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Buch über Seenotrettung

Das hat Tobi Schlegl auf der Sea-Eye 4 im Mittelmeer erlebt

An Bord: Tobi Schlegl war ab Mai 2021 für 33 Tage Teil der Sea-Eye-4-Crew.

An Bord: Tobi Schlegl war ab Mai 2021 für 33 Tage Teil der Sea-Eye-4-Crew.

Hannover.Früher hat er bei Viva und dem Satiremagazin „Extra 3“ Faxen gemacht, heute hat er im Beruf oft nicht viel zu lachen: Tobi Schlegl (44) arbeitet als Notfallsanitäter im Rettungsdienst und war für 33 Tage auf dem Seenotrettungsschiff Sea-Eye 4 im Mittelmeer im Einsatz.

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Herr Schlegl, in Ihrem letzten Roman „Schockraum“ erzählen Sie indirekt von Ihren Erlebnissen als Notfallsanitäter. Nun legen Sie Ihr Tagebuch offen. Geht es nur auf schonungslose Art?

Ich habe sehr mit mir gerungen und mich gefragt, ob es nicht zu persönlich ist. Bei dieser Thematik geht es aber nur so, der Deckmantel der Fiktion ist weg. Mittlerweile ist man abgestumpft, kennt die Bilder aus dem Mittelmeer, wie Menschen aus kleinen Booten gezogen werden. Ich bin überzeugt, dass man Menschen nur erreicht, wenn man es persönlich macht und mit eigenen Erlebnissen und Emotionen auflädt. Das ermögliche ich mit meiner eigenen Geschichte, ohne Netz und doppelten Boden.

Als Sie auf die Sea-Eye 4 aufgebrochen sind, haben Sie sich in den sozialen Medien mit den Worten „Manchmal braucht es mehr als Worte“ verabschiedet. Reden wir zu viel und machen zu wenig?

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Definitiv. Mein Lebenslauf ist aber ein Beispiel dafür, dass man mit anpacken und aktiv werden kann. Was ich getan habe, kann auch jeder andere tun. Wer Teil dieser Crew werden will, kann Teil werden: Ob man ein Rettungsschlauchboot steuern kann, im Rettungsdienst arbeitet, gute Sprachkenntnisse hat oder kochen kann. Diese Menschen werden immer gesucht und es sind Fähigkeiten, die man sich aneignen kann. Mir geht es aber gar nicht darum, jeden auf ein Boot zu bringen. Ich möchte für das Thema sensibilisieren. Es braucht politischen Druck, damit sich etwas verändert. Tagtäglich sterben Menschen auf dem Mittelmeer und wir nehmen das so hin. Dieses Sterben wird als Abschreckung verkauft, das ist menschenverachtend und zynisch.

Alltag für Flüchtende im Mittelmeer: Tobi Schlegl boten sich solche Bilder während seines Einsatzes.

Alltag für Flüchtende im Mittelmeer: Tobi Schlegl boten sich solche Bilder während seines Einsatzes.

Vor allem für jemanden, der Notfallsanitäter ist.

Menschen, die in Not sind, muss erstmal geholfen werden. Ich frage an einer Unfallstelle ja auch nicht, warum jemand zu schnell mit dem Auto gefahren ist. Es gilt die zutiefst humanistische Devise: Erstmal helfen in der Not, wenn jemand um sein Leben kämpft. Ganz gleich, was für migrationspolitische Vorstellungen man hat. Dass alles auf den Hilfsorganisationen abgeladen wird, ist ein unfassbarer Zustand.

Kampf um Leben und Tod: Wenn die Crew Menschen in Not an Bord holt, benötigten viele von ihnen Erste Hilfe. Tobi Schlegl kam an Bord als ehrenamtlicher Notfallsanitäter häufig zum Einsatz.

Kampf um Leben und Tod: Wenn die Crew Menschen in Not an Bord holt, benötigten viele von ihnen Erste Hilfe. Tobi Schlegl kam an Bord als ehrenamtlicher Notfallsanitäter häufig zum Einsatz.

Was haben Sie denn so erlebt?

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Ich habe zum Beispiel ein kaltes, dreijähriges Kind in den Arm gedrückt bekommen, das schrie. Das sind Bilder, die sich für den Rest des Lebens bei einem einbrennen.

Tobi Schlegl: „See. Not. Rettung.“, Piper, 224 Seiten, 16 Euro.

Tobi Schlegl: „See. Not. Rettung.“, Piper, 224 Seiten, 16 Euro.

Sie sind seit sieben Monaten zurück, wie oft hatten Sie das Kind vor Augen?

Ganz schön oft, das kann man nicht mehr vergessen. Es war auch ein acht Monate altes Baby unter den Geretteten, ein Achtjähriger war dehydriert und unterkühlt, er hatte eine niedrige Herzfrequenz. Hätten wir da nicht eingriffen, wären die Kinder gestorben. Gott sei Dank habe ich keinen toten Menschen gesehen, wir konnten alle stabilisieren und sicher nach Sizilien bringen.

Tobi Schlegl

*30. September 1977 in Köln. Er macht in Köln Abitur, ist damals bereits Moderator beim Musiksender Viva. Es folgen TV-Sendungen wie „Extra 3“ und „Aspekte“, im Radio ist er bei „1 Live“ zu hören, im April 2020 startet er den N-Joy-Podcast „Fighting Corona“, es folgt die Reihe „2Retter1Mikro“. Schlegl wird 2011 mit dem Juliane-Bartel-Medienpreis ausgezeichnet. 2016 gibt er bekannt, etwas „gesellschaftlich Relevantes“ tun zu wollen – eine dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter (Abschlussnote 1,3). Mittlerweile hat er beide Berufe kombiniert. Im Sommer 2020 erschien sein Debütroman „Schockraum“, nun folgt „See.Not.Rettung.“. Schlegl lebt in Hamburg.

