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Sportmix Löw konzentriert sich auf WM-Vorbereitung
Sportbuzzer Sportmix Löw konzentriert sich auf WM-Vorbereitung
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22:31 08.02.2010
Von Heiko Rehberg
„Bin nicht getrieben von Macht und Geldgier“: Bundestrainer Joachim Löw Quelle: dpa (Archiv)
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Doch statt Spiele zu analysieren, die Vorrunden­gegner zu studieren und mit seinen Assistenten über die aktuelle Form der Nationalspieler zu diskutieren, steckt Löw mittendrin in einem Machtkampf zwischen den Verantwortlichen der Nationalmannschaft und der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) – und steht nach den abgebrochenen Vertragsverhandlungen mit dem Verband plötzlich in der Ecke als einer, dem es vornehmlich um Macht und Geld geht. Löw ist gekränkt, der DFB ist von ihm und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff enttäuscht. Und das deutsche Fußballpublikum schaut staunend und irritiert auf einen Konflikt, dessen Heftigkeit überrascht, und fragt sich: Wie konnte das passieren? Und wie geht es weiter? Eine Analyse der wichtigsten Fragen zum deutschen Fußballstreit.

Ganz einfach und doch zentral: Worum geht es eigentlich?

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Im Januar hatten sich Löw/Bierhoff und die DFB-Spitze mit Präsident Theo Zwanziger und Generalsekretär Wolfgang Niersbach zu Gesprächen getroffen. Hauptgesprächsthema: Die Vertragsverlängerung mit Löw, seinem Trainerteam (Torwarttrainer Andreas Köpke, Kotrainer Hansi Flick, Scout Urs Siegenthaler) und Manager Bierhoff. Ihre Verträge laufen Ende Juni aus, lange vor der WM hatten beide Seiten ein Interesse, um zwei weitere Jahre bis nach der EM 2012 in Polen und der Ukraine zu verlängern. Doch was nur eine Formsache schien, geriet zum Problem, denn Bierhoff und Löw präsentierten „überraschend neue Vorstellungen“ (Zwanziger); ein daraufhin entwickelter Alternativvorschlag des DFB fand nicht die Zustimmung der Nationalmannschaftschefs. Nach einer knapp dreistündigen Sondersitzung des DFB-Präsidiums in Frankfurt gab Zwanziger am vergangenen Donnerstag bekannt, dass der Verband wegen „struktureller und wirtschaftlicher Aspekte“ die Gespräche abbricht und bis nach der WM vertagt. Ein Paukenschlag.

Welche Forderungen von Löw und Bierhoff brachten den DFB-Chef in Rage?

Löw und Bierhoff sollen eine satte Bonuszahlung für ihre Unterschrift unter den neuen Zweijahresvertrag gefordert haben. Dass diese Zahlung in Höhe eines Jahresgehalts von Löw gelegen haben soll – das wären rund 2,5 Millionen Euro –, bestreitet der Bundestrainer energisch und legt Wert auf die Feststellung, „klar betont zu haben, dass alles verhandelbar ist“. Der DFB war davon ausgegangen, auf der Basis der alten Verträge fünf Prozent mehr Gehalt draufzupacken. Doch es ging nicht nur ums Geld, sondern auch um Macht. Bierhoff forderte ein Vetorecht bei der künftigen Besetzung des Bundestrainerpostens; bisher hatte er nur ein Vorschlagsrecht. Hätte Zwanziger Bierhoff diese gewünschte Stoppkarte in die Hand gegeben, hätte dies bedeutet, dass ein Angestellter des Verbandes dessen wichtigste Personalie blockieren kann – für jeden Sportverband ein inakzeptabler Zustand. Der DFB hätte praktisch die Macht über die Nationalmannschaft abgegeben. Da Bierhoff klar gewesen sein muss, dass er einerseits damit seine Kompetenzen überschreitet, andererseits der DFB diesen Vorschlag niemals annehmen wird und aufgrund seiner Satzung auch gar nicht kann, drängt sich die Frage auf: Was wollte Bierhoff damit bezwecken? Einzige plausible Antwort: Bierhoff hat sich extra weit aus dem Fenster gelehnt, um bei einer Kompromisssuche zwar kein Vetorecht zu bekommen, aber trotzdem mehr Einfluss und eine gestärkte Rolle im ständigen Kompetenzgerangel mit DFB-Sportdirektor Matthias Sammer.

Warum reagierte vor allem Löw gekränkt auf das Nein des DFB?

