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Warum für NP-Kolumnist Matthias Brodowy immer eine Schnökertüte drin ist

Es war einmal: Eine Nebgen-Bude an der Humboldtstraße in der Calenberger Neustadt.

Es war einmal: Eine Nebgen-Bude an der Humboldtstraße in der Calenberger Neustadt.

Hannover. Wenn mich jemand fragt, was typisch hannöversch sei, habe ich viele Antworten. Eine davon lautet: unsere Kioske! Auf meinen Tourneen durch Deutschland musste ich feststellen, dass viele Städte diese wunderbare Institution gar nicht kennen. In Städten wie Berlin oder Hamburg findet man natürlich welche, aber sonst sind sie Mangelware. Nur nicht in Köln. Dort gibt es alle rotenaselang ein „Büdchen“, wie man die Kioske dort nennt.

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In der Domstadt am Rhein stieg ein gewisser Carl Nebgen schon Ende des 19. Jahrhunderts ganz groß in das Geschäft mit Trinkhallen ein. Nebgen besaß eine Mineralwasserfabrik und eine für die damalige Zeit hypermoderne Glasflasche. Darin befand sich eine Glaskugel, die dafür sorgte, dass die Kohlensäure nicht entwich. Kinder zerdepperten die leeren Flaschen gerne, um an die Murmel heranzukommen. Und überall lagen Scherben herum.

Schnuller und Lakritzbrezeln für 5 Pfennig

Jaja, diese Jugend von damals! Heute können sich die Kids Millionen von Murmeln ohne jedwede Schnittwunde als App aufs Smartphone laden, kommen vorher aber nicht in den Genuss eines leckeren Getränkes. Denn Nebgen produzierte auch Limonaden. Und expandierte nach Hannover, wohin er schließlich seine Firmenzentrale verlegte.

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Auch nach dem Konkurs des Nebgen-Imperiums und dem Tode des letzten Firmenchefs versuchen die Kioske wacker, dem Konkurrenzdruck der Supermärkte standzuhalten. Aber es werden weniger.

Als ich Kind war, gab es allein rund um unsere Wohnung drei Kioske, die man binnen zehn Minuten mit dem Kinderrad erreichen konnte. Es war herrlich, sich dort eine Schnökertüte mit Süßigkeiten mischen zu lassen. Die Schnuller und Lakritzbrezeln für 5 Pfennig, die weißen Mäuse für einen Groschen. Dafür gab es allerdings auch drei Kirschlollys, was reizvoll war, mich aber mathematisch an den Rand meiner Grundschulrechenfähigkeiten brachte.

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Unsere Stadtteilkioske waren oft im Erdgeschoss von ganz normalen Wohngebäuden zu finden. Eigentlich handelt es sich bei einem Kiosk um einen freistehenden kleinen Pavillon, wofür wohl das persische Wort kūšk steht, von dem sich unser Kiosk ableitet. Auch im osmanischen Reich waren diese Pavillons verbreitet. Allerdings gab es dort meines Wissens keine Schnökertüten. Vielmehr dienten sie als Gartenhäuser wohlhabender Leute.

In Hannover hatten wir laut einer Statistik von 2019 noch 300 Kioske im Stadtgebiet. Damit dieses hannöversche Kulturgut nicht verloren geht, gehe ich immer noch regelmäßig hin und kaufe mir eine Schnökertüte. Macht nicht dünner, schmeckt aber so gut nach „damals“.

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Von Matthias Brodowy

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