Neues Buch von Satiriker

Hannover: So erlebte Dietmar Wischmeyer die Ära Merkel

Ein Meister seines Fachs: Dietmar Wischmeyer ist Satiriker durch und durch.

Ein Meister seines Fachs: Dietmar Wischmeyer ist Satiriker durch und durch.

Hannover. Er bringt Menschen zum Lachen – ob als kleiner Tierfreund, Günther der Treckerfahrer oder als Comedian in der „Heute Show“ des ZDF: Dietmar Wischmeyer (65) hat seine „Erinnerungen an eine total krasse Zeit“ in den Amtsjahren von Ex-Kanzlerin Angela Merkel (67) aufgeschrieben. Wir haben mit ihm über „Als Mutti unser Kanzler war“ (Rowohlt, 336 Seiten, 18 Euro) gesprochen.

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Herr Wischmeyer, Sie schreiben „Die Geschichte wird einst ihr Urteil über Angela Merkel fällen“. Wie sieht Ihres aus?

Das Urteil ist bereits gefällt worden: nämlich am 24. Februar dieses Jahres. Da ist die Ära Merkel, das Merkelozän, unwiederbringlich zu Ende gegangen. Das hätte ich nicht gedacht. Dieses Buch ist also aus Versehen aktuell geworden, weil es die 16 Jahre und alles, was uns passiert ist, zusammenfasst. Am 23. Februar dachten wir noch, dass das alles so weiter geht, Scholz ist im Grunde ja nur Merkel im Gewand eines Mannes. Alles geht weiter, was sie so angeleiert hat: Atomausstieg, Abrüstung, Energiewende, der ganze Kram hört nicht auf. Aber nein! Es ist alles anders und Merkel ist schon Geschichte geworden. Wer hätte das gedacht (lacht)?

Auf den ersten Blick scheint es, Sie schreiben Ihr Buch der Ex-Kanzlerin zu. Eigentlich ist es eine Abrechnung mit Fridays for Future, dem Gendern, Hygge im Homeoffice, Foodtrucks, der Digitalisierung, dem Bildungssystem.

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Das Leben Merkels interessiert nur am Rande, nur das erste Kapitel widmet sich ihrer Person. Die restlichen 95 Prozent sind unsere 16 Jahre. „Generation Golf“ war auch kein Buch über den VW Golf. Das hieß nur so, weil es sich daran kristallisiert hat. Und unser Leben der 16 Jahre hat sich an der Person Merkel kristallisiert. In der Zeit ist viel passiert. Es ist nicht so eine langweilige Zeit gewesen, wie man dachte, es war nicht nur Paralyse, weil Merkel 16 Jahre grimmig in die Fernsehröhre reingeguckt hat.

Dietmar Wischmeyer: „Als Mutti unser Kanzler war“, Rowohlt, 336 Seiten, 18 Euro.

Dietmar Wischmeyer: „Als Mutti unser Kanzler war“, Rowohlt, 336 Seiten, 18 Euro.

Haben Sie sie jemals getroffen?

Nein. Ich bin aber schon mal in ihrem Geburtsort Templin aufgetreten. Damals dachte ich, dass man Helmut Kohl mal im Rollstuhl über die Hauptverkehrsstraße schieben müsste. Dann hätte er gewusst, dass die blühenden Landschaften doch nicht überall angekommen sind.

Im Kapitel „Ein ganzes Land in Merkelstarre“ werfen Sie der Kanzlerin vor, „Entschlussfreudigkeit simuliert zu haben“. Ist das nicht ein generelles Problem unseres Landes?

Ja, war es bis zum 23. Februar. Die dirigierende Endmoräne aus Berlin hat ausgezeichnet, einfach so lange zu warten, bis sich das Problem verflüchtigt oder selber gelöst hat. Das haben wir Deutschen für Gelassenheit und moralische Überheblichkeit gehalten. Das ist jetzt vorbei. Merkels Politikstil hätte Laschet ja fortsetzen wollen, ist dann aber von der Realität eingeholt worden. Erstaunlicherweise sind die treibenden Kräfte dieses Wandels die beiden Grünen-Politiker. Das hätte auch keiner gedacht, dass die jetzt die SPD am Nasenring durch die Manege ziehen und sagen was läuft. Interessant ist das alles.

