Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Sportmix Sepp Maier zeigt WM-Sommer 1990
Sportbuzzer Sportmix Sepp Maier zeigt WM-Sommer 1990
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:29 09.03.2012
Von Patrick Hoffmann
Torwarttrainer Sepp Maier zeigt einen Film zur Fußball-WM 1990. Quelle: dpa (Archivfoto)
Anzeige
Berlin

Lothar Matthäus hätte sich in diesem Moment besser nicht filmen lassen sollen. Andererseits: Er hat gerade den größten sportlichen Erfolg seiner Karriere errungen, in solchen Momenten denkt man vermutlich nicht allzu sehr über sein Verhalten nach. Also stellt sich Matthäus vor die Kamera, nackt, hält den Pokal vor sein Geschlecht und macht Bewegungen wie Elvis Presley zu seinen besten Zeiten.

Rom, am 8. Juli 1990, irgendwo in den Katakomben des Stadio Olympico. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist gerade Weltmeister geworden, durch ein 1:0 im Finale gegen Titelverteidiger Argentinien. Die deutschen Spieler feiern ausgelassen, singen, vom Sekt besäuselt, „We Are the Champions“ und küssen reihum den Weltpokal. Jenen Weltpokal, den Matthäus eben noch für ein kleines Tänzchen entwendet hatte. Und Sepp Maier ist mittendrin. Der Torwarttrainer der Nationalmannschaft hat auch in diesem Moment die Kamera laufen, wie schon in den Wochen zuvor während des Turniers. Nun, fast 22 Jahre später, sind die Aufnahmen erstmals auch für die Öffentlichkeit zu sehen, beim Filmfußballfestival „11mm“ in Berlin.

Anzeige

Es ist ein Blick in das Innerste einer Mannschaft. Maier filmt überall da, wo Fernsehkameras draußen bleiben müssen: im Bus, im Hotel, bei der Stadionbesichtigung und vor allem in der Kabine. Für Maier und seine Hobbykamera gibt es im Sommer 1990 keine Tabus. Und weil Maier ohnehin seit Jahren immer dabei gewesen ist, nehmen die Spieler seine Kamera offenbar kaum noch zur Kenntnis.

Der Torwarttrainer ist ein unbeobachteter Beobachter, er hält fest, was um ihn herum passiert. Das ist nicht immer spannend, aber unglaublich authentisch. Weit authentischer als die Aufnahmen von Filmemacher Sönke Wortmann, der 16 Jahre später die Weltmeisterschaft im eigenen Land als „Sommermärchen“ inszenieren sollte.

Pokal überblendet nackte Tatsachen

Maier hält einfach immer drauf. Zu sehen sind die Spieler mit ihren Frauen und Kindern bei einem gemeinsamen Ausflug auf dem Comer See, bei der Massage nach dem Training oder nach dem Spiel in der Kabine. Die Kamera folgt den WM-Helden sogar bis unter die Dusche, und wenn der Jugendschutz mal in Gefahr ist, blendet Maier einfach einen kleinen Pokal über allzu nackte Tatsachen.

Nur ganz selten, etwa nach dem schmeichelhaften 1:0-Sieg im Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei, traut sich Maier nicht, die Kamera aus der Tasche zu holen. Teamchef Franz Beckenbauer soll damals so verärgert über die Leistung der eigenen Mannschaft gewesen sein, dass er Getränkedosen durch die Kabine schleuderte. Da hat sich selbst Maier lieber zurückgehalten.

Das macht aber nichts, denn auch so ist das knapp einstündige Werk mit seinem besonderen Charme des Privatvideos – durchaus unterhaltsam. Das Bild wackelt, die Farben sind blass, und das Gesagte ist kaum zu verstehen. Technisch ist der Film eine Katastrophe. Als Zeitdokument aber ist er von bemerkenswerter Qualität.

Zudem ist der Film eine Zeitreise in die ästhetischen Abgründe der frühen neunziger Jahre. Die Spieler und Betreuer tragen Trainingsanzüge aus türkisfarbener Ballonseide und dazu weiße Sportsocken zu ebenso weißen Turnschuhen. Wer modisch etwas auf sich hält in jenem italienischen Sommer, der trägt den berüchtigten Haarschnitt Vokuhila, vorne kurz, hinten lang. Oder einen Schnurrbart. Rudi Völler traut sich sogar beides.

Die verschiedenen Abschnitte des fast einstündigen Films sind in chronologischer Reihenfolge, und so endet Maiers Dokumentation mit dem Empfang der Nationalmannschaft auf dem Frankfurter Römer. Dass es von den Stunden danach keine Aufnahmen mehr gibt, ist nicht Maiers schuld. Irgendwann während des Autokorsos durch die Frankfurter Innenstadt wird ihm die Kamera aus dem Cabrio gestohlen. Wochenlang ist Maiers Projekt gefährdet. Erst als der DFB öffentlich um die Rückgabe des Filmmaterials bittet, erhält der Torwartrainer einen Anruf. Er wird in ein zwielichtiges Restaurant am Frankfurter Hauptbahnhof bestellt. Maier legt tausend D-Mark auf den Tisch – und kann 22 Jahre später Premiere als Filmregisseur feiern.

07.03.2012
07.03.2012