Hannovers Industriegeschichte

Sprengel, Appel, Bahlsen: Historikerin zeigt „Menschen in der Fabrik“

Stolz auf ihre Arbeit: Das Bild entstand 1901 in der Marzipanabteilung von Sprengel in Hannover.

Stolz auf ihre Arbeit: Das Bild entstand 1901 in der Marzipanabteilung von Sprengel in Hannover.

Hannover. Die Frauen sitzen da aufrecht, stolz, mit gestärkten, blütenweißen Schürzen. Die Männer blicken selbstbewusst in die Kamera. 1901 war die Marzipanabteilung des Schokoladenherstellers Sprengel in Hannovers Nordstadt eine Manufaktur, in der filigrane Figuren entstanden. „Marzipanartikel waren gerne gekaufte kleine Geschenke“, schreibt Kristina Huttenlocher in ihrem Buch „Menschen in der Fabrik“, in dem sie Industriefotografie in Konsumgüterfabriken beleuchtet. Auf der Preisliste aus dem Jahr 1896 stehen als Motive Schwein auf Geldsack, Teckel mit Heidestrauß, Max und Moritz. Aber auch Marzipan-Granate mit Soldat.

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Acht Seiten Anhang mit Quellen hat „Menschen in der Fabrik“ (De Gruyter-Verlag, 186 Seiten, 29,95 Euro), viele Fußnoten, detaillierte Bildnachweise. Eine Forschungsarbeit, die anschaulich und lebendig eine spannende Zeit abbildet – und historisch interessierten Hannoveranern das Herz aufgehen lässt.

2013 erforscht sie die Appel-Geschichte

Den Grundstein hatte Huttenlocher schon 2013 gelegt. Da hatte die Urenkelin des „Feinkost Appel“-Gründers den Wandel des hannoverschen Familienunternehmens beschrieben. „Nach meiner Pensionierung hatte ich Zeit“, erinnert sich die 74-Jährige, die in Oberursel (Hessen) lebt, viele Jahre als Lehrerin und Schuldirektorin gearbeitet hat.

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Kristina Huttenlocher hat „Menschen in der Fabrik" (De Gruyter, 186 Seiten, 29,95 Seiten) geschrieben.

Kristina Huttenlocher hat „Menschen in der Fabrik" (De Gruyter, 186 Seiten, 29,95 Seiten) geschrieben.

Appel war einst einer der Traditionsbetriebe der Stadt. Wie Bahlsen, Sprengel, Pelikan, die auch im neuen Buch eine wichtige Rolle spielen, weil sie Konsumgüter und Genussmittel herstellten. „Industriefotografie ist oft fokussiert auf mächtige Firmen wie Thyssen und Krupp im Rheinland. Die Arbeiter werden als Masse gezeigt, es geht vor allem um mächtige Maschinen“, sagt Huttenlocher, die bei ihrer Forschung ganz andere Facetten entdeckte. „Der Mensch steht im Vordergrund“, hat sie bei den Hannover-Unternehmen analysiert. „Denn es ging um Produkte, mit deren hoher Qualität die Firmen warben. Da entsteht eine andere Verbindung zu den Mitarbeitern.“

Das hatte auch Huttenlocher so erlebt. „Ich war oft mit meinem Vater in der Fabrik“, erinnert sie sich an die Kindheit in Hannovers Nordstadt. Urgroßvater Heinrich Wilhelm Appel hatte die Firma 1879 gegründet. Zunächst als Zuckerhandel, dann kamen Senf und Lebensmittelkonserven dazu, auch „Tomato Catsup“, die „Majonnäse“ war der Hit. Beeindruckt hat Huttenlocher schon als Kind, was über ihre Uroma erzählt wurde: „Sie hat aktiv im Betrieb mitgearbeitet, sich vor allem um die Mitarbeiter gesorgt.“

Mit Melone und Binder: Das Foto zeigt Mitarbeiter der Feinkost-Firma Appel beim Aufbruch in den Feierabend.

Mit Melone und Binder: Das Foto zeigt Mitarbeiter der Feinkost-Firma Appel beim Aufbruch in den Feierabend.

Die räumliche Nähe habe das Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen. „Wenn ein Fabrikbesitzer um die Ecke wohnt, bekommt er Einblicke in die Lebensverhältnisse seiner Belegschaft, baut eine engere Beziehung auf.“ Das sei auch bei Sprengel der Fall gewesen. „Die Familie wohnte auch in der Nordstadt, mein Opa war gut mit dem Inhaber befreundet.“ Eine Kindheit, die Huttenlocher noch in der Nase hat. „Ich bin mit dem Geruch von Schokolade in Stadtteil groß geworden.“

Der Geruch der Nordstadt: Das Foto zeigt den Schokoladenwalzensaal von Sprengel im Jahr 1901.

Der Geruch der Nordstadt: Das Foto zeigt den Schokoladenwalzensaal von Sprengel im Jahr 1901.

