„Keine Zeit mehr übrig für Selbstfürsorge oder Gespräche“

Keine Frage des Managements: Warum die meisten Menschen von viel Freizeit nur träumen können

Der Wunsch nach mehr Freizeit scheint oft unrealistisch.

Der Wunsch nach mehr Freizeit scheint oft unrealistisch.

Wenn man die einfache Formel zugrunde legt, mit der Menschen sich vor 100 Jahren ihr Leben vorstellten, dann müssten sämtliche Zeitprobleme heute eigentlich gelöst sein. Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden für Freizeit und Erholung – so lautete der Slogan zur Einführung des Achtstunden­tages im Jahr 1918. Lange hatten Arbeiter und Arbeiterinnen dafür gekämpft. In den folgenden Jahrzehnten sank die Arbeitszeit weiter. Doch von acht Stunden Freizeit können die meisten Menschen im Jahr 2022 nur träumen.

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Genau das tun sie auch, sagt die Journalistin und Feministin Teresa Bücker. Die frühere Chefredakteurin des Onlinemagazins „Edition F“ hat ein Buch über die politische Seite der Zeit geschrieben. Allen Zeit­manage­ment-Ratschlägen zum Trotz habe sich das Bedürfnis nach freier Zeit in eine Träumerei verwandelt: „Wir sind mittlerweile an dem Punkt, an dem viele Menschen verinnerlicht haben: Dieser Wunsch, mehr Zeit für mich selbst oder für Freundinnen und Freunde zu haben, der ist unrealistisch.“ Bücker spricht von einer eingetrete­nen Resignation. Genug Zeit, um Beziehungen zu pflegen, sich politisch zu engagieren und um sich selbst zu sorgen, gibt es nicht.

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Mehrheit der Eltern kann sich von Arbeitsbelastung nicht erholen

Aber woran liegt das? Warum hält sich die Klage über zu viel Stress und Eile so hartnäckig – trotz aller Arbeitszeitverkürzungen? In „Alle_Zeit: Eine Frage von Macht und Freiheit“ liefert Teresa Bücker Erklärungen dafür. Viele Tätigkeiten, die wir jenseits der bezahlten Arbeit machen, würden wir heute als Pflichten begreifen. „Zum Beispiel begreifen wir Sport weniger als etwas, was Spaß macht, sondern als etwas, was man tut, weil man gesund bleiben muss oder schlank bleiben muss.“ Das weite sich auf viele Bereiche in der Freizeit aus. „Wenn man einmal schaut, wie viel freie Zeit sich wirklich im Feierabend versteckt oder im Wochenende, dann bleibt da doch recht wenig übrig.“

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Zeitdruck einfach auszuhalten oder ein gutes Zeitmanagement zu haben ist für mich ein falscher Wert, weil es uns auf uns selbst zurückwirft und langfristige Ideen und Lösungen kleinhält.

Der Hauptgrund dafür, dass weniger Arbeitszeit nicht zu mehr Freizeit für alle führt, liege aber am fehlenden Bewusstsein dafür, dass Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Haushalt und Pflege ebenfalls Arbeit sind. Die Last ist für viele Menschen zu groß, unabhängig davon, ob die Arbeit nun bezahlt ist oder nicht. In ihrem Buch rechnet Bücker vor, dass Mütter mit kleinen Kindern 14 Stunden am Tag beschäftigt seien, wenn man nicht nur die bezahlte berufliche Arbeit, sondern auch die unbezahlte Arbeit einbezieht. „Am Ende der Care-Arbeit ist keine Zeit mehr übrig für Selbstfürsorge oder Gespräche.“ 77 Prozent der Mütter und 61 Prozent der Väter von minderjährigen Kindern könnten sich nicht ausreichend oder gar nicht von der Arbeitsbelastung in Beruf und Familie erholen, sagt sie mit Verweis auf entsprechende Befragungen.

