Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Reportage

So hat NP-Redakteur Stefan Gohlisch die Publikumsmesse „Spiel‘21“ in Essen erlebt

Trügerische Ruhe: Ein Mann geht vor einem Plakat, das auf die „Spiel '21“ hinweist, am Essener Messegelände vorbei.

Trügerische Ruhe: Ein Mann geht vor einem Plakat, das auf die „Spiel '21“ hinweist, am Essener Messegelände vorbei.

Essen.Es ist 10 Uhr morgens. Die Türen der zentralen Halle 3 auf dem Messegelände in Essen sind kaum geöffnet. Da hat sich am Stand vom Feuerland-Verlag schon eine lange Schlange derer gebildet, die es gar nicht abwarten konnten. „Arche Nova“, ein Expertenspiel, ist die heißeste Ware der frühen Stunde und praktisch sofort ausverkauft. Endlich wieder spielen, endlich wieder „Spiel“ – die weltgrößte Messe für analoge Gesellschaftsspiele – ist nach einem Jahr Corona-Zwangspause wieder da.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auf dem gesamten Gelände gilt Maskenpflicht

„Es ist schon eine ganz besondere Challenge, eine international ausgerichtete Publikumsmesse unter Pandemiebedingungen zu veranstalten, wenn sich die Spielregeln mitten in diesem herausfordernden Spiel ständig ändern können“, sagt Dominique Metzler, Geschäftsführerin des veranstaltenden Friedhelm Merz Verlages.

Großer Andrang: Kurz vor Öffnung der Spielemesse in Essen warten Besucher bereits ungeduldig in der Empfangshalle des Haupteingangs zum Gelände.

Großer Andrang: Kurz vor Öffnung der Spielemesse in Essen warten Besucher bereits ungeduldig in der Empfangshalle des Haupteingangs zum Gelände.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wer kommen möchte, muss seine Eintrittskarte vorab online kaufen und sich registrieren. Zutritt bekommt nur, wer nachweislich geimpft, genesen oder getestet ist. Auf dem gesamten Gelände gilt Maskenpflicht. Immerhin: 30.000 Menschen sind pro Tag zugelassen – eine Entscheidung der Veranstalter: Im vergleichsweise laxen Nordrhein-Westfalen wären sogar noch mehr Besucher erlaubt. Und so bleiben zwar die morgendlichen Staus rund ums Gelände aus, die hannoversche Besucher früher immer an alte CeBIT-Zeiten erinnerten.

Ein Stück neue Normalität

Aber schon mittags entstehen Bilder, die – aus dem selben Grund – gleichermaßen gewohnt wie ungewohnt sind: ganz viele Menschen auf einem Fleck, nur tragen sie Masken, und alle paar Meter stehen Spender mit Desinfektionsmitteln. Die Abstände zwischen den Besuchern misst man besser nicht mit dem Zollstock ab. Nachdem die „Spiel“ 2020 ausschließlich digital stattfand, ein Stück neue Normalität.

Zumindest fast: Die 210.000 Besucher vom Rekordjahr werden nicht erreicht werden. Zwar zeigen diesmal beachtliche 600 Aussteller aus mehr als 40 Nationen weit über 1000 Spieleneuheiten. Aber: 2019 waren es etwa doppelt so viele Anbieter. Große Verlage wie Asmodee oder Kinderspiel-Spezialist Haba fehlen diesmal ganz. Andere wie Pegasus verzichten auf ihren „B2B“-Bereich für Händler und Fachpresse und haben diese vorab in Videokonferenzen informiert.

Branche gehört zu den großen Profiteuren der Corona-Zeit

„Es war nicht absehbar, dass wir das gut machen können“, sagte bei einer solchen Gelegenheit Yvette Vaessen, Commercial Director von Asmodee. Die Standflächen in den Hallen sind vergrößert, damit dort die Abstände eingehalten werden können, die Wege verbreitert.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Mit Maske in der Schlange: Spielefans warten am Stand des Feuerland-Verlags darauf, Neuheiten kaufen zu dürfen.

Mit Maske in der Schlange: Spielefans warten am Stand des Feuerland-Verlags darauf, Neuheiten kaufen zu dürfen.

Die Branche gehört zu den großen Profiteuren der Corona-Zeit. 2020, im Jahr des Lockdowns, entdeckten immer mehr Menschen das analoge Spiel als Freizeitbeschäftigung. Die Umsätze stiegen um 20, 30, bei manchen Verlagen sogar um bis zu 50 Prozent.

Wachstum beträgt satte 14 Prozent

In diesem Jahr betrug das Wachstum noch einmal satte 14 Prozent, und das Weihnachtsgeschäft steht noch an. „Die Begeisterung für Spiele wächst zunehmend“, sagt denn auch Hermann Hutter vom Huch! Verlag, Vorsitzender des Branchenverbandes Spieleverlage e.V.: „ Wir sind optimistisch, dass Spiele an Weihnachten begehrte Geschenke sein werden und wir eine steigende Anzahl an Menschen jeglichen Alters haben werden, die gerne spielen.“

Nur hat der Erfolg auch seine Schattenseiten: Die Kapazitäten der Unternehmen, die für die Verlage die Spielmaterialien produzieren, sind ausgeschöpft. Joachim Ullbrich, Geschäftsleiter des auf Kartenspiele wie „6 nimmt“ und „Bohnanza“ spezialisierten Amigo-Verlags, sagt: „Es ist schier zum Verzweifeln: Wenn ich jetzt Karten bestelle, bekomme ich sie im Mai 2022.“

Der Markt wächst nicht überall im selben Maße

Zusätzlich wird der Export immer teurer. Die Kosten für die Containerschifffahrt haben sich verdoppelt und verdreifacht. „Früher habe ich für einen Container 6000 Euro bezahlt“, sagt Rajive Gupta von Queen Games: „Jetzt sind es, wenn ich schnell bin, 27.000 – und drei Tage später noch mehr.“ Und die steigenden Papierpreise treffen eine Branche, die sich zunehmend ihrer ökologischen Verantwortung bewusst wird und immer mehr von Plastikkomponenten auf Pappe umsteigt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Und der Markt wächst eben nicht überall im selben Maße. Kleine Verlage haben es schwer. Klassiker sind gefragt. Da wundert es nicht, dass ein Verlag wie Kosmos auf der Messe eine aufwendige 3-D-Variante jenes Titels anbietet, mit dem einst der große BrettspielBoom begann: „Catan“. Da handelt man ganz friedlich mit Rohstoffen wie Lehm und Lehm. Wen wundert’s, dass immer mehr Menschen eine Auszeit in solchen Welten nehmen.

Von Stefan Gohlisch

Mehr aus Kultur

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.