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Sie selber hat einen anderen Lebensweg eingeschlagen – „ich wollte nicht als Unternehmertochter gelten“, sagt sie im Rückblick. Abitur machte sie an der Goetheschule, die ab 1957 ganz revolutionär Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtete. In Westberlin studierte sie ab 1966 Politik und Geschichte. „Eine spannende Zeit“, sagt sie, „ich war am 2. Juni 1967 vor der Oper dabei.“ Ein einschneidendes Datum in der deutschen Geschichte: Bei der Demo gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien wurde der Student Benno Ohnesorg (†26) erschossen, die Studentenbewegung radikalisierte sich.

Huttenlocher kennt beide Seiten

Huttenlocher lernte im Studium ihren ersten Ehemann kennen – der war Gewerkschafter, stand bei Tarifverhandlungen auf der gegnerischen Seite ihres Vaters „Eine interessante Konstellation. Ich kenne beide Seiten.“ Die Bedürfnisse der Belegschaften, aber auch die Hochs und Tiefs des Unternehmertums, das finanzielle Risiko. „Da wurde am Mittagstisch auch heftig diskutiert“, erzählt sie.

Historikerin Kristina Huttenlocher (links) hat bei Recherchen für ein Buch über die Firmengeschichte von Sprengel-Schokolade wertvolle Unterlagen entdeckt und übergibt sie Cornelia Regin vom Stadtarchiv.

Historikerin Kristina Huttenlocher (links) hat bei Recherchen für ein Buch über die Firmengeschichte von Sprengel-Schokolade wertvolle Unterlagen entdeckt und übergibt sie Cornelia Regin vom Stadtarchiv.

Erkenntnisse und Einblicke, die ihr auch bei der Arbeit an ihren Büchern halfen. Nach der Appel-Chronik nahm sie sich 2016 die Firma Sprengel vor, zeichnete Aufstieg und Niedergang in einem 320-Seiten-Band nach. Nun „Menschen in der Fabrik.“ Ihre Motivation erklärt die 74-Jährige so: „Ich wollte den Blick zurechtrücken. Ich wollte zeigen, wie mittelständische Firmen im Konsumgüterbereich mit den Mitarbeitern umgingen.“ Auch mit der Rolle der Frau: In einem Zeugnis lobte Willy Appel Anfang des 20. Jahrhunderts ausdrücklich die „Selbstständigkeit im Geiste“ einer jungen Buchhalterin, die er ungern gehen ließ. Bei Bahlsen hatten bereits 1919 zwei Frauen Prokura, vier Jahre später wurden sie in den Vorstand berufen.

Die Rolle der Frau: Eine Mitarbeiterin in der „Buchhalterei“ der Firma Feinkost Appel in Hannover – das Foto stammt aus dem Jahr 1907.

Die Rolle der Frau: Eine Mitarbeiterin in der „Buchhalterei“ der Firma Feinkost Appel in Hannover – das Foto stammt aus dem Jahr 1907.

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Doch anders als große Industriekonzerne hätten kleiner Unternehmen oft keine Archive. „Ein ziemliches Durcheinander “ habe sie bei den Recherchen vorgefunden. Nachlässe, Briefwechsel, Werbekampagnen, Unterlagen aus Museen und Archiven, Zeitzeugenberichte hat sie seit Januar 2019 durchgesehen, entscheidende Bilder herausgefiltert. Eine Arbeit, für die sie sich Freiraum schaffen musst – „ich habe inzwischen sechs Enkel“. Die Corona-Pandemie war für sie hingegen eine „ersprießliche Zeit, wir haben uns intensiv mit dem Layout des Buches befasst.“

Das Hummer-Logo von Appel gibt es immer noch

Die Firma Appel, die einst das Wort „Feinkost“ erfand, existiert heute nicht mehr als eigenständiges Unternehmen – seit den 60ern drängten US-Konkurrenten auf den Markt, Discounter wie Aldi boomten, Delikatessgeschäfte schlossen. Nur der Name blieb als Markenzeichen, die Firma Heristo verwendet auch immer noch das Hummer-Logo von Appel.

„Ich mag die kleinen Döschen mit Hering in Tomatensauce“, sagt Huttenlocher. Das erinnere sie an Ausflüge mit ihrem Vater nach Altona. „Um vier Uhr morgens, wenn die Fischhändler auf Kisten standen und die Ware versteigerten“, schwärmt die Historikerin. „Dies Welt fasziniert mich immer noch.“

Kristina Huttenlocher

*26. Februar 1947 in Lauenstein, dorthin wurde die Familie nach dem Krieg verschickt. Aufgewachsen ist die Urenkelin des Gründers von „Appel Feinkost“ in Hannovers Nordstadt. Ihr Vater war nicht nur Unternehmer, sondern auch Landtagsabgeordneter und Konsul. Huttenlocher studiert Politik, außerdem Geschichte auf Lehramt ( „zur Sicherheit“). Sie arbeitet in Hessen 23 Jahre als Lehrerin, wechselt drei Jahre ins Kultusministerium, leitet danach bis zur Pensionierung im Jahr 2011 als Direktorin zwei Schulen. Sie veröffentlicht im Zu-Klampen-Verlag Wirtschaftsbiografien über die Marken „Appel“ und „Sprengel“.

Von Andrea Tratner

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