Theaterformen

Martine Dennewald im Interview

Martine Dennewald in einem Atelier am Ballhof – ein Schauplatz des diesjährigen Festivals Theaterformen.

Martine Dennewald in einem Atelier am Ballhof – ein Schauplatz des diesjährigen Festivals Theaterformen.

Hannover. Vom 20. bis 30. Juni läuft in Hannover das Festival Theaterformen 2019. Die Künstlerische Leiterin Martine Dennewald (39) legt einen Schwerpunkt auf partizipatives Theater, auf Inszenierungen mit 150 Akteuren aus Hannover. Im NP-Interview erklärt sie, wie das ihren Blick auf die Stadt verändert.

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Im Schauspielhaus wurde gerade groß Abschied gefeiert, und nun stehen auch Ihre letzten Theaterformen in Hannover an ...

Wir machen ja noch ein Jahr in Braunschweig, darum fühlt es sich noch nicht wirklich nach Abschied an. Dafür ist jetzt auch einfach zu viel los.

Was erwartet den Zuschauer bei den Theaterformen 2019?

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Was mich wirklich umhaut, ist diese Zahl der 150 Mitwirkenden aus Hannover: Richtig viele Menschen tun etwas für dieses Festival, und das merkt man an allen Ecken und Enden. Hier entsteht ein Netzwerk, das die ganze Welt umspannt, wenn zum Beispiel für Marco Canales „Die Geschwindigkeit des Lichts“ zwei Damen aus Argentinien kommen, um an diesem Stück mit hannoverschen Senioren mitzuwirken, von denen eine auch noch einen deutschen Migrationshintergrund hat. Oder wir sind durch „My Body belongs to me“ mit Frauen aus dem Sudan plötzlich ganz nah dran an der sudanesischen Revolution.

Einen Überblick über das Programm finden Sie hier.

Was hat Sie zu diesem großen Schwerpunkt des partizipativen Theaters bewogen?

So etwas wächst über die Jahre. Ich habe zunehmend Aufführungen an vielen Orten der Welt gesehen, die man nicht verpflanzen konnte. Nicht weil es so teuer gewesen wäre, sondern weil der kulturelle Kontext für das Stück so wichtig ist. Eine Lösung ist dann eben, den Regisseur oder die Regisseurin zu bitten, etwas bei uns zu erschaffen. Außerdem haben wir vergangenes Jahr erstmals erhoben, wie viele Flugkilometer für unser Festival anfallen – nämlich jede Menge. Ich glaube, dass sich irgendwann etwas Grundlegendes an Festivals dieser Art ändern wird.

„Unsere Ökobilanz wird besser ausfallen“

Die ursprüngliche Idee der Theaterformen war es, das kulturell Fremde hier zu zeigen und vertraut zu machen ...

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Das ist auch prinzipiell eine gute Idee, die zu tun hat mit Völkerverständigung und einem offenen Blick auf die Welt. Aber das wird sich ändern – unsere Ökobilanz wird in diesem Jahr deutlich besser ausfallen.

Für Sie vermutlich verbunden mit einem größeren und anderen logistischen Aufwand?

Genau richtig. Größer, denn es arbeiten mehr Leute im Festival-Team als je zuvor. Und anders, weil man emotional anders involviert ist. Das Projekt mit den Senioren und Seniorinnen zum Beispiel hat meinen Blick auf die Stadt fundamental verändert. Dadurch, dass ich hier erst seit vier, fünf Jahren bin, kenne ich in Hannover praktisch keinen Menschen über 65; ich habe mit denen beruflich nichts zu tun. Ich habe diese Menschen aus meinem Stadtbild ausgeblendet. Und jetzt erkenne ich Claudia und Ingeborg und Gerlinde wieder und schaue diese Menschen in der Stadt anders an. Das ist großartig.

Für ein anderes Bild von Hannover

Rechnen Sie auch damit, dass sich dadurch das Publikum des Festivals verändert?

Ich glaube, dass sich das einlösen wird. Wenn man mit einer Community, wie wir sagen, arbeitet, dann fühlt sich diese Community bei uns repräsentiert und kommt auch. Ich bin gespannt, in welchem Ausmaß das sein wird. Wir möchten ein breites Publikum ansprechen. Es gibt – nicht nur im Theater – ein bestimmtes Narrativ darüber, was Hannover ist und wer die Hannoveraner sind. Ich finde, dass dieses Narrativ zu schmal ist.

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Wie sieht dieses Narrativ denn aus?

Ich sehe zum Beispiel, was das Stadtmarketing tut: mit seinen Plakaten, die auf gewisse Weise definieren, was Hannover ist. Wir sehen da das Schützenfest, den Maschsee, Menschen auf Pferden, das Congress Centrum, im besten Fall noch das Sprengel Museum. Da hört es auf. Wie viele Menschen, die hier leben, fühlen sich davon repräsentiert? Das sind, glaube ich, nicht sonderlich viele. Sie und ich, denke ich, schonmal nicht, und wir sind noch Teil der Mehrheitsgesellschaft. Und das ist ein Grund, Arbeiten wie „Die Geschwindigkeit des Lichts“ zu machen.

Einen Vorbericht zu „Die Geschwindigkeit des Lichts“ finden Sie hier.

Funktioniert es? Hat sich Ihr Blick auf Hannover schon geändert?

