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Brennpunkt Supermarkt als Genossenschaft: „Modell für die Zukunft“
Thema Specials Brennpunkt Supermarkt als Genossenschaft: „Modell für die Zukunft“
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18:44 23.05.2013
DER MACHER: Torsten Pagel ist Kaufmann aus Tradition. Er leitet auch den „Frischmarkt“ in Fuhrberg.
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Resse

Kein Lebensmittelgeschäft, kein Arzt und keine Bank: So trostlos war das Leben 2008 in dem 2600-Seelen-Dorf Resse (Wedemark). Dabei sah es früher hier zwischen den Mooren rosig aus. Aber nur von Vergangenheit kann ein Ort nicht leben.

Eine Idee musste her. Dringend! Und wie so oft im Landleben entstand diese rettende Idee am Stammtisch, erinnert sich Karl-Heinz Müller (68). Die Bürger gründeten eine Genossenschaft („Bürger für Resse“), in deren Vorstand Müller sitzt. Insgesamt 103 Resser zahlten zunächst mindestens 3000 Euro. Mit dem Geld wurde dann 2009 „mit viel Herzblut“ einen Tante-Emma-Laden im Supermarkt-Format eröffnet: „Ihr Frischmarkt“. Und die Volksbank stellte vor der Tür einen Automaten auf - seitdem gibt es auch wieder Bargeld im Ort.

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„Eigentlich wollte ich hier selber einen neuen Markt errichten“, erzählt Torsten Pagel (42). Doch die Bank lehnte eine Finanzierung ab. Pagel ist in dritter Generation Kaufmann. „Uns gibt es hier im Ort seit über 60 Jahren.“ Doch irgendwann rentierte sich das kleine Familiengeschäft einfach nicht mehr. Laden dicht, kein Kredit: Pagel wollte hinschmeißen - dann kam die Genossenschaft.

Die zählt inzwischen 525 Mitglieder. Torsten Pagel ist einer davon - und leitet den Laden. Auf 650 Quadratmetern verkauft der 42-Jährige täglich von 7 bis 19 Uhr rund 10000 Artikel, größtenteils über Edeka bezogen. Pagel: „Wir sind ein kleiner Vollsortimenter mit sehr großem Frischeanteil.“ Die Kunden kommen aus Resse, doch die Durchfahrtsstraße karrt auch immer mehr Kundschaft aus den Nachbargemeinden an.

Elf Leute beschäftigt Pagel, die meisten in Teilzeit, fast alle wohnen im Ort. Resser für Resse eben. Bäckerei und Fleischerei hat er untervermietet. Von Obst und Gemüse bis zu Windeln, Konserven und Getränken hat der Ladenbetreiber alles im Sortiment. „Wir haben zwar nicht 20 verschiedene Marmeladensorten, aber dafür eine gute Auswahl.“ Dieses „weniger ist mehr“-Prinzip sei längst ein neuer Trend, weiß auch Ullrich Thiemann vom niedersächsischen Handelsverband: „Der Verbraucher hat erkannt, dass es nicht immer Masse sein muss.“

Und auch die Preise sind in Pagels „Frischmarkt“ nicht wesentlich teurer als andernorts. „Bei mir bezahlt man auf den kompletten Einkauf vielleicht 50 Cent mehr, dafür spart man die Spritkosten“, so der 42-Jährige. Nach schweren Anfangsjahren macht er inzwischen sogar Gewinn.

Doch der Laden an der L380 ist weit mehr als ein Supermarkt. Es ist auch sozialer Treffpunkt, kommunikatives Zentrum von Resse. Pagel: „Wir wirken wie ein Magnet.“ Gerade für die Alten ist schwer zu sagen, was wichtiger ist: dass sie eine gut erreichbare Einkaufsmöglichkeit haben oder jemanden zum Reden. „Wir kommen fast täglich her zum Kaffeetrinken“, erzählt Brigitte Koch (72). „Hier ist es geselliger als daheim“, sagt Hans-Dietrich Möller (84). Gemeinsam sitzen sie bei Bäcker Rehbock, trinken Kaffee und reden. „Vor ein paar Jahren war Resse am Aussterben, jetzt ist hier wieder Leben drin“, lacht Koch. Die anderen am Kaffeetisch fallen ein.

Resses Erfolg hat sich längst herumgesprochen. War das Modell anfangs Vorreiter in Deutschland, so ziehen heute viele Dörfer nach. Thiemann: „Genossenschaftliche Läden sind ein Modell für die Zukunft.“ Und auch Torsten Pagel ist zu recht stolz: „Wir sind in aller Munde, denn das Problem der sterbenden Provinz ist überall.“ Kaum ein Monat vergehe, in dem sich eine Delegation hier über das Konzept informiere. „Erst letzte Woche waren Leute aus Isernhagen bei uns.“ Resse hat weit mehr geschafft als einen Markt der Dorfbewohner. Resse hat Zukunft gestaltet.