Justiz

Manuel (11) überrollt: Bewährungsstrafe für Lkw-Fahrer

Der angeklagte Lkw-Fahrer mit seinem Anwalt im Gericht - von Kamerateams gefilmt.

Hannover. „Keine unfallursächlichen Mängel.“ Diplom-Ingenieur Clemens Rehse spricht gerade über den Renault Magnum 500 DX, Mit diesem Lkw-Typ wurde Manuel R. (11) überfahren und getötet. Am 18. April im Stadtteil Brink-Hafen. Um 18 Uhr an der Kreuzung Vahrenwalder Straße/Industrieweg /Kugelfangtrift.In diesem Moment öffnet sich leicht knarrend die schwere Tür zum Amtsgerichtssaal 2288. Manuels Mutter Swetlana R. kommt herein.

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Die 51-Jährige – eine mittelgroße Frau mit dunklen, zu einem Zopf gebundenen Haaren – unterbricht die Verhandlung von Richterin Monika Pinski.„Meine Mandantin möchte etwas sagen“, assistiert Markus Bauer, Anwalt der Nebenklage, der Lehrerin. Die Richterin unterbricht den Vortrag des Gutachters und stimmt zu. Swetlana R. geht etwas auf den Mann zu, der ihren Sohn beim Abbiegen mit seinem Lkw tödliche Verletzungen zugefügt hat.

Bogdanel B. (37), angeklagt wegen fahrlässiger Tötung, sitzt zwischen seinem Verteidiger Karl Minne Braaksma und einem Übersetzer. Seine Hände spielen nervös mit seiner ID-Card. Der nicht vorbestrafte rumänische Kraftfahrer steht auf und stellt sich mit gesenktem Blick vor Manuels Mutter.

„Ich verzeihe Ihnen“, sagt Swetlana R. mit leiser Stimme. Ihr, der Mutter des getöteten Kindes, und dem Angeklagten, einem zweifachen Familienvater, stehen Tränen in den Augen. „Mein tiefstes Beileid. Es tut mir so leid. Ich kann es mir nicht erklären. Es ist eine Tragödie“, sagt der Berufskraftfahrer.

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Bereits kurz vor Prozessbeginn am Dienstagmittag war er im Flur vor dem Verhandlungssaal erstmals auf Manuels Eltern zugegangenen und hatte sich entschuldigt.

Die Staatsanwältin hält Bogdanel B. mit Blick auf das tödliche Abbiegemanöver vor: „Der Angeklagte hätte das Kind erkennen können und müssen.“

„Ich habe mich optisch abgesichert, dass da niemand war. Ich habe nichts gesehen“, sagt der Beschuldigte. Dann fügt er hinzu: „Ich habe gefühlt, dass ich etwas angestoßen habe.“ Anschließend sei er ausgestiegen, habe gesehen, dass er ein Elektrofahrrad und eine Person überrollt hatte.

„Ich habe noch geschrieen: Manuel, bleib stehen“, erinnert sich die Mutter an den Moment des Unglücks. Die 51-Jährige war mit dem Elfjährigen auf dem Weg in die Kirche.

Mehrfach versuchte sie vergeblich, ihr schwerstverletztes Kind unter dem Lkw hervorzuziehen. Sie ist traumatisiert. Der Vater kam mit der Stadtbahn zur Unfallstelle. „Der Familie wurde das Maximale an Leid zugefügt“, sagt Richterin Pinski.

Gutachter Rehse spricht über das Lkw-Fahren im Allgemeinen und das Abbiegen im Besonderen. „Es ist eine schwierige Aufgabe, Lkw zu fahren.“ Und ja, es gebe viele Spiegel, aber der Fahrer „muss ja auch mal nach vorn schauen“ Rote Furten, wie nach dem Unfall an hannoverschen Kreuzungen eingerichtet, „verhindern keinen Unfall“.

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„Der Angeklagte hat den Radfahrer nicht wahrgenommen. Er hat seine Sorgfaltspflicht missachtet“, so die Staatsanwältin. Wenn seine Sicht eingeschränkt sei, müsse er sich halt langsam in die Kreuzung „reintasten“.

Urteil: ein Jahr Haft (drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt), dazu eine Geldauflage von 1500 Euro.

Von Andreas Körlin

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