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Sportmix Wenn es zum großen Finale im Fußball kommt, ist Michael Ballack nicht dabei
Sportbuzzer Sportmix Wenn es zum großen Finale im Fußball kommt, ist Michael Ballack nicht dabei
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00:51 19.05.2010
Von Stefan Knopf
„Ich will kein Mitleid“: Nach seiner Verletzung und dem damit verbundenen WM-Aus wird der deutsche Kapitän Michael Ballack trotzdem zur tragischen Figur. Quelle: dpa
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Es gibt kaum einen Rasen, der zu groß ist für Michael Ballack, den Ausnahmefußballer, aber dieser hier ist es. Jedenfalls zurzeit. 175 Hektar umfasst das Gelände des Ferienresorts auf Sizilien, in dem sich die deutsche Nationalmannschaft derzeit auf die Fußball-Weltmeisterschaft vorbereitet, zwei große und ein kleiner Golfplatz mit gepflegten Grünanlagen prägen das Gelände. Von Ballacks Zimmer mit Blick auf das Mittelmeer hinüber zum Essbereich ist es schon ein beachtlicher Fußweg, nicht nur für einen, der an Krücken humpelt; der Trainingsplatz am anderen Ende des Geländes ist von hier mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Da ist es ganz praktisch, dass sich Ballack mit einem Golfwägelchen durch die sizilianische Sonne chauffieren lassen und den lädierten Knöchel ein wenig schonen kann.

Der Kapitän hätte es sich nach seiner Verletzung und der geplatzten WM-Teilnahme leicht machen und einfach zu Hause bleiben können. Niemand wäre überrascht gewesen, jeder hätte dafür Verständnis gehabt, doch als die Nachricht die Runde macht, dass der 33-Jährige im Quartier der deutschen Mannschaft eingetroffen ist, schicken ARD und ZDF ihre Kamerateams los: In Sondersendungen nach den Hauptnachrichten berichten die Reporter über Live-Schaltungen, als habe der griechische Finanzminister eben den Staatsbankrott erklärt.

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Es ist eine groteske Szenerie. Mit seinem Foul hat der Fußballer Kevin-Prince Boateng am Sonnabend nicht nur Michael Ballack schwer verletzt, sondern die Hoffnungen einer ganzen Fußballnation. Im Sport werden die Hauptdarsteller schnell und gern überhöht, es geht um Dramen und Heldengeschichten. Ballack war für den Sommer in einer dieser Geschichten eine Hauptrolle zugedacht, er war die Verheißung auf den ersehnten vierten deutschen WM-Titel.

Paradoxerweise, muss man hinzufügen, denn Ballacks Karriere ist geprägt von Niederschlägen, und an keinem Beispiel lässt sich das besser schildern als an jenem regnerischen Aprilabend 2008 in Moskau. Ballack steht mit dem FC Chelsea im Finale der Champions League gegen Manchester United, das Spiel um den wichtigsten europäischen Vereinstitel muss im Elfmeterschießen entschieden werden. Chelseas Mannschaftskapitän John Terry läuft an, Ballack ist schon auf dem Sprung, bereit für den befreienden Jubel, als Terry das Standbein wegrutscht, der Ball fliegt an den Pfosten. Momente später liegt Ballack auf dem Rasen des Luschniki-Stadions und heult hemmungslos. Wieder hat er ein wichtiges Finale verloren.

Dieses Scheitern so kurz vor dem großen Ziel ist zum Refrain seiner Laufbahn geworden. Im Mai 2000 steht sein damaliger Verein Bayer Leverkusen kurz vor dem Gewinn der ersten Meisterschaft, ein Unentschieden im letzten Saisonspiel in Unterhaching würde reichen, als Ballack mit einem Eigentor die Niederlage einleitet. Zwei Jahre später verspielt er mit Leverkusen erneut erst die Meisterschaft, dann verliert er das Pokalfinale und das Champions-League-Finale. 2006 platzt der Traum vom WM-Titel im Halbfinale, 2008 verliert er das Endspiel um die Europameisterschaft gegen Spanien.

