Hannover

Das sprachlose Leben als Analphabet

Mutprobe: Im Lindener Rathaus gibt die VHS  Lese- und Schreibkurse  für Erwachsene. Der erste Kontakt kostet die meisten Betroffenen Überwindung.

Mutprobe: Im Lindener Rathaus gibt die VHS Lese- und Schreibkurse für Erwachsene. Der erste Kontakt kostet die meisten Betroffenen Überwindung.

Hannover. Ben ging noch zur Grundschule, als man seine „Schwäche“ feststellte. Er kam nicht mehr richtig im Unterricht mit, brauchte wesentlich länger zum Abschreiben von Texten als die Mitschüler, machte auffällig viele Fehler in Diktaten, ging gnadenlos unter. „Ihr Junge hat eine Lese- und Schreibschwäche“, sagten die Lehrer seiner Mutter. Ben selbst nennt es Legasthenie. Auch heute noch, mit 39 Jahren, leidet er darunter. Kämpft dagegen an. Vielleicht sein Leben lang.

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Allein ist Ben jedoch nicht. Das Schicksal, nicht richtig lesen und schreiben zu können, teilt er mit 7,7 Millionen Betroffenen in Deutschland, in den verschiedensten Ausprägungen, oft zusammengefasst unter dem Begriff „funktionaler Analphabetismus“. Der Unterschied zwischen Ben und vielen seiner Leidensgenossen: Er hat sich dem Kampf gestellt. Inzwischen spricht der gestandene Mann offen über eine Schwäche, die viele gerne geheim halten. Mit Erfolg.

„Viele bleiben unerkannt.“

„Viele Analphabeten bleiben unerkannt. Manchmal weiß noch nicht mal die eigene Familie davon“, sagt Ben, der inzwischen viele Betroffene kennengelernt hat – etwa in den Kursen der Volkshochschule, wo Erwachsenen Lesen und Schreiben beigebracht wird. Viele haben es nie richtig gelernt. Kaum vorstellbar in einem Land, das über eines der engmaschigsten Schulsysteme der Welt verfügt.

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Ohne lesen und schreiben zu können unerkannt durchs Leben zu kommen – geht das überhaupt? „Ja das geht, aber es kostet viel Kraft und Energie. Man muss kreativ sein“, schildert Ben, der früher selbst jahrelang seine Schwäche verheimlichte. Etwa, wenn Freunde zu einem geselligen Abend einluden – nicht wissend, in welche Notlage sie ihren Freund damit brachten. „Bei mir stieg dann schon ein ungutes Gefühl auf“, schildert der Legastheniker. „Weil ich wusste, das garantiert Gesellschaftsspiele wie Monopoly auf den Tisch kommen, bei denen man schreiben, lesen oder sogar vorlesen muss. Ich dann immer abgesagt, unter irgendwelchen Vorwänden.“

Auf den Mund gefallen ist Ben nicht, das wird im Gespräch mit dem hochgewachsenen, sympathischen Mann schnell klar. Seine Schwäche betrifft nur das Lesen und Schreiben. Laien erklärt er es gerne so: „Verschiedene Faktoren im Gehirn arbeiten bei mir genetisch bedingt nicht richtig zusammen.“

Angst vor der Beförderung

Auch im Beruf verheimlichte er sein Leiden: Zwar hatte er als Landschaftsgärtner einen Beruf gelernt, bei dem kaum einer Lesen und Schreiben muss. Doch dann wurde er zum Vorarbeiter befördert – und dazu gehörte auch das Verfassen von Berichten. „Andere Vorarbeiter erledigen das während der Arbeitszeit. Ich habe mir diese Arbeit mit nach Hause genommen und dann viel Zeit investiert.“

Seinen Hauptschulabschluss hatte Ben zur dieser Zeit schon in der Tasche – obwohl er nach der Grundschule zunächst auf eine Sonderschule musste. Nach Ende der Schulpflicht mit der neunten Klasse holte Ben seinen Hauptschulabschluss nach – mithilfe von Kursen der VHS Hannover und aus eigenem Antrieb. „Diesen Ehrgeiz hatte ich, weil ich wusste, dass ich nicht dumm bin. Meine Familie hat mich dabei unterstützt.“ Verheimlicht hat er seine Schwäche trotzdem noch jahrelang. Zu schmerzhaft waren die ersten Erfahrungen mit der Legasthenie. „Kinder können gemein sein. Erst wird gelacht, wenn man sich beim Vorlesen einen abstottert. Das ist das eine. Aber dann kommen die blöden Sprüche. Und die können schon wehtun.“ Einen Vorwurf will er seinen Mitschülern aber nicht machen. „Einem Zehnjährigen kann man schwer erklären, dass so eine Schwäche genetisch bedingt ist.“

