Hannovers Erfolgskünstler

Niko Nikolaidis zieht nach Köln – und will neun Monate schweigen

Stumm: Ab März will Nikolaidis neun Monate lang schweigen.

Stumm: Ab März will Nikolaidis neun Monate lang schweigen.

Langenhagen. Beim Treffen mit der Presse stehen da noch die Bilder von Niko Nikolaidis (31) im 300 Quadratmeter großen Langenhagener Atelier. Eins neben dem anderen, kunterbunt, der Boden so besprenkelt wie die Hände des Künstlers. Verändert haben sich seine Kunstwerke im Laufe der Jahre. Statt Totenköpfe und Dollarzeichen zeigen seine Bilder heute mehr Tiefe. Sie sind abstrakter, man erkennt DNA-Stränge, Heiligenscheine, Engelsflügel.

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Einer von Hannovers erfolgreichsten Künstlern, der mit Anfang 20 seinen Durchbruch hatte, ist erwachsen geworden und hat sich weiterentwickelt. Oder: „Ich bin erwacht“, wie er selber sagt. Doch dazu später mehr. Denn jetzt steht seine nächste Entwicklungsstufe an.

Das ist Niko Nikolaidis

* 23. November 1990 in Großburgwedel. Er wächst in Resse (Wedemark) mit vier jüngeren Geschwistern auf, seine Eltern stammen aus Griechenland (Saloniki) und hatten ein griechisches Restaurant in Brelingen. Nach dem Abitur studiert Nikolaidis Marketing-Management an der Fachhochschule des Mittelstands in der List. Er entscheidet sich gegen eine Managerkarriere und mietet sein erstes Atelier an der Göttinger Straße. Der damals 25-Jährige bewirbt sich bei der Pashmin Art Gallery in Hamburg. Diese nimmt ihn und seine Kunstwerke mit zur Kunstmesse Scope nach Miami. Sofort verkauft er ein Bild. Es folgt eine Ausstellung in New York, Nikolaidis’ internationaler Durchbruch. Heute verkauft er seine Kunstwerke bis nach China, das teuerste ist für 56.000 Euro weggegangen.

Ein paar Tage später ist die Farbe aus Nikolaidis’ Atelier verschwunden – und aus Hannover: Der 31-Jährige zieht nach Köln, „um diese Stadt mit ganz viel Farbe zu füllen.“ Er tut es der Liebe zur Kunst wegen. „Ich habe mich in Hannover maximal entwickelt und ein Plateau erreicht, jetzt muss es weitergehen“, sagt er. „Es ist Zeit für neue Menschen, neue Eindrücke, neue Inspirationen.“

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Besondere Freunde: Niko Nikolaidis und Mikail Akar in Köln.

Besondere Freunde: Niko Nikolaidis und Mikail Akar in Köln.

Warum es Köln sein soll: Vergangenes Jahr malte der Hannoveraner erstmals mit dem Kölner Nachwuchskünstler Mikail Akar (9). "Wir sind nicht nur Freunde geworden, wir haben eine ganz tiefe Verbindung zueinander." Es zog Nikolaidis immer mehr in die Stadt, irgendwann war er dreimal die Woche da.

Jetzt also ganz. Doch Hannover sagt der Künstler nicht für immer Tschüss. „Ich kann mir gut vorstellen, zurückzukommen – oder nochmal in eine andere Stadt oder sogar Land zu ziehen. Da, wo es mich hinzieht.“

Tschüss Heimat: Nikolaidis zieht nach Köln. Im September warb er mit diesem Kunst-Käfer noch für eine Ausstellung in Hannover.

Tschüss Heimat: Nikolaidis zieht nach Köln. Im September warb er mit diesem Kunst-Käfer noch für eine Ausstellung in Hannover.

Neuer Kunststil, neue Stadt – und noch mehr: Ab März will der 31-Jährige neun Monate ein Schweigegelübde ablegen. Das heißt wortwörtlich: Er wird 270 Tage nicht mehr sprechen. Den Anfang seiner umfassenden Askese hat er schon gemacht: Er hat Nikotin, Fleisch und Koffein abgeschworen. „Ich fühle mich wacher denn je“, sagt Nikolaidis, während er an seiner E-Zigarette zieht und sich der Dampf auf die Neon-Farben seiner Bilder legt.

Ab März will Nikolaidis für den Rest des Jahres schweigen

Doch das reicht ihm nicht. „Ich habe vergangenes Jahr schon mal eine Woche geschwiegen.“ Diese Erfahrung hat ihn nachhaltig geprägt. „Die ersten drei Tage waren meine Gedanken so laut, dass ich nicht zur Ruhe kam. Und auf einmal wurden sie so ruhig, dass ich selber ganz ruhig wurde.“ Nie habe er mehr zu sich gefunden, nie sei er mehr bei sich gewesen als in diesen sieben Tagen.

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Dieses Gefühl will er jetzt auf die Spitze treiben. „Wir Menschen verlernen so viel im Laufe unseres Lebens. Weil die Welt so schnell und laut ist, weil Worte so irreführend und limitierend sind, uns ablenken. Tiere und Kinder haben diese Intuition noch, dann geht sie verloren.“ Doch für seine Kunst will er sie zurück, denn: „Ich will die schönsten Bilder der Welt malen“, sagt er voller Inbrunst.

Warum neun Monate? „Naja, ich will neugeboren werden – und es dauert neun Monate, bis ein Mensch geboren wird. Ich werde also bald schwanger“, scherzt er und lacht. Und doch hat er großen Respekt und Ehrfurcht vor dieser Zeit.

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Wie wird er mit seiner Familie in der Heimat ohne Telefon kommunizieren? Wie erklärt er Fremden ohne Worte, dass er nicht spricht? „Ich werde Briefe schreiben. Dabei muss man Worte bewusst wählen.“ Und was Begegnungen betrifft: „Ich werde ein Schild bei mir tragen, das erklärt, dass ein Schweigegelübde halte.“ Eines verspricht er aber: „Ich werde es den Leuten nicht schwer machen, nur mir selbst.“

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Darüber hinaus möchte er die Gebärdensprache lernen. „Es ist mir wichtig, mehr von Taubstummen zu verstehen. Und von anderssprachigen Menschen – denn die Sprache als Barriere wird weg sein. Wir müssen dann über das Herz sprechen. Und diese Sprache versteht jeder.“ Damit komme er auch seinem Motto „Connect the world“, also „Verbinde die Welt“, näher.

Nikolaidis will eine Woche blind sein

Auch die Blindenschrift will Nikolaidis erlernen, eine Woche seine Augen verbinden. Schon jetzt malt er seine Bilder oft blind, zum Beispiel 2021 beim Live Painting im Zoo Hannover. "So lasse ich mich einfach nur von meiner Intuition leiten und die Bilder werden purer."

Wie die neun Monate werden und was am Ende dabei herauskommt, weiß er noch nicht. Aber eines weiß er gewiss: Heute in einem Jahr wird er ein ganz neuer Mensch sein und seine Kunst nicht mehr so aussehen wie heute.

Von Josina Kelz

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