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„Die Mehrlingsidentität darf nicht größer als die eigene Identität werden“

Geteilte Aufmerksamkeit, besondere Bindung: Wie erzieht man Zwillinge?

Eltern von Zwillingen, Drillingen und Co. müssen bei der Erziehung besonders sensibel und behutsam vorgehen.

Frau Poth, auf welche Unterschiede bei der Erziehung müssen sich Mehrlingseltern schon sehr früh einstellen?

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Einer der Unterschiede in der Erziehung gegenüber Einlingskindern ist, dass verstärkt darauf geachtet werden muss, dass die Kinder eigene Identitäten entwickeln können. Das ist nicht ganz einfach, da sie durch ihre primäre Bindung, die bereits im Mutterleib entsteht, eine gemeinsame Identität entwickelt haben, was völlig normal bei Mehrlingen ist. Die Herausforderung ist, dass die Mehrlingsidentität nicht größer als die eigene Identität werden darf. Hierzu ist zum Beispiel wichtig, sie nicht als eine Person zu behandeln und nicht zu vergleichen.

Viele werdende Eltern haben Angst davor, ihren Mehrlingskindern nicht gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Wie beraten Sie Eltern mit einer solchen Sorge?

Es ist eine große Herausforderung und ein enormer psychischer Stress, da Eltern immer versuchen, allen gerecht zu werden. Ich rate den Eltern, sich von Perfektionismus zu verabschieden und Hilfe von außen anzunehmen, zum Beispiel aus dem Familienkreis oder durch ein Au-pair. Das hilft, eigene Ressourcen zu schonen und den Kindern individuelle Aufmerksamkeit zu schenken. Mehrlinge sind von Anfang an gewohnt, die elterliche Aufmerksamkeit zu teilen. Wichtig ist, dass Eltern ihnen zeigen, dass sie und ihre Bedürfnisse gesehen werden, und erklären, dass jetzt der eine dran ist und danach der andere. Sie werden es verstehen. Das muss natürlich auch eingehalten werden.

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Wie können Eltern den Unterschieden ihrer Mehrlinge gerecht werden?

Erst einmal ist es wichtig, die Unterschiede der einzelnen Kinder, beispielsweise ihre Charaktere oder Geschmäcker, wahrzunehmen und sie nicht zu erschaffen, zum Beispiel durch Bewertungen und Projektionen. Diese Bewertungen verinnerlichen die Kinder und werden sie später nur sehr schwer wieder los.

Inwiefern?

Wenn man beispielsweise beobachtet, dass ein Kind sportlicher ist als das andere, und das gegenüber den Kindern äußert, kann das zu Etikettierungen führen. Das heißt, das unsportliche Kind glaubt fortan, es wäre unsportlich, und verliert die Lust am Sport. Dabei können sich solche Fähigkeiten immer wieder ändern. Anders ist es bei Charaktereigenschaften. Hier ist wichtig, dass die Unterschiede von Eltern anerkannt, geschätzt und gefördert werden, zum Beispiel durch unterschiedliche Hobbys. Die Unterschiede der Kinder kann man übrigens besser erkennen, wenn Eltern bereits ganz früh anfangen, Zeit mit jedem Kind einzeln zu verbringen. Dadurch festigt sich auch die Mutter- beziehungsweise Vater-Kind-Bindung.

Ilka Poth ist selbst Zwilling und berät als Coach Zwillinge sowie Eltern von Zwillingen.

Ilka Poth ist selbst Zwilling und berät als Coach Zwillinge sowie Eltern von Zwillingen.

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Nur so lässt sich vermutlich auch die individuelle Entwicklung von Mehrlingen fördern, oder?

Genau, das Thema der Individualität ist allerdings sehr vielschichtig. Das fängt schon bei der Namensgebung an – viele Eltern verwenden zum Beispiel ähnlich klingende oder sich reimende Namen, oder sie ziehen ihre Zwillinge gleich an. Es ist wirklich wichtig, die Kinder in ihrer Entwicklung und dem, was sie gerne machen möchten, unterschiedlich zu fördern. Leider passiert es sehr oft, dass Mehrlinge als eine Person wahrgenommen und miteinander verglichen werden. All das erschwert die Entwicklung einer Individualität und kann später im Teenager- oder Erwachsenenalter zu psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel Essstörungen oder Depressionen bis hin zur völligen Entfremdung führen.

Leider passiert es sehr oft, dass Mehrlinge als eine Person wahrgenommen und miteinander verglichen werden.

Ilka Poth, Zwillingsexpertin

Wie verhindert man diesen – vielleicht auch unbewussten – Vergleich von Mehrlingen?

Vergleiche lassen sich leider nicht immer vermeiden. Es passiert ganz einfach, weil Eltern und Außenstehende nach Unterschieden suchen. Wenn Eltern ihre Mehrlinge vergleichen, sollten sie es gegenüber ihren Kindern jedoch nicht laut aussprechen. Wenn Außenstehende die Kinder vergleichen, indem sie ihnen zum Beispiel Fragen stellen wie „wer von euch ist größer oder besser in der Schule?“, sollten sie von den Eltern gebeten werden, dies nicht zu tun.

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Zwillingen wird häufig eine besondere Bindung nachgesagt. Wie gehen Eltern damit um?

Zwischen den Mehrlingskindern besteht eine sogenannte affektive Bindung – also eine starke emotionale Verbindung, die unersetzlich ist und nicht durch eine andere affektive Bindung ersetzt werden kann. Wichtig ist, dass sich Eltern nicht zurückgesetzt fühlen und diese Bindung ernst nehmen. Zudem ist es nicht schlecht, wenn Eltern sich im Vorfeld über die besondere Macht, die Mehrlinge besitzen, bewusst sind.

Zwischen den Mehrlingskindern besteht eine sogenannte affektive Bindung – also eine starke emotionale Verbindung, die unersetzlich ist und nicht durch eine andere affektive Bindung ersetzt werden kann.

Ilka Poth, Zwillingsexpertin

Eine besondere Macht? Was bedeutet das?

Wenn Mehrlinge etwas möchten, können sie das gemeinsam viel besser durchsetzen, als wenn sie alleine wären – ob das beim Kauf von Klamotten ist oder dass man länger ausgehen darf. Da fragt erst die eine, dann der andere, dann beide zusammen – und am Ende geben die Eltern oft nach, weil sie nicht dagegen ankommen. Mehrlinge sind zusammen einfach stärker und können sich besser behaupten.

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