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Bewerbung 2025

Kulturhauptstadt: Hannover will mit „Paris“ punkten

So kanns gehen: Hannover gleich Paris: Mit diesem Eröffnungsbild startete Hannover seinen Auftritt im Europäischen Haus in Berlin im Wettbewerb um die „Kulturhauptstadt 2025“.

So kanns gehen: Hannover gleich Paris: Mit diesem Eröffnungsbild startete Hannover seinen Auftritt im Europäischen Haus in Berlin im Wettbewerb um die „Kulturhauptstadt 2025“.

Berlin.Mit „Paris“ weit nach vorne kommen. Hannover geht angenehm selbstbewusst in die Bewerbung um den Titel. Das prächtige Rathaus im Sonnenschein ist zu sehen –kurze Irritation bei den professionellen Zuschauern, hier will doch Hannover zeigen, was es draufhaut. „Paris“ steht unter dem riesigen Foto.

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Die Kulturstiftung der Länder hatte die Bewerberstädte nach Berlin gebeten, um zu zeigen, was geht, wie sich die einzelnen Städte ihre Regentschaft als „Kulturhauptstadt 2025“ vorstellen. Und wie sie den Titel gewinnen wollen.

Und so soll es gehen: Mit einem Poetry Slam wird hier Werbung für Hannover gemacht. Tobias Kunze zählt die Verse ab: „Ich soll hier was zu Hannover erzählen. / Aber Hannover hat nichts. /Nichts, was andere Städte nicht auch haben. / Also dachte ich, mache ich mal Hausaufgaben / und zähle auf, was andere so draufhaben...“

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Kurz und prägnant muss es sein – und zwar in „Pecha Kucha“. Pecha was? Kommt irgendwie aus dem Japanischen. Wird ausgesprochen Petscha Kutscha und geht so: 20 Bilder werden gezeigt, jeweils 20 Sekunden lang, zack –zack –zack. Damit die ermüdenden Powerpoint-Geschichten erst gar nicht aufkommen. Hier war es sogar auf noch verknappter –jede Stadt hat fünf Minuten und Schluss – zu der Frage, welchen Beitrag möchten Sie zum kulturellen Leben in Europa leisten?

Und das bringt dann Hannover. Zu den Fotos von „Paris“, „London“, „Copenhagen“, „Reykjavic“, „Oslo“, „Zürich“, „Monaco“, „Firenze“, „Rom“, „Venedig“ – immer mit Stadtansichten von Hannover, das Alte Rathaus, das Neue Rathaus, Ihmezentrum mit Blick über die Ihme (ausgerechnet Monaco), der Kuppelsaal. Und der Slam geht weiter: „Wie wird die Stadt zum Schmelztiegel, in dem sich die Welt spiegelt? /Wie lernt und lebt, studiert und trägt man Miteinander, Vielfalt der Nationen? / 180 Länder mit über 80 Sprachen – ein Ort für Philosophen! /Humanisten, Künstler*innen, die hier eine Zukunft finden; /40 000 Student*innen, die wissen, das mit allen Sinnen / Streben auch meint: nur Vielfalt eint – und kann im Herzen gewinnen!“ Genau, das ist es, die Herzen gewinnen. So geht es. Riesenbeifall, Gejohle der Profis auch aus den Konkurrenzstädten.

Andere gerapte Hannover-Themen sind noch die Stadt als „Paradies fürs Rad“, „wie man liebevoll mit alten Menschen umgeht: Ohne auszugrenzen, doch mit Kenntnis und ohne Differenzen“. Der Vorteil Hannover ist dabei auch die taktgenaue Betextung der Bilder –und das exakt im zeitlichen Rahmen. Hier stimmt einfach alles.

Das Ganze ist ein „Sneak Peek“ ... Auch nie gehört? Ganz einfach englisch für Vorgeschmack, kurz mal probieren oder erster Eindruck. Also den gibt es hier. Wie schlagen sich die anderen Städte? Vertreten sind hier noch Chemnitz, Dresden, Gera, Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg, Pforzheim und Zittau.