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Ausgezeichneter Typ: Dietmar Wischmeyer hat für seine Arbeit mehrere Preise gewonnen – unter anderem den Deutschen Radiopreis im Jahr 2014.

Ausgezeichneter Typ: Dietmar Wischmeyer hat für seine Arbeit mehrere Preise gewonnen – unter anderem den Deutschen Radiopreis im Jahr 2014.

Und mit Annalena Baerbock ist sogar Hannover-Beteiligung dabei.

Genau, die Trampolinspringerin aus Pattensen. Ob das ihre charakterbildende Zeit war, wage ich zu bezweifeln. An Hannover geht halt nichts vorbei. Wohin man guckt, ist Hannover drin: Ob Flinten-Uschi jetzt die Ukraine in die EU reinholen will oder Gerhard Schröder zum Buhmann der Nation geworden ist. Wobei seine Charakterfestigkeit in den ganzen letzten Jahren nicht mehr ganz so doll war.

Schätzen Sie sich glücklich, Sprache so zu beherrschen, um all das erträglich und lustig wiedergeben zu können?

Die Vermischung von verschiedenen Sprachebenen finde ich sehr spannend, sie übt einen unglaublichen Reiz auf mich aus. Ich habe mich ja schon in meiner ersten Radioserie „Der kleine Tierfreund“ ausschließlich der Sprache aus dem Jägerwortschatz bedient. Das in ganz andere Zusammenhänge zu transferieren, macht mir Spaß. Mein Lieblingswort jetzt gerade ist die „Brauchtumszone“. Großartig, oder? Davor war es die „letale Entnahme“ von Wölfen, also Abschuss, und davor die „atmende Obergrenze“. Da ich mit anderen Sprachen nicht so firm bin, kann ich nicht beurteilen, ob es so einen megazynischen Schwachsinn auch im Französischen und Englischen gibt.

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„Der größte Mist wird mit Sicherheit überleben und die Welt am Stück betrachtet derselbe Ort des Wahnsinns wie zuvor“, schreiben Sie über Corona. Wie würden Sie in drei Akten Ihr Leben in der Pandemie beschreiben?

Der erste war der Akt der Befreiung. So wie der autofreie Sonntag in den 1970ern, als man einfach mal mit dem Fahrrad auf der Autobahn gefahren ist. Erster Lockdown, keine Termine, keiner kommt vorbei, man ist zu Hause und hat endlich Zeit für Sachen, für die man sonst nie welche hatte. Da ich da meinen Roman geschrieben habe, war es im Grunde eine glückliche Zeit. In der zweiten Phase wurde das Geld dann knapper, die ganzen Tourneen sind ausgefallen. Man hoffte, dass mit der Impfung alles besser würde, wurde es aber nicht – Stagnation also.

Und der dritte Akt?

Ist jetzt. Mir hängt das Homoffice meterweit zum Hals raus, es muss mal wieder was passieren. Ich war nie ein großer Freund von Tourneen, hätte auch nicht gedacht, dass ich es vermissen würde, mal wieder rauszukommen. Dieser regelmäßige Alltag, jeden Tag das gleiche zu machen wie zum Briefkasten zu gehen, Mails zu schreiben, Mittagessen – das ist mir jetzt echt zu langweilig. Die dritte Phase ist die des Überdrusses.

„Wischmeyers Stundenhotel“

Sein neues Buch macht Dietmar Wischmeyer (65) auch zum Thema in seinem Podcast „Wischmeyers Stundenhotel“, den er Monat für Monat mit Unternehmerin Tina Voß (52) rausbringt. Am 8. März erscheint die neue Folge, der Teaser ist vielversprechend. „Ein großer Schritt für das undurchsichtige Wesen aus der Uckermark, ein kleiner Schritt für das Land“, beschreibt der Satiriker jenen „nebligen Vormittag“ im November 2005, als Angela Merkel (67) zur ersten Kanzlerin der Bundesrepublik gewählt wurde. „Helmut Kohls Mädchen hatte es also geschafft, den abgewirtschafteten Laden von der Rot-Grünen-Spaßguerilla zu übernehmen.“

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Wie haben Sie trotz allem den Humor nicht verloren?