Am besten beschreibe ich das vielleicht mit den Gesprächen, die wir hier im Team führen, die mit anderen Kontexten zu tun haben, mit Halal-Essen und Arabisch-Sprechen, mit religiösen Zusammenhängen ... Viele dieser Menschen haben Diskriminierungserfahrungen. Es ist ein dünnes Eis; darum haben wir vor einem Jahr, als wir das konzipiert haben, gesagt, dass wir Hilfe brauchen. Tatsächlich machen wir seit neun Monaten regelmäßig Workshops mit dem Institut für diskriminierungsfreie Bildung. Das hat viele Konsequenzen nach sich gezogen, zum Beispiel zu einer Leitlinie, die wir auch auf unserer Website veröffentlicht haben und die definiert, wie wir miteinander umgehen wollen. Das verändert das Gespräch im Team: Wir reden zum Beispiel über Werte, und das für sich ist schon wertvoll.

Das Festival hat also schon vor seinem Start ganz viel verändert?

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Ja, und das hat es auch schon vergangenes Jahr in Braunschweig getan, als es ganz viel um Postkolonialismus ging.

Theater mit Mensch und Tier

Nun gibt es neben all den partizipativen Projekten auch einige eher klassische Inszenierungen beim Festival – klassisch zumindest in diesem Kontext. Wie haben Sie die ausgewählt?

Manche dieser Produktionen stehen in einer Verbindung, was ich gerade beschrieben habe: Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen. „Hate“ zum Beispiel ...

... wo eine Schauspielerin und ein Pferd auf der Bühne stehen ...

... genau. Es fragt zum Beispiel danach, wie wir mit Tieren umgehen, als Ressource oder als Mitspieler auf der Bühne.

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Warum heißt es „Hate“? Es könnte doch auch „Love“ heißen.

Aber wer nennt sein Stück schon „Love“? Dafür ist es auch zu ambivalent. Ich glaube, die Performerin Laetitia Dosch vertraut darauf, dass, wenn sie es „Hate“ nennt, „Love“ herauskommt.

Es gibt auch einige sehr leise Produktionen. Welche möchten Sie da herausstellen?

Mich haben „Aleppo“ und „Untitled“ am meisten berührt. Das hat viel mit den Themen zu tun, aber auch damit, dass die Regisseure genau die richtige Form gefunden haben, mit emotional sehr belastenden Themen umzugehen, völlig unsentimental, aber auf eine Weise, dass sich das Publikum unweigerlich damit ins Verhältnis setzt. Ich war zum Beispiel in Beirut bei der Uraufführung von „Untitled“ über libanesische Gefangene in Syrien. Zwei Reihen vor mir saß ein junger Mann, der durchgeschluchzt hat. Der war aufgehoben in diesem Publikum, weil wir alle wussten, es ist eine völlig legitime Reaktion auf das, was er da hört. Dieses Stück geht an die Grenzen dessen, was man hören kann, auf eine Weise, die überhaupt nicht sensationsheischend ist.

„Sonst lohnt es sich nicht“

Ist das der Punkt, den Sie suchen: dass ein Stück etwas macht mit dem Publikum?

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Ansonsten lohnte es sich nicht. Ich sehe sehr viel und muss mich beschränken. Dabei urteile ich nicht nach persönlicher Betroffenheit, aber nach ästhetischen Gesichtspunkten. Und natürlich suche ich diesen Punkt, weil ich sonst auch nicht wüsste, wie ich die Leute ins Theater bekommen soll.

Einen Vorbericht zu der Produktion „A Call to Dance“ finden Sie hier.

Mit Auslastungszahlen hatten Sie aber auch noch nie Probleme, oder?

Nein, wir sind aber auch kein riesengroßes Festival, aber ein gut etabliertes, und wir haben ein sehr loyales Publikum.

Haben Sie den Eindruck, dass dieses Festival im Ganzen etwas gemacht hat mit dem hannoverschen Publikum?

Das müssten Sie sagen; das Publikum ist ein unbekanntes Tier (lacht). Ich weiß, dass es etwas mit dem Team gemacht hat, und vielleicht lässt sich das übertragen. Ich arbeite mit kuratorischen Leitideen; ein „Best-of“ des Theaters der gesamten Welt wäre sowieso unmöglich. Das könnte ich mir als weiße europäische Kuratorin nicht herausnehmen.

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Anfangs war das der Anspruch des Festivals ...

Ja, aber das ist lange her. Damals war man vielleicht auch mit einer Mission unterwegs: „Ich entdecke jetzt etwas, was es verdient hat, in Europa gezeigt zu werden, was ja die größte Auszeichnung ist ...“

Kultureller Kolonialismus

Kultureller Kolonialismus.

Ja, und für eine gewisse Zeit war das vielleicht auch ein wichtiger erster Schritt, aber heute ist es anders. Es funktioniert eher mit Leitideen, also Rechercheaufträgen, die ich mir selber gebe. Darum ging es zum Beispiel im vergangenen Jahr um Fragen des Postkolonialismus: weil wir uns denen vorher einfach nicht gestellt hatten. Und jetzt halt die Einbindung lokaler Mitwirkender – in gewisser Weise ist das ein Weg: Dieses Festival hätte ich vor drei Jahren nicht machen können. Und wenn wir es in diesem Jahr schaffen, Mitglieder anderer Communitys zum Festival zu bekommen, hat sich dieser Weg gelohnt.

Was kann da jetzt noch kommen, nächstes Jahr in Braunschweig?

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Ich werde Sie alle überraschen (lacht). Ich habe tatsächlich noch etwas gefunden. Aber ich kann es jetzt noch nicht sagen.

Nur Stücke von Männern?

Das wäre reichlich unoriginell. Denn das gibt es schon bei den meisten Festivals.

Und danach?

Gibt es Gespräche. Aber es wird mir mit Sicherheit auch nicht schaden, einmal durchzuatmen.

theaterformen.de

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Von Stefan Gohlisch

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