Chemnitz: Die Stadt präsentiert sich als „Opening Mind, Creating Spaces“, will neue Räume erkunden. Mit Fotos aus dem Theater, der jungen Szene, Fotos aus Clubs und kleinen Rock-Räumen, Skater, und der Hinweis, dass man europäisches Verkehrsmodell werden möchte. Mut und Identität kommen vor. Und was ist mit den Demos, den „Hetzjagden“? Dazu kein Wort. Schwach

Dresden: Stellt sein Team vor, will keine Bewerbungsrede halten. Will Bürger ernsthaft einbeziehen. Neue Kultur des Miteinander, will Heimat als Wurzel und Zukunft. Fordert einen positiven Heimatbezug. Die Dresdner hat man gefragt, was sie von Kultur wollen? Wie wir miteinander umgehen? Dresden hat festgestellt: Ein Riss geht durch Familen, Freundeskreise, Man muss Debatten zulassen, Deutschland gestalten. Dresden sei der Westen im Osten Osten im Westen. Fotos von Kindern, aus Jugendtheatern, ein Alter Mann mit Blumen. Und dann wird mit den Kulturinstitutionen gehubert, rattarattaratta ... Frauenkirche, Gerhard Richter, Philharmoniker, Semperoper, und und und ... Gong, Gong, Gong – weil die Zeit überzogen ist. Überzeugt nicht.

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Gera: ein bisschen Wikipedia, laaaaangweilig, wie viele Einwohner die Stadt hat, Fotos von Stadtansichten, Winterlandschaften, schön, schön. Dann wird viel über die Geschichte erzählt, 1892 eine Straßenbahnlinie, Gera von der Bundesautobahn A4 durchkreuzt, der Altersdurchschnitt wird noch erwähnt, Gera die Einkaufsstadt, undsoweiter, undsoweiter – Gong. Was will man? So wird das nichts.

Hildesheim: Was können wir teilen, die 1000jährige Rose, Fotos vom gegenwärtigen Hildesheim, aus dem Dom. Ok, solide. Aber zündet aber auch nicht so richtig.

Magdeburg: Im 30jährigen Krieg zerstört, Brüche aufdecken, das postindustrielle Zeitalter gestalten. Ökologische Fragen lösen, dazu laufen Symbolfotos mit knuffigen Playmobilmenschen, Bauklötzern, kaputten Handys, kleine Plastikbäumchen in Einweckgläsern. Dialog der Religionen und dazu kleine Spielhütchen. Ein wenig trutschig das alles, aber immerhin in der Zeit.

Nürnberg: Will hohen Beteiligungsprozess der Bürger. Europa ist in der Krise: wie wir ein neues Wertesystem für Europa schaffen. Wie sich die Stadt im menschlichen Maß neu aufstellt. Nürnberg sei eine Stadt der Täter, Mahnmale sollen als Lernorte neu verstanden werden. Dazu Bilder vom Reichsparteitagsgelände, Stadtansichten, Frauen mit Taschentüchern vorm Gesicht, Stadt der Spiele und dazu ein Foto von einem Regal voller Brettspiele. Solide, war noch mit am besten, man müsste sehen, wie es konkret gestaltet wird.

Zittau: Hier machts der Oberbürgermeister selbst. Der ist jung und sympathisch. Fragt erst einmal, wer Zittau kennt. Dazu Fotos: Die Stadt im Nebel, schöne Ansicht. Man will einen Sechsstädtebund der Oberlausitz, Slawen und Germanen vereinen. 80 Jahre nach Kriegsende, das soll zum Thema werden, die trinationale Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg. Dazu Fotos von Theaterproduktionen und touristischen Outdoor-Ansichten. Wirkt eher wie eine Reiseempfehlung.