Es zählt zu Ballacks Stärken, dass ihn diese Rückschläge nie umgeworfen haben, im Gegenteil: Fast bekommt man das Gefühl, er sei dadurch sogar stärker geworden. 2002, in jenem Jahr, als er mit Leverkusen gleich drei Titel verpasst, spielt er eine bärenstarke Weltmeisterschaft. Dass die Nationalmannschaft dabei das Endspiel gegen Brasilien erreicht, ist auch zu einem großen Teil sein Verdienst. Im Halbfinale gegen Südkorea opfert sich Ballack für die Mannschaft, und zwar im Wortsinn: Er bügelt einen Fehler seines Mitspielers Torsten Frings durch ein Foul aus, um eine Torchance für die Asiaten zu verhindern. Ballack weiß in diesem Moment, dass er dafür die Gelbe Karte sehen wird, er weiß, dass er dadurch für das Endspiel gesperrt sein wird.

Zuschauer in einem Finale: Für Fußballer ist das die Höchststrafe. Doch auch diesen Rückschlag steckt Ballack weg. Vier Minuten nach seinem Foul schießt er das 1:0, das seine Mannschaft ins Endspiel bringt.

Ballack ordnet sich dem gemeinsamen Ziel unter. So versteht er Fußball: als Mannschaftssport. Und so ist auch sein Besuch im Mannschaftsquartier zu werten. Als Signal und Aufmunterung an die anderen Spieler, dass es nun eben ohne ihn gehen muss – und wird.

Es ist ein Schritt zu auf eine Mannschaft, die mit ihrem Kapitän in der Vergangenheit durchaus ihre Probleme hatte. Der 33-Jährige stammt aus einer anderen Generation als die meisten Spieler, die nun auf dem Weg nach Südafrika sind, manchmal wirkt er wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Der Schwenk zur Spaßgesellschaft, den Teammanager Oliver Bierhoff in den vergangenen Jahren angefeuert hat, ist Ballack zutiefst suspekt. Karnevalsgleiche Empfänge nach verlorenen Endspielen auf großen Fanmeilen passen nicht in sein Bild vom Fußball. Ballack will sich nach Siegen freuen können, nach Niederlagen aber auch enttäuscht sein dürfen. Große Gefühle zeigt Ballack dabei selten. Vielfach wird ihm das als Gleichgültigkeit ausgelegt, seine elegante und leichtfüßige Art, Fußball zu spielen, deuten viele als Arroganz. Ballack nimmt das weitgehend gleichgültig hin, er muss nicht von jedem geliebt werden. Auch jetzt, nach seiner Verletzung, sagt er: „Ich will kein Mitleid.“

Bislang verlief die Karriere von Ballack, der 1976 in Görlitz geboren wurde, auffällig geradlinig, so, wie er es als Jugendlicher in der Sportförderung der damaligen DDR kennengelernt hatte. Schritt für Schritt arbeitete er sich voran: vom Chemnitzer FC zum 1. FC Kaiserslautern, dann zu Bayer Leverkusen, weiter zum FC Bayern München, schließlich zum FC Chelsea; in dieser Zeit sammelte er fünf nationale Meisterschaften und sechs Pokalsiege. Und den nächsten Schritt hat Ballack auch bereits im Kopf: „Die Verletzung könnte durchaus eine Motivation sein, sich für die EM 2012 noch einmal ein neues Ziel zu setzen.“ Den geplatzten Traum, Weltmeister zu werden, kann ihm allerdings niemand ersetzen, die große Krönung seiner Karriere wird ihm verwehrt bleiben.

„Wenn die WM losgeht, wird es sicher noch mal schmerzen“, sagt Ballack. Und meint damit nicht den Knöchel.

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