Sexueller Missbrauch

Hannover: Violetta wird 30 Jahre

UNERMÜDLICH IM EINSATZ: Barbara David (links) ist seit 30 Jahren dabei, Andrea Behrmann hilft den Opfern seit 1994 mit Therapie und Prozessbegleitung. Das Spiel zum Prozess entwickelte unter anderem sie.

UNERMÜDLICH IM EINSATZ: Barbara David (links) ist seit 30 Jahren dabei, Andrea Behrmann hilft den Opfern seit 1994 mit Therapie und Prozessbegleitung. Das Spiel zum Prozess entwickelte unter anderem sie.

Hannover. Sie war gerade einmal sechs Jahre. Sie hatte noch keinen Namen für das, was der Stiefvater mit ihr tat. Aber sie hatte viel Scham, sie spürte Schuld, sie hatte Angst, und sie musste schweigen. Als Melanie sich dennoch traute, ihrer Lehrerin zu sagen, was der Mann mit ihr tat, glaubte diese ihr nicht und schickte sie erbost weg. Bis sie 17 Jahre alt war, wurde Melanie sexuell missbraucht, immer wieder von dem Stiefvater vergewaltigt – erst mit 19 Jahren traute sie sich, Hilfe zu holen. „Violetta half mir, das Schweigen zu brechen und hat mir meine Stimme wiedergegeben“, schreibt die jetzt 29-Jährige in der Denkschrift zum 30. Geburtstag des Vereins gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und jungen Frauen. Melanie schreibt auch: „An meiner Schule gab es keine Präventionsarbeit zu sexuellem Missbrauch. Vielleicht hätte meine Lehrerin mir dann zugehört und hätte nicht weggeguckt und geschwiegen.“

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490 Fälle insgesamt im Jahr 2018

Präventionsarbeit, wie sie Violetta seit 30 Jahren leistet. 30 Jahre, 311 Fälle mit direkt Betroffenen (490 insgesamt) allein im Jahr 2018, jeder Fall ein Schicksal: ein kleines Mädchen oder eine Jugendliche, eine junge Frau. Sexuell missbraucht, genötigt, vergewaltigt – und dennoch hat jede von ihnen irgendwann den Mut gehabt, sich Hilfe zu suchen. Dass es Violetta immer noch geben muss, empfindet Therapeutin und Prozessbegleiterin Andrea Behrmann eigentlich als Skandal. „Man hat das Schweigen gebrochen, in jedem dritten Krimi wird sexueller Missbrauch thematisiert, und doch gibt es nach wie vor ähnlich viele Fälle wie früher.“

Auch Loverboys sind ein Problem

Dazu gekommen sind die digitalisierten Medien, und „zumindest in unserer Wahrnehmung wächst die Zahl der sexuellen Übergriffe unter Kindern und des sexuellen Missbrauchs unter Jugendlichen“, so Behrmann. Die Täter: jung. Es ist der bis dahin gute Freund, der Schulkamerad, der Sportkumpel, der Bruder oder auch ganze Gruppen von Jungs. „Sie zeichnen die Übergriffe und Vergewaltigungen auf, erpressen die Mädchen damit oder verbreiten die Filme.“ Sogenannte Loverboys machen junge Mädchen in sich verliebt, um sie dann zur Prostitution zu zwingen. „Wir beraten hier auch die Eltern oder Elternteile“, sagt Geschäftsführerin Barbara David, die von Anfang an dabei war.

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Perfide Täterstrategien im Nahbereich

Aber im sozialen Nahbereich ist die Gefahr nach wie vor besonders groß, sind die Täterstrategien besonders perfide. Gudrun (34) etwa hatte einfach ein komisches Gefühl, irgendwie benahm sich ihre Tochter (5) merkwürdig, wenn sie nach der Schicht nach Hause kam. Die Kleine wollte nie, dass sie geht, weinte, wenn sie zur Arbeit musste und mit ihrem Vater allein blieb. Gudrun sprach mit ihrem Mann – der warf ihr Eifersucht vor und dass sie einen Keil zwischen ihn und der kleinen Tochter treibe wolle. Schließlich kam Gudrun außerplanmäßig heim und erwischte ihren Mann, wie er das Kind sexuell missbrauchte. „Die Frau machte sich noch jahrelang Vorwürfe, dass sie ihrem Gefühl nicht gleich traute.“

Die meisten Täter sind Männer

Andere Mütter machen das nicht. Manche führen dem Täter das Kind sogar zu. Oder legen selbst Hand an. Doch die meisten Täter sind Männer. Und die Männer, die Täter sind, zeigen alles, aber keine Verantwortung, keine Empathie für ihr Opfer, sie verharmlosen und sie streiten ab. „Ein einziges Mal seit meinem Beginn 1994 hier habe ich es erlebt, dass ein Vater die Taten zugab, eine Therapie ankündigte und der Tochter die Aussage vor Gericht ersparen wollte“, erzählt Behrmann. Ansonsten herrsche das große Jammern, wenn die Täter die Konsequenzen ihrer Taten ziehen müssten.

So viel Leid, so viel Wut auch auf die Täter – was macht das mit einer, die 30 Jahre dabei ist? „Wir haben ein großes Netzwerk aufgebaut, da ist Entscheidendes passiert, das wir mitgestaltet haben“, sagt Barbara David. Von anfangs zwei sei man auf elf Stellen gewachsen – die zum Teil von Stiftungen finanziert werden. Violetta-Mitarbeiterinnen entwickelten für betroffene Kinder ein interaktives Spiel, wie ein Gerichtsprozess funktioniert, damit sie sich vorbereiten können. Das Spiel wird mittlerweile bundesweit vertrieben. „Auch beim Thema Geschwisterinzest sind wir bundesweit gefragt.“

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Zwar sei Violetta in Hannover auch von der Politik von Anfang an unterstützt worden, dennoch gab es Vorwürfe „wir seien männerfeindlich“. Das sei nicht wahr, „wir stehen parteilich auf Seiten der Opfer, und wenn diese männliche Unterstützer haben, arbeiten wir auch gern mit ihnen zusammen“. 2012 erhielt Barbara David die Stadtplakette – nach der Ehrenbürgerwürde die höchste Auszeichnung für verdiente Persönlichkeiten der Stadt.

Von Petra Rückerl

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