Andere Städte berichten

Das Ganze hatte schon einen imposanten Rahmen. Mit dabei waren Kelly Diapouli, die künstlerische Direktorin „Eleusis 2021“ aus Griechenland, die meinte: „dass es uns vor allem um Nachhaltigkeit geht.“ Hier zeigte sich auch, wie verschieden die Ansprüche und Pläne der einzelnen Städte sind. Ökologie, Arbeitslosigkeit seien hier in Griechenland große Themen für eine Kulturhauptstadt – bei der das Kulturprogramm darin besteht, dass Künstler in jeweiligen Nachbarschaften mit den Bewohnern arbeiten.

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Aus Litauen angereist war Ana Cizauskiene, Leiterin „Kaunas 2022“: „Wir wollen unsere Kulturhauptstadt auf unseren historischen Wurzeln aufbauen“. In einer kurzen historischen Episode vor gut 100 Jahren war Kaunas mal Hauptstadt von Litauen. „Das war eine Stadt voller Optimismus, und diesen Optimismus wollen wir in die Gegenwart holen.“ Kaunas sei eine der optimistischsten Städte Europas, das Ziel sei eine „Happy City“ –und unter diesem Oberbegriff würde die Kulturhauptstadt stehen. Programme heißen dann „Designing Happiness“, in dem es auch um möglichst große Zugänglichkeit vieler städtischer Bereiche geht.

Was zählt, sind die Menschen

Der Koordinator Europäische Kulturhauptstädte in Brüssel heißt Sylvain Pasqua: „Wir wollen in erster Linie Städte, die das meiste machen aus ihrer Bewerbung.“ Und sie sollten Vorbild sein, bei dem andere Städte lernen können. Die Städte sollte es schaffen, Kultur mit anderen Bereichen der jeweiligen Städte zu verbinden. Und: „Was zählt, was überhaupt zählt, sind die Menschen.“ Die müssen gepackt werden, darauf würde die EU-Jury besonders achten.

Vorträge, Reden, Ideen und „1000 Argumente“, so der Titel des Vortrags, für eine Kulturhauptstadt Europas. Die lieferte die österreichische Architekturprofessorin Elisabeth Leitner. 1000 waren es nun nicht, aber die wenigen waren dafür umso prägnanter. Eine Kulturhauptstadt müsse „weh tun“, sonst wirke sie nicht –wie immer das ausehen mag in Hannover. Ein Kulturhauptstadt dürfe keine Nachahmung anderer Kulturhauptstädte sein. Dann geht es um den langen Atem, eine Bewerbung dürfe kein „Jahresprojekt“ sein. Eine Kulturhauptstadt sollte sich selbst hinterfragen und neu erschaffen. Wie auch immer. Und es muss etwas geschaffen werden, wovon Europa und die Welt Notiz nimmt.

Das Herangehen in Österreich war doch ein wenig anders als in Deutschland. Hier hatten sich Universitäten zusammengefunden und erst einmal gemeinsam über das Projekt „Kulturhauptstadt“ nachgedacht, Vorschläge erarbeitet und auch selbst schon einmal Städte ausgeguckt –was natürlich bei einer Größe eines Landes wie Österreich eher möglich ist. Elisabeth Leitner sprach auch über die Möglichkeit, dass die EU-Jury keinen Titel vergibt, auch das ist in den Ausschreibungsbedingungen vorgesehen – „Das habe ich für Deutschland aber keine Befürchtungen.“

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Schnell planen und realisieren

Immerhin gibt es noch einen Gewinn, den Melina-Mercouri-Preis, der immerhin mit 1,5 Millionen Euro dotiert ist. Hier wird die Langzeitstrategie einer Stadt prämiert, die sich um den Titel „Kulturhauptstadt“ bewirbt. Und begeisternde Visionen vorlegt und eine Idee davon hat, wie mit anderen Kulturhauptstädten zusammenzuarbeiten ist.

Wichtig sei, so die österreichische Professorin Leitner, den Zeitrahmen nicht zu überschätzen. „Sechs Jahre sind in einer Stadtentwicklung nix.“ Man muss schon schnell planen und realisieren. Und den Appell richtete sie an alle deutschen Bewerber – der ankam.

Von Henning Queren

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