Film-Preview

Wie Timm Ulrichs die Kunstgeschichte umschreibt

Er kann ja doch noch Kunst sehen: Timm Ulrichs mit seinem bekanntesten Werk.

Er kann ja doch noch Kunst sehen: Timm Ulrichs mit seinem bekanntesten Werk.

Hannover. Turbulente Szenen im Sprengel Museum: Die Preview des Films „Der Totalkünstler“ über Timm Ulrichs weckte Begehrlichkeiten – in einem Maße, dass kurzfristig eine zweite Vorführung hinterhergeschoben werden musste.

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Der hannoversche Filmemacher Ralf-Peter Post hat sich der gewiss nicht einfachen Aufgabe angenommen, den vielseitigen Künstler zu porträtieren. Post leitet auch das Scharniertheater, in das er einst als Maskenbauer beim inzwischen verstorbenen Hans-Ulrich Buchwald einstieg: „Buchwald hat mich auf Ulrichs hingewiesen, und ich habe mich dann intensiver mit ihm beschäftigt. Ich dachte aber zuerst, ein Film wäre eine Nummer zu groß für mich. Bis Ulrichs 2016 im Kino im Sprengel eigene Kurzfilme gezeigt hat – da habe ich ihn einfach angesprochen.“

Erfreulich, dass es zu dieser Kooperation gekommen ist. Denn „Der Totalkünstler“ wird den vielen Facetten des Protagonisten gerecht, ist respektvoll, ohne in Verehrung oder gar Verklärung abzudriften.

Ja, einige der Klassiker kommen zu Ehren: Wie Ulrichs sich einst selbst zum Kunstwerk erklärte, das Foto in der Blindenaufmachung und dem Schild „Ich kann keine Kunst mehr sehen“ oder die Plastik, die je nach Blickwinkel als Null oder Unendlichkeitszeichen erscheint.

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Es gibt aber auch etliche Kostproben vom typischen Ulrichs-Humor: „Meine Taktik ist, all die Kuratoren zu überleben und dann die Kunstgeschichte zu meinen Gunsten umzuschreiben“, lautet einer dieser tollen Sprüche, und beim Katalog-Signieren in einer hannoverschen Buchhandlung heißt es beiläufig: „Man kommt wegen Beuys und bleibt wegen Ulrichs.“

Überhaupt mangelt es nicht an Spitzen gegen den Kunstbetrieb, die Ulrichs gern loslässt und die im Gespräch mit ihm auf die Dauer auch etwas anstrengend werden können. Gleichwohl ist etwa die Wut auf profitgierige Verleger nachvollziehbar, denen der Künstler begegnet ist: „Ich habe keine Frustrationstoleranz mehr.“

Der Film, der ab November in die Kinos kommen soll, zeigt auch die weniger bekannten Seiten wie die Akribie, mit der Ulrichs gern den Zollstock zur Hand nimmt, damit alles auf den Zentimeter genau hängt, klebt oder steht. Und, oft unterschätzt, viele Arbeiten des Künstlers beschäftigen sich mit dem Vergehen und dem Tod, und Timm Ulrichs weiß ebenso klug wie abgeklärt darüber zu sprechen.

Abgeklärt präsentierte er sich auch bei der Preview: Was er von all dem Auftrieb um ihn herum halte? „Routine“, lautete die lässige Antwort. „Business as usual.“

Von Jörg Worat

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