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NP-Sportlerwahl 2021 „Da ist noch Luft“: Haftom Weldaj mischt die nationale Elite auf – und hat ein großes Ziel
Thema NP-Sportlerwahl 2021

NP-Sportlerwahl 2021: Marathon-Mann Haftom Weldaj mischt nationale Elite auf

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09:14 25.11.2021
Haftom Weldaj nimmt mittlerweile sogar die Olympischen Spielen in Paris ins Visier.
Haftom Weldaj nimmt mittlerweile sogar die Olympischen Spielen in Paris ins Visier. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

Er will nur eben schauen, ob die Tür zum Stadion geöffnet ist. 100 Meter hin, 100 zurück – und danach spricht Haftom Weldaj, als sei nichts gewesen. Anstrengung? Nicht erkennbar. „Laufen bedeutet viel für mich“, sagt der 31-Jährige. „Laufen hat mein Leben verändert.“

Er hat es in nur sechs Jahren vom Anfänger zum Teilnehmer von international besetzten Feldern geschafft. 2015 übte er noch auf der Aschebahn des TSV Pattensen für das Sportabzeichen, in diesem Jahr lief er beim Berlin-Marathon als 13. ins Ziel – und war in 2:13,47 Stunden schneller als alle anderen Athleten deutscher Vereine. Vor ihm: Laufstars wie Kenenisa Bekele aus Äthiopien, Olympiasieger über 5000 und 10 000 Meter. Auch mit seiner Halbmarathonzeit von 1:02,47 Stunden, ebenfalls in Berlin gelaufen, gehört Weldaj in Deutschland zu den Top 10.

Um solche Leistungen erbringen zu können, hat Weldaj im vergangenen Jahr einiges verändert. Schon länger trainiert er mit einer Gruppe von Hannover 96 unter der Leitung von Dieter Baumeister. Seit 2021 trägt der 31-Jährige auch das grün-schwarze Emblem auf seiner Trainingsjacke. Vor vier Jahren hatte er schon einmal überlegt, zu dem großen Klub zu wechseln, es dann aber nicht übers Herz gebracht. Er habe in Pattensen mit dem Laufen angefangen, deshalb sei er dem Verein so lange treu geblieben, erklärt Weldaj.

Haftom Weldaj wirbt um Ihre Stimme!

Die zweite Veränderung besteht in der Tagesstruktur des Läufers. Arbeit und Sport hätten sich auf dem hohen Niveau nur noch schwer miteinander vereinbaren lassen. Jetzt sei er „Vollzeitläufer“, erzählt er. Entsprechend hoch ist das Trainingspensum geworden. 140 bis 180 Kilometer läuft Weldaj in einer Woche. Das entspricht bis zu 30 Runden um den Maschsee – oder zehn Paar Turnschuhen im Jahr.

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Wenn er jetzt seine Runden um den See in Hannovers Zentrum dreht, denkt Weldaj gerne an den Berlin-Marathon zurück. Es war das erste Mal, dass der Läufer die 42,195 Kilometer zurücklegte. „Marathon ist eine andere Welt“, sagt Weldaj, „Marathon war Abenteuer.“ Dass er überhaupt ins Ziel kommt, war dabei keineswegs sicher. Denn schon nach neun Kilometern habe er einen Krampf im Oberschenkel ge­habt: „Kurz habe ich übers Aufhören nachgedacht.“ Doch einige Kilometer weiter seien die Beschwerden dann weg gewesen. Später, nach 32 Kilometern, sei es noch mal anstrengend geworden: „Als ich das Ziel in Sicht hatte, wurde es einfacher.“

Sport hilft Weldaj dabei, sich zu integrieren

Beim Laufen, schildert der 31-Jährige, fühle er sich frei. Der Sport helfe ihm, einen freien Kopf zu bekommen. Weldaj kam vor fast sieben Jahren als Geflüchteter aus Ostafrika nach Deutschland. „Ich habe negative Fluchterfahrungen gemacht“, verrät er. Doch der Sport hilft nicht nur, um zu vergessen. Er hilft Weldaj auch dabei, sich in Deutschland zu in­te­grie­ren. „Über das Laufen habe ich viele Kontakte geknüpft“, sagt er.

Auf dem Gelände des TSV Pattensen hat Haftom Weldaj unzählige Kilometer abgerissen. Quelle: Marian Prill

Bei einem Marathon über die Ziellinie laufen – das will Weldaj künftig öfter machen. Im April will er beim Hannover-Marathon starten. Das langfristige Ziel ist mit den Olympischen Spielen in Paris 2024 ungleich größer. Von der Leistung her ist das realistisch, aber Weldaj fehlt etwas Entscheidendes, um bei den Spielen an den Start gehen zu dürfen: die deutsche Staatsbürgerschaft. Um diese zu bekommen, müsste er Vollzeit arbeiten. Doch wenn er Vollzeit arbeite, schaffe er es nicht mehr, genug zu trainieren, sagt Weldaj. „Ich will mein Talent nicht verschenken.“ Und so trainiert er weiter. Eine Zeit um die 2:10 Stunden traut er sich zu. „Berlin war nur ein Testlauf, da ist noch Luft“, sagt der Ausnahmeläufer.

Von Thea Schmidt