Trotzdem mitunter langweilig

„God of War Ragnarök“ im Test: Besser inszeniert als so manche Fernsehserie

Auch Kratos ist nur ein Vater, der sich mit seinem pubertierenden Sohn herumschlägt.

Auch Kratos ist nur ein Vater, der sich mit seinem pubertierenden Sohn herumschlägt.

Beim God of War ist immer was los. Kaum will er in seiner rustikalen Bude verschnaufen, da klopft es. In seiner Funktion als Kriegsgott ist Kratos zwar im Ruhestand, aber da steht Thor vor der Tür. Will er sich prügeln? Wahrscheinlich. Irgendjemand will das in diesem Spiel immer.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„God of War“ ist eine Serie, die weit in der Vergangenheit spielt und die inzwischen selbst eine lange Geschichte mitbringt. Auf der Playstation 2 trat Kratos das erste Mal auf und metzelte sich in einer hemmungslosen Hommage an alte Monsterfilme durch das griechische Pantheon. Nach einigen Fortsetzungen schien alles besiegt. Dann trat Kratos überraschend in einer Art Neustart der Serie auf.

„God of War“ erschien 2018 auf der Playstation 4 und zeigte einen gealterten Kratos, der trauern, hadern und sich um seinen Sohn sorgen konnte. Und weil er jetzt im hohen Norden weilte, gab es neue Götter und Monster zu besiegen. Der Actionhit machte die Serie mit einem Schlag wieder frisch. Atemlos warteten Genrefans auf die Fortsetzung.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mythologie ab 18

Jetzt ist „God of War Ragnarök“ für Playstation 4 und 5 erschienen, getestet haben wir die PS5-Version. Auch, wenn es nur Fantasy ist: Die Altersfreigabe ab 18 ist bei dem Spiel sehr ernst gemeint. Kratos ist unglaublich brutal und die Welt um ihn herum ist noch schlimmer. Dazu ist die Stimmung düster – und sogar die Geschichte richtet sich recht deutlich an Erwachsene.

Das Spiel setzt den Vorgängertitel fast als bekannt voraus, die ellenlange Geschichte bis hierhin wird sehr halbherzig zusammengefasst. Wer zu Beginn des Spiels nicht weiß, warum Freya sauer ist, der bekommt es hier kaum erklärt. Weil aber Stil, Story und Gameplay sehr direkt an das vorherige Spiel anschließen, gäbe es auch kaum einen Grund, den Teil von 2018 nicht vorher zu spielen. Wer das damalige Spiel nicht mochte, der wird mit dieser Fortsetzung auch nicht warm werden.

Die Charaktere in „God of War Ragnarök“ bringen interessante Motivationen mit und verhalten sich natürlich.

Die Charaktere in „God of War Ragnarök“ bringen interessante Motivationen mit und verhalten sich natürlich.

Geschwätzige Götter

Wer sich aber auf eine mythische Schlachtplatte einlassen kann, der erlebt etwas Besonderes. Das Spiel nimmt alte Erzählfäden auf und spinnt mutig neue. Überraschend sind dabei weniger die dramatischen Höhepunkte als vielmehr die Zwischentöne.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„God of War Ragnarök“ hat seine größten Stärken in leisen Momenten. In kaum einem Videospiel der vergangenen Jahre wirkten Menschen so lebendig, wie es hier die Götter tun. Das liegt nicht nur an der starken Grafikleistung auf der PS5; es liegt vor allem daran, dass die Dialoge funktionieren. Die Charaktere bringen interessante Motivationen mit und verhalten sich natürlich.

Die Verhandlungen, Streitgespräche und verkrampften Vater-Sohn-Interaktionen von „God of War Ragnarök“ wirken wie aus dem Leben gegriffen. Sie sind stärker geschrieben und inszeniert als viele Fernsehshows auf Streamingdiensten. Aber sie erinnern immer wieder daran. Wie eine zwei Folgen zu lang geratene Staffel lässt sich auch hier die Geschichte viel Zeit. Es gibt zahlreiche Wendungen und Umwege, und wenn das alles zu schnell weggespielt wird, dann kann es sich beliebig anfühlen – so wie beim Binge-Watching.

Action ohne Ende

20 bis 30 Stunden lässt sich „God of War Ragnarök“ Zeit. Die volle Spieldauer konnten wir in unserem kurzen Testzeitraum nicht durchqueren. Aber vieles wiederholt sich. Im Herzen bleibt „God of War Ragnarök“ ein Actionspiel. Die Kämpfe nehmen kein Ende. Neben atemberaubenden Höhepunkten gibt es zahllose Scharmützel zwischendurch, in denen leicht variierte Gegner noch und noch einmal bezwungen werden müssen.

Das ist mitunter langweilig geworden, hat aber sicher auch mit langen Spielsessions zu tun. Wer nur ein paar Stunden am Abend in den Fimbulwinter abtaucht, wird des Kämpfens nicht so schnell müde. Zumal die Kämpfe sich noch etwas verbessert haben. Im Gegensatz zum Vorgängerspiel ist die Taktik variantenreicher. Kratos hat verschiedene Möglichkeiten, Waffen, Kampfstil und Ausrüstung zu entwickeln. „God of War Ragnarök“ nutzt Rollenspielelemente, damit Spielerinnen und Spieler ihren Stil umsetzen können, wie sie wollen. Lobenswert sind auch die recht umfangreichen Funktionen für barrierefreies Spielen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein Playstation-Prestigespiel

„God of War Ragnarök“ ist ein Action-Adventure wie aus früheren Zeiten – solche interaktiven Achterbahnfahrten waren mal weiter verbreitet. Sie sind aber teuer und aufwändig in der Entwicklung. Deswegen hat dieses Prestigespiel eine besondere Aufgabe: Es muss Playstation-5-Besitzer und -Besitzerinnen begeistern und mithelfen, die Anschaffung der teuren Konsole zu rechtfertigen.

Das gelingt überzeugend. Das Spiel ist ein interaktives Effektgewitter, ständig passiert etwas Neues, die Szenen galoppieren durch die nordische Mythologie, und gegen die absurden, bedrohlichen und unglaublichen Schauplätze dieses Titels kommt niemand an. Andere Spiele machen es anders, aber niemand hat opulente Action bisher so spektakulär inszeniert. Dass Kratos’ Abenteuer gut klingt, auch die Sprachausgabe überzeugt, fällt dabei kaum noch auf.

Im Gedächtnis bleiben von dem Spiel aber weniger die zahllosen dramatischen Höhepunkte. Dafür sind sie erstens zu häufig und zweitens zu erwartbar. Im Gedächtnis bleibt vor allem die Erkenntnis, dass auch Kratos nur ein Vater ist, der sich mit seinem pubertierenden Sohn herumschlägt, Verständnis und Nähe sucht. Götter sind auch nur Menschen. Das ist eine Pointe, so alt wie die Antike – „God of War Ragnarök“ erzählt sie in sehenswerter Form neu.

Mehr aus Digital

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen