Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
NP-Sportlerwahl 2021 „Wir können noch viel mehr“: Erste Halbfinalteilnahme reicht Hannover United nicht
Thema NP-Sportlerwahl 2021

NP-Sportlerwahl 2021: Erste Halbfinalteilnahme reicht Hannover United nicht

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:46 07.12.2021
Die Rollstuhlbasketballer von Hannover United haben erstmals das Play-off-Halbfinale erreicht. Soeben ist Vanessa Erskine (vorne, rechts) für die EM nominiert worden, sie spielt für Deutschland.
Die Rollstuhlbasketballer von Hannover United haben erstmals das Play-off-Halbfinale erreicht. Soeben ist Vanessa Erskine (vorne, rechts) für die EM nominiert worden, sie spielt für Deutschland. Quelle: Maike Lobback
Anzeige
Hannover

Schwer hatten es in der Pandemie alle Sportvereine, besonders finanziell. Ein Behindertensportverein hat noch andere Hürden zu meistern: die erhöhte gesundheitliche Bedrohung für Sportler mit Handicap, die nicht selten zur Risikogruppe gehören. So musste der Rollstuhlbasketballer von Hannover United ein ganzes Jahr auf zwei Spieler verzichten: Mariska Beijer und Christoph Lübrecht.

Unter diesen Umständen bemerkenswert: Auch ohne Lübrecht und Niederländerin Beijer, die zu den besten Spielerinnen der Welt zählt und Gold bei den Paralympischen Spielen 2021 gewann, erreichte das Team nach Tabellenplatz vier erstmals in der Vereinsgeschichte das Play-off-Halbfinale.

Wo sie jetzt, in der neuen Saison, wieder stehen. Eine Wiederholung des Szenarios ist gut möglich. „Das ist unser Ziel“, sagt Trainer Martin Kluck. Sein Verein hat sich längst in der 1. Rollstuhlbasketballbundesliga etabliert, und das im oberen Feld. Der 37-Jährige hat die Entwicklung von Stunde null miterlebt, bis vor zwei Jahren war er Spielertrainer.

Ein bisschen Geschichtsunterricht: Hannover United ist 2012 aus der SG Oldenburg und dem BSV Sünteltal entstanden. Beide Mannschaften waren knapp besetzt, die Hallen klein. Also mieteten sie sich zusammen eine Halle in Misburg und schlossen sich zu einer Spielgemeinschaft zusammen – um einen neuen Verein, Hannover United, zu gründen.

Hier geht’s direkt zur Abstimmung!

Kluck spielte beim BSV Sünteltal – auch hier war er quasi seit Gründung dabei. „Der beste Freund meines Opas wurde bei einem Unfall querschnittsgelähmt“, erinnert er sich. „In der Reha in Bad Münder hat sich eine Rollstuhlbasketballgruppe gebildet – und da mein Vater Basketballer war und natürlich den besten Freund seines Vaters gut kannte, hat er die Truppe trainiert.“ Daraus entstand der BSC Sünteltal – und Kluck war als Sohn des Trainers von Anfang an dabei.

Kein seltenes Bild im vergangenen Jahr: Matthias Güntner, der allerdings United im Sommer verlassen hat, und Jan Sadler feiern. Quelle: Maike Lobback

„Ich saß schon im Rollstuhl, bevor ich gehen konnte“, erinnert er sich. „Mit elf Jahren habe ich mir zu Weihnachten einen eigenen Rollstuhl gewünscht.“ Inklusiver kann wohl kein Kind aufwachsen. Und das macht Rollstuhlbasketball so besonders: „Alle spielen zusammen: ob mit Behinderung oder ohne, ob Frau oder Mann. „Alle reden über Inklusion, wir leben sie.“ Da lag der Vereinsname Hannover United auf der Hand: United ist das englische Wort für vereint. Dieses Motto ist deutlich zu spüren, wenn man auf das Team trifft. Fast wirkt es wie ein Stammtisch unter Freunden. „Ich liebe diese Menschen“, schwärmt Beijer. Sie wohnt in einer WG mit Oliver Jantz.

„Spieler aus anderen Städten werden von dieser Atmosphäre angesteckt, sie kommen mittlerweile aus ganz Deutschland“, freut sich der Trainer. „Bei uns zählt der Mensch. Und wenn ich einen Gegner aus dem Rollstuhl hauen will, ist es egal, ob er behindert ist oder nicht.“ Die aktuelle Mannschaft lebt das noch immer vor: Christoph Lübrecht spielt ohne Handicap; zwei Spieler, Vanessa Erskine und Tobias Hell, sind querschnittsgelähmt – der Rest hat unterschiedliche Handicaps.

Auch international zu Hause

Für die Teilnahme an internationalen Turnieren wie die Paralympischen Spiele ist ein Handicap Voraussetzung. Qualifizieren konnte in diesem Jahr ein großer Teil der Mannschaft: Beijer trat mit den Niederländerinnen an, Sadler, Jan Haller und Tobias Hell spielten für die deutsche Nationalmannschaft, außerdem Matthias Güntner und Joe Bestwick, die United im Frühjahr verließen. Die US-Amerikanerin Erskine war noch bei den Palaympics in Rio dabei, nun unterstützte sie als Moderatorin. Kluck reiste als Co-Trainer mit. Jetzt steht die EM an.

„Wir sind ziemlich in die neue Saison gestolpert“, sagt Sadler und verspricht: „Wir können noch viel mehr. Mit Neuzugang Amit Vigoda ist das letzte Puzzlestück da.“

Von Josina Kelz