Der Bundestrainer sieht sich und Bierhoff als Opfer gezielter Indiskretionen. Dass die in vertraulichen Gesprächen vorgebrachten Forderungen direkt auf dem Redaktionstisch der „Bild“-Zeitung landeten, muss Löw als Vertrauensbruch empfinden und als Versuch, ihm und Bierhoff einen auszuwischen. Löw, den Experten für einen guten Bundestrainer und die meisten Fußballanhänger nicht nur wegen seiner gelungen selbstironischen TUI-Werbung für sympathisch halten, hat plötzlich einen „Raffke“-Stempel auf der Stirn. In der heutigen Zeit und für einen Trainer, der dafür sorgen soll, dass Deutschland wieder Fußball-Weltmeister wird, ist das verheerend. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht getrieben bin von Macht- und Geldgier, sondern dass mir sportliche Dinge viel wichtiger sind“, sagt Löw. Besonders enttäuscht hat ihn zudem das ungeschickte Vorgehen von Zwanziger, der Löw zu einer Vertragsunterzeichnung innerhalb von 48 Stunden gedrängt hatte. Einer, der sechs Jahre lang gute Arbeit mit der Nationalelf geleistet hat, kann das nur als Zumutung ansehen.

Warum zeigen jetzt fast alle mit dem Finger auf Bierhoff? Taugt er wirklich als Buhmann?

Im Umfeld des DFB kursiert die Theorie, dass der Verband im Grunde nicht Löw treffen wollte, sondern Manager Bierhoff, dessen Geschäftstüchtigkeit vielen im DFB schon länger suspekt sein soll. Mit Niersbach und Sammer hat Bierhoff, der seit Juli 2004 Nationalelfmanager ist, zwei starke Widersacher im eigenen Haus, auch mit prominenten Vertretern der Bundesliga wie Rudi Völler von Bayer Leverkusen oder Karl-Heinz Rummenigge von Bayern München hat sich Bierhoff wiederholt angelegt. Vielen Fans ist der intelligente Bierhoff „zu glatt“, auch das Verhältnis zu wichtigen Nationalspielern wie Michael Ballack ist distanziert. Den kräftigsten Tritt vor das Schienbein bekam er aber vom ehemaligen Nationalspieler Günter Netzer, der Bierhoff kurzerhand als „verzichtbar“ bezeichnete. „Bierhoff unterliegt einer grandiosen Fehleinschätzung seiner Person, aber vor allen Dingen seiner Bedeutung für die Nationalmannschaft“, schrieb Netzer ihm in der „Bild am Sonntag“ ins Stammbuch“. Rückendeckung bekam Bierhoff in diesen Tagen nur von Löw, der sich deutlich positionierte: „Ich bleibe nur, wenn Bierhoff bleibt.“

Leidet die Autorität von Löw während der WM, wenn die Spieler wissen, dass er möglicherweise nach dem Turnier nicht mehr Bundestrainer ist?

Die Situation ist kurios: Offiziell endet Löws Vertrag am 30. Juni. Das Endspiel bei der WM in Südafrika ist aber erst am 11. Juli. Deutschland könnte dann mit einem vertragslosen Trainer Weltmeister werden. Dass Löw in der Vorbereitung und während der WM leidenschaftlich und akribisch wie bisher arbeiten wird, muss niemand anzweifeln. Um Löw muss man sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen. Weil auch die Spieler ein gemeinsames Ziel haben, das größer ist als alles andere, nämlich Weltmeister zu werden, ist die Gefahr des Autoritätsverlusts gering. Doch bei Misserfolgen kann sich schnell eine Eigendynamik entwickeln, weshalb erfahrene Trainer wie Felix Magath (Schalke) oder Ralf Rangnick (Hoffenheim) dringend raten, den Konflikt schnell zu lösen.

Wie könnte eine Konfliktlösung aussehen?

Oliver Bierhoff hat gestern ein Gipfeltreffen von Löw und ihm mit Zwanziger und Niersbach angeregt – ein erster Versuch der Annäherung. „Am liebsten wäre mir jetzt ein Gespräch mit allen vier Beteiligten, um die Dinge zu klären“, sagte Bierhoff. Ein Kompromiss ohne Gesichtsverlust ist aber für wenigstens eine der Streitparteien nicht mehr möglich. Die naheliegendste Lösung – Bierhoff gibt auf – ist fast unmöglich, weil Löw sein Schicksal mit dem des Managers verbunden hat. Auch eine Zurechtstutzung Bierhoffs von Seiten des DFB würde Löw vermutlich nicht tolerieren. Realistisch erscheint derzeit bestenfalls ein Friedensgipfel, bei dem sich beide Seiten ihr Vertrauen aussprechen bis zum Ende der WM und danach auf der Grundlage des sportlichen Abschneidens einen neuen Verhandlungsversuch unternehmen.

Wer wäre eigentlich ein Bundestrainerkandidat, wenn sich der DFB und Löw nicht einigen können?

Matthias Sammer ist der Topkandidat. Dessen Kritiker behaupten, dass ihn dieser Posten ohnehin viel mehr interessiert als der des Sportdirektors. Aber auch seine Kritiker werden einräumen: Sammer ist ein erstklassiger Fachmann – und hat beim DFB gute Arbeit geleistet. Mit Jupp Heynckes (Bayer Leverkusen) dürfte Sammer im Fall der Fälle aber einen ernsthaften Konkurrenten haben.

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