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18:22 20.04.2012
Von Patrick Hoffmann
Christian Streich ist neuer Cheftrainer beim SC Freiburg. Quelle: dpa
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Freiburg

Christian Streich würde auch ein drittes Mal absagen. Das wussten sie. Schließlich hatten sie ihn zuvor bereits zweimal gefragt, ob er nicht gerne der neue Cheftrainer werden würde, und zweimal hatte er mit Nein geantwortet. Also bestellten sie ihn ein letztes Mal in die Geschäftsstelle, und weil er ihr absoluter Wunschkandidat war, versuchten sie es mit einer kleinen List. Wenn er es nicht machen wolle, sagten sie, dann würde man in den kommenden Tagen halt mit Falko Götz und Murat Yakin verhandeln. Streich bat um zwei Minuten Bedenkzeit - und sagte dann bei den Verantwortlichen des SC Freiburg zu.

Streich hört diese Geschichte ungern. Er findet, sie klinge respektlos gegenüber diesen Kollegen. Andererseits sagt sie eine Menge über aus über Christian Streich,46 Jahre alt, Metzgersohn aus Eimeldingen bei Weil am Rhein.

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Denn Streich ist keiner, der auf die ganz große Bühne drängt, er empfindet den Rummel eher als anstrengend. Wenn er sich im Fernsehen sieht, dann denkt er oft: „Wie siehst du denn aus?“ Oder: „Sprich weniger Dialekt, damit dich auch die Leute in Flensburg verstehen.“ Das ist ihm wichtig, er hat schließlich Germanistik studiert. Und außerdem wollen viele ja inzwischen nicht nur in Freiburg, sondern eben auch in Flensburg wissen, was das für ein Typ ist, der den Sportclub da nach seinem Amtsantritt im Dezember aus dem Tabellenkeller geführt hat, und der am morgigen Sonntag mit seinem Team in Hannover bereits den Klassenerhalt sichern könnte.

Dabei liegt es nicht nur an den sportlichen Erfolgen, dass das Interesse an seiner Person derzeit so groß ist. Streich selbst ist fast noch die größere Attraktion, weil er so anders ist als viele seiner Kollegen, nämlich so ungewohnt ehrlich. So einer fällt auf im floskelreichen Fußballgeschäft. Nach dem Spiel in Leverkusen Ende März zum Beispiel war Streich gefragt worden, ob dieser Sieg ein „Big Point“ im Abstiegskampf gewesen sei. Streich riss daraufhin die Augen auf, überlegte einen Moment, und sagte dann: „Big Point? Was ist ein Big Point? Das ist das gleiche wie mit Sechs-Punkte-Spielen: Ich habe noch nie sechs Punkte für einen Sieg bekommen.“ Aber ob er nun wenigstens durchatmen könne, wollte der Reporter daraufhin wissen. „Nach dem Spiel atme ich immer durch“, sagte Streich, „ich bin dann nämlich immer ganz müde.“

Mit Sprüchen wie diesen hat es Streich in kürzester Zeit zu beachtlicher Prominenz gebracht. Die „Badische Zeitung“ aus Freiburg hat dem kauzigen Fußballlehrer sogar eine eigene Rubrik gewidmet, den „Streich der Woche“. Da lassen sich jede Menge wahre Schätze entdecken. Dieser hier zum Beispiel: „Wenn ich nicht schlafen kann, weil ich nicht weiß, wen ich aufstellen soll bei so vielen tollen Spielern, dann ist das gut - nur nicht für den Schlaf.“ Oder dieser hier: „Ich kann nach Toren nicht jubeln. Ich habe andere Gedanken im Kopf. Manche Menschen jubeln und können sich trotzdem mit anderen Dingen beschäftigen. Aber ich habe das Potenzial nicht.“

Diese Art, den Fußball nicht zu ernst zu nehmen, passt wunderbar ins intellektuelle Freiburger Milieu. Außerdem verkörpert Streich wohl wie kein anderer im Verein die Philosophie der Breisgauer, ihm muss man den SC Freiburg nicht erklären. Dort, wo heute die VIP-Parkplätze sind, hat Streich vor 17 Jahren begonnen, dieA-Junioren zu trainieren, auf einem Hartplatz. Später wurde er Sportlicher Leiter der Fußballschule, zuletzt Kotrainer seiner Vorgänger Robin Dutt und Marcus Sorg. Streich kennt viele seiner Spieler seit ihrem Einzug ins Internat. Am vergangenen Wochenende, beim 0:0 gegen Hoffenheim, standen mit Oliver Baumann, Jonathan Schmid, Matthias Ginter, Oliver Sorg, Johannes Flum und Daniel Caliguiri erneut sechs Spieler für die Freiburger auf dem Platz, die von Streich in der eigenen Fußballschule ausgebildet wurden.

In Freiburg fühlen sich deshalb viele an Volker Finke erinnert, der mit einer ähnlichen Philosophie 16 Jahre lang den Klub geprägt hatte. Streich trauen sie das auch zu. Aber 16 Jahre auf dem Rummelplatz Bundesliga? „Unvorstellbar“, sagt Streich. Das wäre vermutlich eher was für Kollegen wie Falko Götz. Oder Murat Yakin.

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