Doch selbst die Reaktion von Erwachsenen war ihm viele Jahre lang unangenehm: „Das reicht vom erstaunten Blick bis hin zu einem kleinen Gelächter, etwa wenn man sich als Erwachsener verliest. Die Leute verstehen zunächst nicht, wie man so etwas normales wie Lesen und Schreiben nicht beherrschen kann.“

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Strategien für das Leben ohne Lesen

Auch deshalb entwickelte er – wie viele andere Leidensgenossen – Strategien, unerkannt durchs Leben zu kommen. „Ich habe zum Beispiel die Restaurants danach ausgesucht, ob die Gerichte auf der Karte nummeriert sind, um sie bei der Bestellung nicht vorlesen zu müssen.“ Auch die tägliche Kommunikation per Handy stelle den Legastheniker auf die Probe. „Bei WhatsApp kann man ganz gut mogeln“, sagt Ben mit einem Schmunzeln. Etwa mit automatischer Wortergänzung und Rechtsschreibkorrektur – „und Fremdwörter kann man zur Not googeln.“ Außerdem gebe es ja noch das Mikrophon, dass das Schreiben komplett erübrige. „Das ist eine tolle Funktion, sie hilft uns aber am Ende nicht wirklich“, sagt der 39-Jährige.

Auch wegen dieser Erkenntnis beschloss er vor vier Jahren, sich zu outen und sich der Schwäche neu zu stellen: Die viele Zeit und Energie, die das Versteckspiel bislang kostete, wollte er nun investieren, um seine Fähigkeiten auszubauen: Auf der Volkshochschule, mehrfach die Woche. „Als Legastheniker verlerne ich das Lesen und Schreiben, wenn ich nichts mache. Das unterscheidet mich von anderen funktionalen Analphabeten, die Lesen und Schreiben nie richtig gelernt haben. Ihre Ausbildung ist irgendwann abgeschlossen. Ich dagegen muss diese Hemmschwelle immer wieder überwinden.“

Es gibt aber noch einen viel wichtigeren Grund für den Sinneswandel vor vier Jahren: Bens Sohn. Bei ihm wurde ebenfalls Legasthenie festgestellt. Ebenfalls im Grundschulalter. „Er hat die Schwäche von mir geerbt. Auch diese genetische Komponente wurde mir damals erst richtig bewusst“, sagt Ben. Ein schwerer Schlag sei das gewesen und hat Erinnerungen an die eigene Schulzeit hochkommen lassen.

Für Ben gab es also nur noch den einen Weg: Nach vorne. „Mein Sohn ist für mich Ansporn zu sagen: Hey, ich habe diese Schwäche, aber ich tue etwas dagegen.“ Mit Erfolg. „Die Reaktion bei Freunden, Bekannten und dem Arbeitgeber waren durchweg positiv“, sagt der Hannoveraner. Zudem konnte er damit ein Stück weit aufklären – über ein Tabuthema. „Viele wissen nicht, dass die Legasthenie genetisch bedingt sein kann.“

Verständnis für die Reaktionen

Sein Sohn wurde konsequent unterstützt, wechselte auf eine Förderschule mit maximal zehn Schülern in der Klasse. Mit noch größerem Erfolg: Die Schule will den 13-Jährigen inzwischen „loswerden“ – „weil er so gut geworden ist“, freut sich der stolze Vater. „Er steht vor dem Absprung auf eine ‚normale‘ Schule.“

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Und der Vater? Was hat er noch für Ziele? „Mir reicht es, wenn ich gut durch den Alltag komme und beim Lesen und Schreiben immer besser werde“, sagt der 39-Jährige. „Etwa Straßennamen im vorbeifahren problemlos lesen kann.“ Auch Worte mit schwierigen Buchstaben – vorneweg das Y – bereiten ihm noch Probleme. „Genauso wie schwierige Buchstabenkombinationen“, sagt Ben und überlegt. „,Aegidientorplatz‘ zum Beispiel.“

Wenn auch die Gesellschaft noch ein Stück offener mit Analphabeten umgeht, sei schon viel gewonnen. „Aber ich habe auch Verständnis für die Reaktionen. Lese- und Schreibschwäche wird für die meisten Menschen immer komisch bleiben, erstaunte Reaktionen hervorrufen, aber das ist okay, so lange man sich selbst nicht versteckt.“ Seinen „heimlichen Leidensgenossen“ rät er deshalb, sich über die Kurse und Fördermaßnahmen zu informieren: „Man muss es doch nur mal probieren, wenn man nach drei Besuchen in der Volkshochschule merkt, das ist nichts für mich, hat man auch nichts verloren“, sagt er und lächelt. „Die meisten kommen allerdings wieder.“

Von Simon Polreich

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