Wissen Sie, was aus den Kindern geworden ist?

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Ich habe es ein bisschen verfolgt. Die Crew hat einige Facebook-Kontakte geknüpft, ab und zu gibt es Rückmeldungen. Ich weiß, dass die Hochschwangere ihr Baby gesund auf die Welt gebracht hat, insgesamt wurden nach der Rettung vier Babys geboren. Und ein Syrer ist wohl bei uns in Deutschland gelandet. Ansonsten will ich nicht jede Leidensgeschichte weiterverfolgen, weil es mich fertigmachen würde. Diese Menschen haben noch einen harten Weg vor sich und sind noch lange nicht angekommen. Für die eigene seelische Gesundheit ist wichtig, dass man das für sich irgendwie abschließt. Meiner Ohnmacht an Bord konnte ich noch mein Können als Notfallsanitäter entgegensetzen. Aber auf das System der EU in Migrationsfragen habe ich keinen Einfluss, ich gehöre nicht zur EU-Kommission.

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Nach Ihrem Debüt „Schockraum“ haben Sie Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn mehrfach für ein Gespräch über die Zustände im Gesundheitswesen angefragt.

Das kam Anfang 2021 auch zustande. Er hat sich auch alles angehört, war interessiert und sehr offen. Das fand ich gut. Aber von der Liste mit den drängendsten fünf Punkten, die sich im Rettungsdienst ändern müssten, hat sich vielleicht bei einem halben Punkt ein bisschen was bewegt.

Lang ist’s her: Tobi Schlegl und Collien Ulmen-Fernandes haben beim Musiksender Viva moderiert.

Lang ist’s her: Tobi Schlegl und Collien Ulmen-Fernandes haben beim Musiksender Viva moderiert.

Genau wie in „Schockraum“ spielt Musik eine Rolle.

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Musik ist mir an Bord immer wieder begegnet. Wenn man den sicheren Hafen gefunden hat, gibt es genug Anlass, sich mit den Geretteten zu freuen. Sie haben die wildeste Feier an Bord gestartet. Ich fand mich zu arabischen Beats auf den Schultern eines Syrers wieder – so viele Nationen haben zusammen gefeiert. Und in der Küche hörten die Köchinnen immer Tina Turner. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nochmal Fan werde (lacht).

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Was fordern Sie in Sachen Seenotrettung?

Eine staatliche Seenotrettung, in der sich die EU-Staaten auch verantwortlich fühlen. Und dass nicht nur ab und zu Hilfsorganisationen rausfahren. Es soll sichergestellt werden, dass jeder gerettet wird. Schiffen darf es nicht so schwer gemacht werden: Wir wurden unter anderem festgesetzt, weil wir angeblich zu viele Rettungswesten an Bord hatten, zu viele Menschen gerettet hätten und unser Abwassersystem auch nicht für so viele Menschen ausgerichtet wäre. Reine Schikane. Das muss aufhören. Und: In Deutschland gibt es rund 270 Kommunen, die mehr Geflüchtete aufnehmen würden. Sie dürfen es aber nicht, weil das Innenministerium das bisher verhindert hat.

Sea-Eye-Chef Islar schreibt Schlegl auf Twitter an

Wie lange brauchte Ihr Entschluss, aufs Schiff zu gehen?

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Das war ein einjähriger Prozess. Nachdem ich meine Ausbildung zum Notfallsanitäter beendet hatte, kontaktierte mich der Sea-Eye-Vorsitzende Gorden Islar über Twitter. Ich habe ihm zunächst abgesagt, weil ich Erfahrungen sammeln wollte. Der Gedanke ist seitdem aber in mir gewachsen und größer geworden. Etwa ein Jahr später habe ich nachgefragt, ob das Angebot noch gilt. Es passte und so kam ich zum Crew-Auswahlprozess.

Und wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Meine Eltern haben mich als erstes nach einer Lebensversicherung gefragt (lacht). Mein näheres Umfeld hat mir viel Respekt gezollt. Das war mir fast schon unangenehm, weil ich ja noch nichts geleistet hatte. Das erzeugte Druck, das nun definitiv zu machen und erfolgreich machen zu müssen. Vorschusslorbeeren zu bekommen, war mir gar nicht so recht. Ich sehe mich heute auch nicht als Held, auch wenn wir 408 Leute sicher an Land gebracht haben. Diejenigen, die wirklich was riskiert haben, sind die Leute, die diese Überfahrt riskiert haben.

Momente der Dankbarkeit – auf allen Seiten: Tobi Schlegl und ein Geflüchteter umarmen sich.

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Was haben Sie als Nächstes vor?

Wie Sie mich mittlerweile ja kennen, bleibe ich nicht stehen. Ende März steht eine Prüfung an, ich will Teil des Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes werden. Das sind diejenigen, die nicht medizinisch Erste Hilfe leisten, sondern der Seele Erste Hilfe leisten. Die für Menschen da sind, die Traumatisches erlebt haben. Die beispielsweise einen nahen Angehörigen oder ihr Kind verloren haben. Nach einem Horroreinsatz im Rettungsdienst habe ich selbst mal erfahren, wie gut das tut, wenn so jemand für einen da ist.

Am 24. Februar präsentiert Tobi Schlegl sein neues Buch ab 18 Uhr live auf seiner Instagramseite.

Von Mirjana Cvjetkovic

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