Der nächste Gastronom muss aufgeben

Stammplatz in der Südstadt schließt

Ende, Schluss, Aus: Am 20. Februar schließt Andy Kühn seinen Stammplatz in der Südstadt für immer ab.

Ende, Schluss, Aus: Am 20. Februar schließt Andy Kühn seinen Stammplatz in der Südstadt für immer ab.

Hannover. Heute nullt er zum fünften Mal. Geplant hatte Andreas Kühn zu seinem 50. Geburtstag drei Feiern in seinem „Stammplatz“ in der Südstadt. Es ist anders gekommen für den Gastronomen, den in Hannovers Fußballwelt fast jeder kennt. Coronabedingt feiert er heute Abend mit sechs guten Freunden, Stiefsohn Marvin (26) und Lebensgefährten Dani. „Das Schicksal teile ich mit zigtausenden Anderer, die ihren runden Geburtstag nicht ausgelassen feiern können“, weiß Kühn, den alle „Andy“ rufen: „Und das ist auch nicht wirklich schlimm.“

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Was wirklich schlimm ist: Übernächsten Sonntag, direkt nach dem 96-Spiel beim FC St. Pauli, schließt Kühn seine Fußballkneipe am Altenbekener Damm ab. Für immer. Damit geht der Stadt nicht irgendeine Eckkneipe verloren, sondern ein Stück Sportkultur.

Potofskis „Mein Stadion“ kam aus dem „Stammplatz“

"Das hier war elf Jahre mein Leben und mein zweites Zuhause", sagt der nun 50-Jährige und zeigt sein Reich. 36 Quadratmeter, exakt 53 Sitzplätze, fünf große Fernseher. "Wir haben die größte TV-Dichte auf den wenigsten Quadratmetern", scherzt der gelernte Schilder- und Lichtreklamehersteller, der nach der Ausbildung bis 2002 in diesem Beruf gearbeitet hat, sich dann im Holz- und Bautenschutz selbstständig machte und 2010 den damaligen "Otto's Sportspub" von Alex Otto (wird morgen 54) übernahm. Dutzend Wimpel und Trikots hängen von der Decke, neben dem Tresen stehen Biografien von Pep Guardiola (51), Mario Basler (53) und Uli Borowka (59), an der Wand steht in rot auf weiß "Niemals allein, wir gehen Hand in Hand", die wichtigste Zeile aus dem 96-Lied "Alte Liebe". Die 96-Helden Jiri Stajner (45), Altin Lala (46) und Carsten Linke (56) haben hier Bundesliga geschaut, fünfmal war TV-Kulttalker Uli Potofski (69) mit seinem Sky-Format "Mein Stadion" aus dem Stammplatz live auf Sendung.

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Echte Fußballkneipe: Der Stammplatz ist mit Wimpeln, Büchern, Trikots und Autogrammen geschmückt, an jeder Wand hängt ein TV-Monitor.

Echte Fußballkneipe: Der Stammplatz ist mit Wimpeln, Büchern, Trikots und Autogrammen geschmückt, an jeder Wand hängt ein TV-Monitor.

40 handverlesene Fans durfte Kühn zu „Mein Stadion“ reinlassen, aber da zahlte Sky die Zeche. Die Pandemie traf den früheren Bezirksligafußballer von Eintracht Hannover dann so hart wie andere gastronomische Leidensgenossen. Genau neun Gäste durften mit Abstandsregel die Spiele verfolgen, der Stammplatz hat seit seinem ersten Tag immer nur dann geöffnet, wenn es Fußball-Übertragungen gibt.

„Da entstand eine Stimmung, die ich niemals vergessen werde.“

„Inzwischen können 30 kommen, auch damit kannst du nicht kostendeckend arbeiten“, weiß Kühn, der an legendären Abenden wie beim 96-Sieg in Kopenhagen oder dem deutschen 7:1 gegen Brasilien bei der WM 2014 auf 100 Besucher gleichzeitig kam: „Da entstand eine Stimmung, die ich niemals vergessen werde.“

Zum Wohl: Gastronom Kühn vor elf Jahren in seinem 36 Quadratmeter großen Ladenlokal.

Zum Wohl: Gastronom Kühn vor elf Jahren in seinem 36 Quadratmeter großen Ladenlokal.

Eine schwarze Null hat Kühn, der nebenbei das Tennisheim des VfL Eintracht betreibt, selten geschrieben in den 132 Stammplatz-Monaten. „Ich wollte mit der Kneipe nie reich werden“, sagt Kühn, „ich konnte hier mein Hobby zum Beruf machen, das ist doch ein Geschenk.“

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Nun allerdings laufen ihm die Kosten weg: DAZN hat seine Lizenzgebühr auf 300 Euro pro Monat erhöht, fürs Sky-Kneipen-Abo sind 400 Euro zu zahlen, die Energiekosten sind um 250 Euro im Monat gestiegen. „Ich muss einen Kostenblock von 3000 Euro monatlich bedienen, bevor ich überhaupt das erste Bier verkauft habe“, sagt Kühn, der „die Reißlinie ziehen muss, bevor ich pleite bin.“ Die Krise hatte für ihn auch gesundheitliche Folgen: zwei Herzinfarkte in einem halben Jahr. Kühn musste seiner Dani versprechen, besser auf sich aufzupassen.

Perfekte Kulisse: Hier losen 96-Legende Dieter Schatzschneider (links), Madsack-Verlagsleiter Günter Evert und 96-Aufsichtsrat Martin Andermatt die Gruppen für das Hallenturnier „Sportbuzzer Masters“ aus.

Perfekte Kulisse: Hier losen 96-Legende Dieter Schatzschneider (links), Madsack-Verlagsleiter Günter Evert und 96-Aufsichtsrat Martin Andermatt die Gruppen für das Hallenturnier „Sportbuzzer Masters“ aus.

Neben Corona und den Kosten ist es der Profifußball selbst, der den Stammplatz scheitern ließ: "Die Millionäre in kurzen Hosen haben sich unfassbar weit von der Basis entfernt, viele sind überbezahlte Söldner. Leipzig gegen Hoffenheim will keiner sehen, über eine Winter-WM in Katar kann keiner jubeln", glaubt Fußball-Traditionalist Kühn, "und wenn mit 96 das Aushängeschild der Stadt den Bach runtergeht, dann wird so eine Fußballkneipe eben mit runtergezogen." Längst vorbei die Zeiten, als Tore von Mo Abdellaoue (36), Didier Ya Konan (37) oder Niclas Füllkrug (28) im Stammplatz gefeiert wurden, weil die Arena ausverkauft war.

Mit bewegenden Worten hat sich Andy Kühn auf Facebook schon verabschiedet, der Ausverkauf des Inventar läuft. 80 Euro kostet einer der 20 rotgepolsterten Hocker, ein Stammgast hat zwei Stühle, zwei Tische und eine Bank für seine Kellerbar reserviert. „So lebt der Stammplatz ein wenig weiter“, sagt Kühn und lacht: „Eine geile Zeit ist vorbei. Aber den Fußball gibt es noch und mich auch. Unkraut vergeht nicht.“

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Von Christoph Dannowski

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