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NP-Sportlerwahl 2021 Viel, aber für sie zu wenig: Sabrina Hering-Pradler lernt, mit Rückschlägen umzugehen
Thema NP-Sportlerwahl 2021

NP-Sportlerwahl 2021: Sabrina Hering-Pradler lernt, mit Rückschlägen umzugehen

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10:15 23.12.2021
Erfolgsverwöhnt: Sabrina Hering-Pradler (vorn) und Tina Dietze gewinnen den Weltcup im K2 in Szeged.
Erfolgsverwöhnt: Sabrina Hering-Pradler (vorn) und Tina Dietze gewinnen den Weltcup im K2 in Szeged. Quelle: IMAGO/GEPA Pictures
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Hannover

Seit ein paar Tagen ist Sabrina Hering-Pradler wieder zurück in Deutschland. Pünktlich zum Weihnachtsfest. Da wird die Star-Kanutin vom HKC auch mal wieder in der Heimat Hemmingen vorbeischauen. Ihr Lebensmittelpunkt ist mittlerweile Berlin. Im November und Dezember verbrachte sie drei Wochen im türkischen Belek. „Echt schön hier, lässt sich aushalten“, berichtet sie. Kein Urlaub, sondern Trainingslager mit der Nationalmannschaft, um die Grundlagen für 2022 zu legen. Für He­ring-Pradler aber auch die Gelegenheit, den Kopf freizupaddeln.

Zweifache Weltcupsiegerin, EM-Silber, Olympiateilnahme, viermal deutsche Meisterin – für andere Sportler wäre die Jahresbilanz ein Traum. Für die erfolgsverwöhnte Hering-Pradler jedoch zu wenig. Für sie war 2021 ein Jahr, „in dem ich an Erfahrung gewachsen bin und wieder mal gelernt habe, mit Rückschlägen um zugehen“, sagt die 29-Jährige. Das klingt ernüchternd.

Dabei ging es gut los. Mitte Mai gewann sie beim Weltcup im ungarischen Szeged im K4 und K2 Gold. „Ihre Dominanz ist erstaunlich“, sagte Landestrainer Jan Francik. Hering-Pradler paddelte in der Form ihres Lebens. Doch nur einen Monat später merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Die Mannschaftsboote blieben bei der EM in Posnan mit Hering-Pradler als Schlagfrau ohne Medaille. Spezielle Blutwerte, die Aufschluss über ihre Fitness gaben, passten nicht. Sie hatte offenbar zu viel Gas gegeben. Ihr Körper begann zu streiken. Das physische Problem wuchs zu einem psychischen. „Ich habe mir selber zu sehr Druck gemacht. Ich wollte unbedingt, dass alles perfekt ist.“ Dass die Schufterei der letzten zwei Jahre mit Blick auf Olympia nicht umsonst war. Hering-Pradler sah ihre Felle davonschwimmen. „Ich war so sauer, dass ich noch in den Einer gestiegen bin.“ Über die 5000 Meter holte sie Silber – als Sprintspezialistin. Eine Genugtuung, aber eine trügerische.

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Bei den folgenden Lehrgängen „merkte ich, dass ich körperlich auf Reserve laufe. Ich habe mir immer mehr Druck gemacht. Ich wollte viel zu viel.“ Sie fing an, zu zweifeln. An den Trainern, an sich selbst. Sie stellte alles infrage. „Mein größter Fehler“, sagt sie. „Ohne Selbstvertrauen in Tokio an den Start zu gehen war das Schlimmste, was passieren konnte.“

Ausgerechnet zum Höhepunkt Olympia verlor die Kanutin ihre Goldform. Sie suchte noch Hilfe bei einem Sportpsychologen. „Doch es war schon zu spät.“ Sie wusste vor ihrer Abreise: Wenn nicht noch ein Wunder passiert, wird in Tokio nichts drin sein. „Aber ich habe es keinem gesagt.“ Ihre Bootspartnerinnen hätten aber „gemerkt, dass ich nicht wie sonst war, die Lockere, die Zuversichtliche.“

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Im K2 reichte es mit Tina Dietze nur zu Rang acht. „Tina sagte mir, es sei nicht meine Schuld. Trotzdem habe ich die Schuld bei mir gesucht. Wir haben erst mal eine Stunde lang geheult nach dem Rennen.“

Im K1 fuhr Hering-Pradler nur auf den neunten Platz. Den fünften Rang mit dem K4 bewertet sie „im Rückblick als sehr gutes Rennen“. Aber die „Erwartungshaltung war eine andere. Nüchtern betrachtet, war das alles sehr enttäuschend“, resümiert sie. Olympia war ein Schlag ins Wasser.

Sabrina Hering-Pradler hat den Rückschlag von den Olympischen Spielen in Tokio rasch abgehakt. Quelle: Florian Petrow

Trost fand sie in der Familie und bei Freunden. „Ich habe versucht, mich abzulenken, Spaß zu haben. Ich war viel feiern. Habe endlich mal wieder etwas unternommen“, erzählt sie. Schnell habe sie den Reinfall abgehakt. Für sie stand fest: „Das kann nicht der Abschied gewesen sein.“ Nach Silber im K4 2016 in Rio und nichts 2021 in Tokio will sie 2024 in Paris noch einmal angreifen.

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Bei der DM in Hamburg, zwei Wochen nach Tokio, paddelte sie sich den Frust von der Seele, holte vier Titel. Danach ließ sie sich am überlasteten Handgelenk operieren. Das Trainingslager in Belek war die erste Belastungsprobe, der Startschuss in den neuen Olympiazyklus – und ein versöhnlicher Abschluss dieses schwierigen Jahres.

Von Simon Lange