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Brennpunkt Ihme-Zentrum: Leben in einer toten Stadt
Thema Specials Brennpunkt Ihme-Zentrum: Leben in einer toten Stadt
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08:43 06.02.2014
Zufriedener Mieter: Thomas Wulff (43) sieht die Stadt beim Ihme-Zentrum in der Pflicht. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

„Früher, als es noch bewohnter war und die Geschäfte vermietet waren, war es einfach nur hässlich. Heute ist es noch drei Stufen drunter.“ Es sind Sätze wie diese, die beschreiben, wie es um das Ihme-Zentrum in Linden bestellt ist: Stillstand, Chaos, Perspektivlosigkeit.

Es ist die größte Bauruine Hannovers. Leise Hoffnung keimte vor Jahren auf, als das US-Unternehmen Carlyle ein gigantisches Revitalisierungsprojekt präsentierte. Doch der Investor ging insolvent, das rettende Konzept scheiterte. Seitdem bewegt sich nichts mehr in der Beton-Ruine zwischen Küchengarten und Ihme. „Das ist wie in einer toten Stadt“, bringt es eine Mitarbeiterin des Jugendamts auf den Punkt. Sie will anonym bleiben. Anfangs habe sie noch Hoffnung gehabt. Und jetzt? „Das ist ein hoffnungsloser Fall - und wir sind mittendrin.“

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Ende August soll das Ihme-Zentrum zwangsversteigert werden. Ist das die letzte Chance für den Betonklotz?

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Ein unüberschaubares Labyrinth aus Bauzäunen und Absperrgittern führt durch die düsteren Gänge. Mittendrin: Wohnungen, Büros (Stadtwerke und Jugendamt), eine Kindertagesstätte, leerstehende Läden und ein frisch saniertes Parkhaus. Einige Bereiche müssen ganz ohne Kunstlicht auskommen. Vereinzelt fällt ein Lichtstrahl durch den bröckelnden Beton.

Foto: Florian Petrow

Zwischendecken liegen offen, Kabel hängen heraus. „Fuck the police“ steht in weißer Kreide an einem Pfeiler. Graffiti wirken an manchen Stellen wie ein willkommener Lichtblick. Vom fortschreitenden Verfall des einstigen Prachtbaus können auch sie nicht ablenken. Und immer wieder beißender Uringeruch. Nicht grundlos patrouilliert stündlich ein Sicherheitsdienst mit Hunden.

Die Ursache des Niedergangs liege auf der Hand, da sind sich hier die meisten einig: „Niemand fühlt sich mehr für das Objekt verantwortlich. Der Verfall ist kaum noch aufzuhalten“, sagt ein Bewohner. Seinen Namen will auch er nicht in der Zeitung lesen. Er sagt es freundlich, aber bestimmt. Sein Verhalten ist symptomatisch. „Lassen Sie uns endlich in Ruhe“, schnauzt eine Frau ungefragt im Vorbeigehen.

Warum diese Abwehr, diese latente Aggressivität auf jede Frage? „Wir wollen einfach in Ruhe leben und uns nicht ständig rechtfertigen“, sagt eine Eigentümerin aus Haus 8. Sie ist eine von etwa 530 Privateigentümern, denen rund 800 Wohnungen gehören. Und die alle unverschuldet in die Krise des Beton-Blocks gezogen wurden.

Dass hier Handlungsbedarf auf vielen Ebenen besteht, weiß auch Gudrun M. (71). Seit 1975 lebt sie mit ihrem Mann auf 106 Quadratmetern. Eigentum. „Wenn wir Besuch bekommen, sagen wir immer ‘Bis zu unserer Wohnungstür müsst ihr die Augen zu machen’“, witzelt sie. Angst hatte sie in den dunklen Gängen noch nie. Im Gegenteil: „Wir leben hier sehr gerne. Es ist eine tolle Nachbarschaft und eine wunderbare Wohnung. Niemals möchten wir woanders leben.“ Und sie glaubt an eine Zukunft des Ihme-Zentrums: „Es wird einen Investor geben. Hätte die Landesbank keine Hoffnung mehr, hätte sie sich längst zurückgezogen.“

Andere halten die geplante Zwangsversteigerung hingegen für eine Finte. „Hier wird mal wieder ein falsches Spiel gespielt. Mit dem neuen Termin sollen nur einige Leute ruhiggestellt werden.“

Auch ein Passant ist überzeugt: „Die Versteigerung wird in letzter Sekunde platzen.“ Nach eigenem Bekunden sei er geschäftlich mit dem Komplex verbunden. Weitere Details will er nicht nennen. Schweigen scheint zwischen Küchengarten und Ihme gängige Praxis zu sein.

Ein anderer Rentner, der einige Jahre hier gearbeitet hat, hat die Hoffnung für die Betonburg vor langer Zeit begraben: „Man hätte hier von Anfang an etwas tun müssen. Jetzt ist es zu spät.“ Und fügt nach kurzer Pause hinzu: „Wenn Sie mich fragen, wäre der Abriss des Ihme-Zentrums das einzig Sinnvolle. Das Günstigste sowieso.“

Siegrid G. hat gelegentlich Termine im Ihme-Zentrum. „Ansonsten meide ich diesen Ort. Das ist hier richtig unangenehm. Ich habe regelrecht Angst, hier abgeknallt zu werden“, so ihr Urteil. Das Ihme-Zentrum gehört für Heiko Mante (32) zu seinem Beruf. Täglich schiebt der Postbote seinen Handwagen durch die dunklen Gänge. „Ich habe mich an die Situation gewöhnt. Wohl fühle ich mich dennoch nicht.“ Dass hier noch immer Menschen leben, kann der Briefträger nicht verstehen: „Ich hätte hier wirklich Angst.“

Und auch Anja Kavelmann (32) und K.-M. Röber (47) führt ihr Job täglich an diesen Ort. Sie arbeiten bei Enercity. Die Frauen meiden die dunklen Ecken. „Das ist hier nicht zu retten“, sagen sie. Eine Geschichte ist ihnen besonders in Erinnerung geblieben: „Letztes Jahr mussten wir eine Feuerübung abbrechen, weil alle Fluchtwege durch Bauzäune blockiert waren“, so Kavelmann. „Ein untragbarer Zustand!“