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Sportmix Retter der Ringe: Olympia-Revolutionär Samaranch tot
Sportbuzzer Sportmix Retter der Ringe: Olympia-Revolutionär Samaranch tot
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13:59 21.04.2010
Juan Antonio Samaranch Quelle: afp (Archiv)
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Als Juan Antonio Samaranch 1980 in Moskau zum siebten Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gewählt wurde, war die Welt in zwei Blöcke gespalten und das politisch missbrauchte Olympia zu Boykott-Spielen degeneriert. Das von der Lebenslüge Amateur geprägte IOC galt als ein mittelloser Altherren-Club, belächelt und nicht ganz ernst genommen. 21 Jahre später hat Samaranch seinem belgischen Nachfolger Jacques Rogge die Führung des olympischen Weltsports übergeben als größter Veränderer in der nunmehr 116-jährigen modernen olympischen Geschichte nach dem französischen Begründer Pierre de Coubertin.

Wie immer nun über den am Mittwoch in Barcelona im Alter von 89 Jahren gestorbenen Spanier und umstrittenen Revolutionär geurteilt wird, eines steht fest: Er hat das IOC in größere Unabhängigkeit geführt und die Olympischen Spiele gerettet, in dem er sie zur größten Show gemacht hat. Thomas Bach, deutscher IOC-Vizepräsident und von Samaranch Geförderter, sagt: „Seine größte olympische Leistung besteht in der Bewahrung der Olympischen Spiele vor dem Untergang.“

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Die von Moskau angeführte kommunistische Welt half Samaranch mit in den Sattel, weil sie von ihm als Gegenleistung die Konservierung des Artenschutzes für den Staatsamateur erwartete. Schon ein Jahr später schaffte ihn der Spanier mit der Streichung des Amateurparagrafen ab. In den frühen 80er Jahren hat Samaranch den Griff der UNESCO nach den Spielen ebenso abwehren können wie den Versuch des US-Fernsehens, die Spiele als Goodwill Games zu veranstalten. So ist Olympia in den Arenen noch immer eine werbefreie Zone, die Sieger werden vom IOC nicht prämiert und, ganz wichtig in einer sich dramatisch verändernden Welt: Die Regeln werden überwiegend vom IOC selbst bestimmt.

Samaranch war so abwehrstark, weil er die Olympischen Spiele zu einer Geldmaschine entwickelte. Rund 11 Milliarden Dollar erlöste er in seiner Amtszeit mit seinem wichtigsten Helfer, den Kanadier Richard Pound, aus den TV- und Marketingrechten. Mit dem Geld hat der Spanier die olympische Welt gekittet und aus Pleite-Spielen Boom- Spiele gemacht. Als Samaranch antrat, waren die Spiele klinisch tot und Los Angeles 1984 für die dritte, vom Ostblock herbeigeführte Boykott-Ausgabe nach 1976 (Afrika) und 1980 (westliche Länder) der einzige Bewerber. Längst stehen die Weltmetropolen Schlange, den jeweiligen Siegern winkt mittlerweile ein Scheck von mehr als einer Milliarde Dollar.
„Man kann Samaranch nicht vorwerfen, dass er die Spiele vermarktet hat. Vorwerfen kann man ihm, in welcher Geschwindigkeit er das tat, für was er das Geld ausgegeben und welchen Wert er ihm beigemessen hat.“ Diese Aussage von Willi Daume, der 1980 bei der Präsidenten-Wahl zu den chancenlosen Herausforderern gehörte, zielt auf die Schattenseiten der zwei Samaranch-Jahrzehnte an der IOC-Spitze. Der Dollar wurde zum Ersatz für Inhalte, das große Kapital schleppte zusammen mit verheerenden Personalentscheidungen Samaranchs die Korruption und den Sportbetrug mit ein. Die Spiele wurden gigantisch, die Doping-Seuche fand fruchtbaren Boden.

Jedenfalls stand Samaranch 1999, als die Korruptionsblase um den Olympia-Bewerber Salt Lake City platzte und der schöne Schein verloren ging, vor dem Scherbenhaufen seiner Präsidentschaft - und auch vor einer persönlichen Katastrophe. Mit einem Kraftakt ohnegleichen hat er das Ruder herumzureißen versucht. Um als Präsident zu überleben, stellte er sich an die Spitze der Reformbemühungen und geriet dabei in ein Dilemma. Jede von ihm unterstützte Forderung nach mehr Demokratie, Transparenz und Kontrolle geriet zu einer Kritik an den Zuständen, die er selbst herbeigeführt hat. So wirkte Samaranch am Ende wie ein Getriebener, dem alles recht war, was das Denkmal auf dem Sockel ließ. Zehn IOC- Mitgliedern kostete die Säuberung das Amt. Ins Unendliche geriet der Anspruch des Spaniers, das IOC habe den Nobelpreis verdient.

Zur Bewertung Samaranchs gehört, dass er der Franco-Diktatur in hohen Positionen gedient hat. Die spanische Demokratie hat ihm das nicht übel genommen und ihn 1977 als ihren Botschafter nach Moskau geschickt. König Juan Carlos, diktatorischen Denkens unverdächtig, zählte ihn zu seinen Vertrauten. Samaranch, der ein asketisches Leben führte, ist als erster Profi im IOC-Präsidentenamt Amateur geblieben. Der Bankenpräsident aus Barcelona ließ sich nicht bezahlen. Er hat Korruption im IOC begünstigt, korrupt war er nicht. Er war auch kein olympischer Diktator, das „System Samaranch“ funktionierte so: Herrschen über ein weltweit gespanntes Netz von Freundschaften, Beziehungen, Informationen, auch Abhängigkeiten. Entscheidungen im IOC nur, wenn eine Mehrheit gewiss war.

Verhindern konnte er nicht, dass Olympia 1996 nach Atlanta ging und zu „Coca-Cola-Spielen“ wurde. Samaranch hätte die Spiele lieber in Athen gehabt, 100 Jahre nach der Begründung der Olympischen Moderne in der Griechen-Metropole. Gewollt und in Kauf genommen hat er zwei besondere Peinlichkeiten: 1995 die Anhebung des Alterslimits von 75 auf 80 Jahre als Voraussetzung für seine dritte Wiederwahl und, quasi als Abschiedsgeschenk neben der Ehrenpräsidentschaft, die Beförderung seines Sohnes zum IOC-Mitglied.

Eingeengt, gefördert und getrieben durch politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen des ausgehenden Jahrhunderts hat Samaranch die Globalisierung genutzt, um Olympia universal zu machen, spektakuläre Spiele zu veranstalten und der olympischen Bewegung eine neue Architektur zu geben. Nicht zuletzt durch die Herauslösung der nun weitaus besser vermarktbaren Winterspiele aus dem olympischen Jahr ab 1994 schreibt der Olympia- Konzern tiefschwarze Zahlen, bei Umsätzen im Vier-Jahres-Rhythmus von gegenwärtig 6,2 Milliarden Dollar. So ist die Idee zum Dollar und all zu oft zur bloßen Form geronnen. Juan Antonio Samaranch hat den Glanz Olympischer Spiele hinterlassen - und deren Elend.

dpa