Ich kann ja nix anderes. Wenn man den Blick erstmal auf die Skurrilität der Welt trainiert hat, dann ist das das Fenster, aus dem man blickt. Ich bin wie Putin, nur eben anders. Ich sehe immer den lustigen, den anderen, den grotesken Teil, Putin sieht immer Bedrohung, egal was passiert. Man hat diesen engen Blick auf die Realität – bei mir ist er harmlos, bei ihm dummerweise gefährlich.

Gefragter Mann: Beim Festakt zur Gründung des Landes Niedersachsen vor 75 Jahren im Congress-Centrum Hannover tritt Dietmar Wischmeyer 2021 als Günther der Treckerfahrer auf.

Gefragter Mann: Beim Festakt zur Gründung des Landes Niedersachsen vor 75 Jahren im Congress-Centrum Hannover tritt Dietmar Wischmeyer 2021 als Günther der Treckerfahrer auf.

Im Buch beschreiben Sie ihn als „kleinen Mann mit schütterem Haar“. Was würden Sie heute hinzufügen?

Dass er gefährlich ist. Als ich das Buch geschrieben habe, war er schon eine groteske Figur – etwa mit nacktem Oberkörper auf diesem viel zu kleinen Pferd sitzend. Albern, wie sich ein kleiner Mann mit kleinen Füßen wie ein großer Wildtöter gibt. Diese Lächerlichkeit hat er verloren.

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Und was ist mit Gerhard Schröder?

Er ist eine tragische Figur. Er ist weder vom Charakter noch von seinen Ämtern her böse. Es hinterlässt diese Symbolik, dass ein deutscher Ex-Kanzler, der mit Millionen alimentiert wird, diese Rolle nicht annimmt, sondern macht, was er will. Eine Zeit lang habe ich das gut gefunden, dass er einen Scheiß darauf gibt, was andere von ihm denken. Jetzt ist es allmählich gut. Wenn er mit einer zweimotorigen Cessna nach Sankt Petersburg fliegen würde, wie einst Matthias Rust – das wäre mal eine Lebensleistung. Ein Sonderbotschafter fliegt zu seinem Kumpel und guckt mal, was so geht. Macht er wahrscheinlich nur nicht.

Kennen sich schon lange: Dietmar Wischmeyer (rechts) und Sabine Bulthaup unterhalten sich mit Gerhard Schröder. Der hat dem Comedy-Duo vom „ffn-Frühstyxradio“ als Ministerpräsident den Niedersächsischen Hörfunkpreis überreicht.

Kennen sich schon lange: Dietmar Wischmeyer (rechts) und Sabine Bulthaup unterhalten sich mit Gerhard Schröder. Der hat dem Comedy-Duo vom „ffn-Frühstyxradio“ als Ministerpräsident den Niedersächsischen Hörfunkpreis überreicht.

Und dann könnte er als einer ihrer „Helden im Abseits“, die sie im Buch beschreiben, einen Platz finden. Bisher sind das etwa Armin Laschet, Jens Spahn, Markus Söder, Franz-Peter Tebartz-van Elst, Greta Thunberg, Saskia Essen, Jogi Löw, Rezo. Wer ist da Ihr Lieblingsheld?

Armin Laschet. Weil er so grandios gescheitert ist, mit dem, was er gemacht hat. Er hat so viel getan und gekämpft, zweimal gesiegt und andere weggebissen, auch sogar diesen unsympathischen Söder. Und dann scheitert er auf den letzten Metern mit einem Lacher an der Ahr. Das ist ja noch tragischer als dieses Bobbycar von Christian Wulff, der ja bisher die Spitze der tragischen Nebensächlichkeiten gewesen ist.

Dietmar Wischmeyer geht ab 25. März wieder auf Tour. Programme und Termine gibt's auf www.wischmeyer.de.

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Von Mirjana Cvjekovic

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