Mehr Zeit für alle muss keine Utopie bleiben

Zeitdruck ist allgegenwärtig, im Beruf und im Privatleben. Das ist keine neue Erkenntnis und wird durch Studien immer wieder bestätigt. Ebenso bekannt ist, wie Menschen üblicherweise darauf reagieren: Sie beschleunigen ihr Lebenstempo, verdichten ihre Tätigkeiten und betreiben Multitasking. Wenn nichts mehr hilft, wird unnötiger Ballast abgeworfen und mit Achtsamkeitsübungen an der eigenen Gelassenheit gearbeitet. Eine verständliche, aber wenig zielführende Herangehensweise, sagt Bücker. „Dass man es individuell lösen möchte, ist erst einmal nachvollziehbar. Wir leben in einer individualistischen Kultur. Aber genau diese Strategie ist ja das Zeichen der Entpolitisierung von Zeit.“

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Care-Arbeit zu übernehmen macht vielfach arm, als wäre diese Zeit nichts wert gewesen, als hätten die Care-Gebenden nichts geleistet.

Größere Verbesserungen der Lebensqualität seien immer das Ergebnis sozialer Bewegungen gewesen. Diese Einsicht sei aber verloren gegangen, sagt Bücker. „Es allein zu lösen, mit besserem Zeitmanagement oder einer eigenständigen Verkürzung der Arbeitszeit, weil man sich das leisten kann, ist eine Strategie, die nie aufgehen wird.“ Zeitmanagement verändere zwar, wofür wir unsere Zeit verwenden, aber es vermehre sie nicht. Unter Freizeit stelle sie sich etwas anderes vor: eine Zeit, die man auch als freie Zeit fühle. „Dabei lässt man sich nur auf das ein, was man gerade tut, und kann es genießen.“ Das könnten verschiedene Dinge sein: „Was man in den Untersuchungen zur Freizeit sieht, ist, dass sich in Deutschland viele Menschen nach Spontaneität sehnen, auch in der Natur zu sein und mit Freundinnen und Freunden oder Familie Zeit zu verbringen, die keinem höheren Zweck folgt. Wo man einfach beisammen ist und mal guckt, was passiert.“

Wer privat betreut und pflegt, bleibt häufig arm

Eine Gesellschaft, die Zeit anders verteilt, könnte einen völlig anderen Charakter annehmen, sagt Bücker. „Wenn wir eine lebendige Demokratie sein wollen, wo Menschen mitmachen und sich eingebunden und handlungsfähig empfinden, dann ist Zeit dafür ganz zentral. Sie ist einfach so immens wichtig dafür, was wir als Gesellschaft sein können.“ Um das zu erreichen, müssten die Arbeitszeit sinken und Wege gefunden werden, um Care-Arbeit zu bezahlen. Diejenigen, die andere versorgen, die kochen, putzen und trösten, bekämen in der Regel keinen Cent, kritisiert die Autorin. „Care-Arbeit zu übernehmen macht vielfach arm, als wäre diese Zeit nichts wert gewesen, als hätten die Care-Gebenden nichts geleistet.“

Bücker fordert breitere gesellschaftliche Debatten darüber, was Fürsorge bedeutet. „Ich würde sagen, es ist das Fundament unserer Gesellschaft und geht jeden an. Wir sind alle nur auf dieser Welt und können das tun, was wir tun, weil sich andere um uns gekümmert haben.“ Dass Zeit stärker politisch verhandelt und gerechter verteilt wird, hält sie nicht für Wunschdenken. In ihrem Buch rechnet sie vor, dass Beschäftigte in Deutschland im Schnitt nur 30 Stunden pro Woche arbeiten müssten, wenn man sämtliche geleistete Arbeit auf alle Erwerbs­tätigen verteilt. Würde man diese Arbeit sogar auf alle verteilen, die arbeiten wollen, es aber nicht in gewünschtem Maße tun, dann wäre selbst die 20-Stunden-Woche nicht mehr weit.

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„Zeitdruck einfach auszuhalten oder ein gutes Zeitmanagement zu haben ist für mich ein falscher Wert, weil es uns auf uns selbst zurückwirft und langfristige Ideen und Lösungen kleinhält.“ Es sollten nicht nur Einzelne, sondern alle Menschen frei über ihre Zeit verfügen können. Das wäre nicht nur gerecht, sondern auch ein großes Experiment, sagt sie: „Wir wissen ja nicht, was passiert, wenn wir alle mehr Zeit haben. Aber ich glaube, es würde sich lohnen.“

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Teresa Bücker. Alle_Zeit. Eine Frage von Macht und Freiheit. Ullstein, 400 Seiten, 21,99 Euro.

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