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NP-Sportlerwahl 2021 Nach dem Olympiaschreck: Carlotta Nwajide will nach Pausenjahr voll angreifen
Thema NP-Sportlerwahl 2021

NP-Sportlerwahl 2021: Carlotta Nwajide will nach Pausenjahr voll angreifen

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10:50 04.01.2022
Trainingsidyll: Carlotta Nwajide lebt und übt überwiegend in Berlin.
Trainingsidyll: Carlotta Nwajide lebt und übt überwiegend in Berlin. Quelle: Maja Hitij/Getty Images
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Hannover

Es ist ein Schrei des Schreckens, keiner der Freude. Und er ist auch in Hannover zu hören. Am ganz frühen Morgen versammeln sich Mitglieder des DRC und Freunde im Bootshaus, um die Medaillenfahrt von Carlotta Nwajide bei den Olympischen Spiele in Tokio zu sehen. Klar auf Silberkurs läuft der deutsche Doppelvierer, bis die Crew etwa 150 Meter vor dem Ziel aus dem Rhythmus kommt, sich Ruder verkanten und das Boot abrupt und unsanft fast zum Stehen kommt. Die Medaille ist futsch, das Quartett ist untröstlich, es ist eines der Dramen des deutschen Teams in Japan. „Es war schlimm“, sagt Nwajide, „es war unser bestes Rennen, alles lief gut, und dann das.“ Entsetzen herrscht beim DRC, die Rudergemeinde liegt sich tröstend in den Armen, Worte findet kaum einer.

Bei der Rückkehr von der Regattastrecke ins olympische Dorf wird gerade ein siegreiches Team gefeiert, von den vier Ruderinnen nimmt man keine Notiz. „Das war schon etwas wie eine Zweiklassengesellschaft, das war bemerkenswert und schade“, sagt Nwajide. Der Empfang in Hannover ist deutlich wärmer. „Wir haben Carlotta zeigen wollen, dass wir ganz unabhängig vom Abschneiden stolz auf sie und ihre Leistung sind“, bekräftigt DRC-Präsident Julius Peschel und fügt hinzu: „Ich denke, im Leistungssport gibt es generell zu wenig Raum für Enttäuschung.“

Dabei hat das Jahr nicht enttäuschend begonnen, im Gegenteil. In der Besetzung Daniela Schultze, Nwajide, Frieda Hämmerling und Franziska Kampmann überzeugt der Doppelvierer mit Erfolgen, gewinnt den Gesamtweltcup und holt die Bronzemedaille bei den Europameisterschaften im italienischen Varese. Nicht einmal das letztlich in Tokio siegreiche Boot der Chinesinnen erscheint übermächtig. Umso heftiger ist dann der Schock auf der Strecke. Hätte das Boot einige Hundert Meter früher „gekrebst“, wäre eine Aufholjagd noch möglich gewesen – so ist es das schlimmstmögliche Szenario und Platz fünf.

Carlotta Nwajide wirbt um Ihre Stimme!

„Ich komme inzwischen damit klar, aber das braucht nicht eine Woche, sondern viel mehr Zeit. An manchen Tagen ist es okay, an anderen ärgert man sich“, sagt die 26-Jährige. „Es wäre gelogen, würde ich sagen, das beschäftigt mich nicht mehr.“ Nach der Rückkehr widmet Nwajide sich in Berlin, wo sie inzwischen lebt, anderen Dingen. Solchen, die in den vergangenen fünf Jahren der Vorbereitung mit bis zu dreimal täglichem Training eben zu kurz gekommen sind. In erster Linie natürlich dem Studium der Geografie, in dem sie in diesem Jahr den Bachelor machen will. „Darauf liegt jetzt der Fokus, vom Rudern werde ich nicht leben können“, weiß Nwajide.

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2022 wird ein Pausenjahr, erst danach wird sie wieder voll angreifen mit dem Ziel Olympische Spiele in Paris 2024, das entscheidet Nwajide im Dezember. Aus dem Olympia-Vierer werden das auch Schultze und Hämmerling tun, Kampmann hat ihre Karriere beendet. Die DRV-Crews werden sich anders aufstellen, es wird neue Kon­stellationen geben. Das ist im Rudern üblich. Auch Carlotta Nwajide sortiert sich neu, wie sie das formuliert. Sie ist sozial engagiert, setzt sich gegen Rassismus ein. Rudern wird sie nur nebenbei in diesem Jahr. „Mein Körper braucht diese Pause.“

Hat die Motivation nicht verloren: Carlotta Nwajide will nach einem Pausenjahr einen neuen Anlauf nehmen. Quelle: IMAGO/Agentur 54 Grad

Thorsten Zimmer, Bundesstützpunkttrainer in Hannover, wird sie auch in dieser Phase der Pause begleiten und Ratschläge geben – und ihr Boot anschließend auf Paris ausrichten. „Thorsten ist der ideale Mann dafür, Carlotta zu den nächsten Spielen zu führen“, sagt DRC-Chef Peschel. Auch die Unterstützung des DRC sei Nwajide sicher, unterstreicht der frühere Topruderer Peschel, ganz unabhängig von den Resultaten. Ihn hat der Vorfall bei Olympia nachdenklich gemacht: „Die Leute wollen mit den Siegern feiern, aber nicht mit den Verlierern leiden.“

Von Stefan Dinse