schaue regelmäßig nach ihm und bringe ihm eine Wärmflasche“, erzählt Andrea Lautenbach aus der Nachbarschaft. „Das machen auch viele andere – das finde ich toll und irgendwie beruhigend“, ergänzt sie. Auch Joachim Frey aus dem angrenzenden Zooviertel hat den Eindruck, dass der Obdachlose akzeptiert wird. „Ich habe es noch nie erlebt, dass sich jemand über ihn oder den Dreck aufregt. Ganz im Gegenteil: Ich beobachte, wie ihm Wasser angeboten wird, zuletzt wurde sogar mal der Krankenwagen für ihn gerufen“, so der 66-Jährige.

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Wie die Stadt versucht, dem Eilenriede-Obdachlosen zu helfen

Auch die Stadt kann das bestätigen: „Die Beschwerden halten sich in Grenzen. Eher im Gegenteil: Es ist bekannt, dass der Mann teilweise mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt wird“, so Stadtsprecher Dennis Dix. Einerseits. Andererseits: Die Stadt fordert ihn regelmäßig auf, das Lagern einzustellen und aufzuräumen. Auch habe die Stadtverwaltung schon aufräumen lassen – denn eigentlich dürfte der Mann auf dem Platz nicht hausen. „Wenn wir ihn dort wieder antreffen, werden wir ihn erneut darauf hinweisen“, sagt Dix. Als Alternative biete ihm die Stadt regelmäßig eine Unterbringung in einer Obdachlosenunterkunft an – das lehne er jedoch ab.

Shuttle in die Obdachlosen-Unterkunft

Für Obdachlose ist es schwer, die Notschlafstelle Alter Flughafen im Gewerbegebiet zu erreichen – selbst wenn sie es denn wollten. Es ist schlicht zu weit für die oft geschwächten und frierenden Menschen.

Zwar verteilen die Mitarbeiter des Caritas-Kältebusses dienstags auch Üstra-Fahrkarten für hin und zurück in die Stadt, aber nicht jeder kann das Angebot annehmen. Deswegen reagiert der Betreiber der Notunterkunft, die DRK-Soziale Dienste, jetzt darauf. Ab Mittwoch organisiert er den Transport im Auftrag der Stadt Hannover von der City zum Alten Flughafen.

Der Bus des Deutschen Roten Kreuzes fährt täglich um 18 und noch einmal um 20 Uhr ab „Runde Straße“ auf Höhe des Kauflandparkplatzes ab. Von 17 Uhr bis morgens um neun Uhr stehen für die Obdachlosen 150 Schlafplätze zur Verfügung.

„Naja, diese Unterkünfte sind ja auch keine gute Alternative für Obdachlose“, hat eine Spaziergängerin gehört. Einen 29-Jährigen Passanten regt das zum Nachdenken an: „Ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad an ihm vorbei und frage mich, warum er auf diesem kalten Rasen liegt.“ Auch Anwohner Frey findet, dass die Alternativen für die Obdachlosen nicht ausreichen und zu wenig für sie getan werde.

Hilfsbereite Oststädter

Und er überlegt, das hat er mit viele Nachbarn gemein, was sie selber tun könnten, um dem Mann zu helfen. „In meinem Haus ist zum Beispiel eine Wohnung frei, und ich frage mich, ob man ihm die nicht für eine Weile zur Verfügung stellen könnte. Aber leider scheint das zu kompliziert zu sein“, sagt Lautenbach. „Gerade in diesem besser gestellten Viertel hier wird einem durch die Lebensumstände des Mannes vor Augen geführt, wie gut es uns geht.“

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Die Oststädter versuchen, etwas davon zurückzugeben. Der Mann scheint etwas bei den Menschen auszulösen – vor allem Hilfsbereitschaft. „Wir betrachten ihn als Mensch und nicht als Obdachlosen. Er gehört zum Stadtteil dazu“, sagt Lautenbach.

Von Josina Kelz

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