Theater

Luxusweibchen Hedda Gabler

Im fahrenden Salon: Ejlert Lövborg (Daniel Nerlich), Hedda Gabler (Sarah Franke) und Thea Levstedt (Lisa Nathalie Arnold)

Im fahrenden Salon: Ejlert Lövborg (Daniel Nerlich), Hedda Gabler (Sarah Franke) und Thea Levstedt (Lisa Nathalie Arnold)

Hannover. Es hakt schon am Anfang. Hedda Tesman, geborene Gabler, fährt vor, durch roten Vorghang und Rauch und Nebel, räkelt sich, ganz Diva am schwarzen Schwan, ihrem Gefährt. Doch dann ruckt und bremst es, ihr Gatte, die Kraft im Maschinenraum, guckt hilflos aus dem Schwan. Die Dame schaut ungnädig, und das ist sie dann wohl schon, die Geburt der Tragödie.

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Viel wird gefahren, manches auch an die Wand in Alexander Eisenachs Inszenierung von Ibsens „Hedda Gabler“ im Schauspielhaus, der letzten großen in dieser Spielzeit. Die Vergangenheit abzuklopfen auf Lektionen für die Gegenwart und vielleicht auch nach Utopien, war eines ihrer großen Themen.

Eisenach sucht und findet bei Ibsen die Entstehung der Moderne. Das Zeitalter des (Aber-)Glaubens ist vorbei, kalte Rationalität macht sich breit. Nietzsche allerorten, und jenseits von Gut und Böse schwindet die Moral. Tesman, der brave Erbsenzähler, hebt an zum Loblied auf die Nationalökonomie, Seine Gattin sehnt sich in ihrer inneren Leere nach der tat, und sei es Mord und Totschlag. Sie hat ihn aus Langeweile geheiratet, jetzt quält es sie erst recht.

Diese Inszenierung ironisiert das bürgerliche Drama und stellt es im Neonlicht zur Schau. Bei dieser „Hedda Gabler“ klingt immer auch der Boulevard und dessen Dekonstruktion an. Dadurch ist dieser Eisenach ungewohnt spielerisch und leicht. Die Darsteller übertouren fröhlich. Daniel Nerlich legt als Lövborg rotzige Punk-Attitüde an den Tag. Silvester von Hösslins Tesman strahlt 50-Jahre-Biedermeier aus. Lisa Nathalie Arnold spielt als dessen Verfolgerin Thea Elvstedt ihre ganz spezielle hinreißende Naivität aus. Beatrice Freys Tante Juju ist die selbstgerechte Betschwester schlechthin. Und Janko Kahle legt sich richtig rein in seinen schmierigen Richter Brack. Immer dreht sich dazu die Bühne (Daniel Wollenzin), ist Salon, Niemandsland, Eisenbahngleichnis und auch ein wenig Trailerpark. Zahlreiche Spieglungen und Videoprojektionen verstärken die Doppelbödigkeit noch.

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Im Zentrum und doch in selbstgewählter Lähmung: die unselige Hedda Gabler. Das Glück muss groß sein, und ist es zu klein, zerstört sie es lieber, als es auszuhalten. Sarah Franke spielt dieses sehr moderne lebenssatte Luxusweibchen in eisigem Fatalismus, dazu verurteilt, in Gesellschaft eines Opportunisten zu enden.

Nicht alle aktuellen Bezüge spielt er ausdrücklich aus; sie sind auch so schon da, die neuen Populisten, die „Fake News“, die egozentrische Selbsterhöhung aus dem Phlegma heraus. Aber manche intellektuelle Witzelei kommt dann doch ein wenig dicke und eitel daher. Da hakt und stockt und bremst auch schon mal der Spielfluss.

Zu Beginn der zweiten Hälfte tauchen Euripides und Aischylos auf, klingt „Medea“ an, diese archaische weibliche Kraft, die wenigstens noch selbst kaputt machte, was sie kaputt macht. Hedda, die moderne Frau, delegiert auch das. Der größte Feind der Utopie bleibt die Lethargie.

Mehr über die Inszenierung lesen Sie hier.

Wir sprachen vor der Premiere mit Regisseur Alexander Eisenach. Das Interview finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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