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Sportmix Landestrainerin Conny Hill ist eine konsequente Ersatzmama
Sportbuzzer Sportmix Landestrainerin Conny Hill ist eine konsequente Ersatzmama
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12:01 26.01.2012
Foto: „Manchmal brauchen die Mädchen ihre Streicheleinheiten“: Landestrainerin Conny Hill ist mehr als nur eine strenge Trainerin.
„Manchmal brauchen die Mädchen ihre Streicheleinheiten“: Landestrainerin Conny Hill ist mehr als nur eine strenge Trainerin. Quelle: Archivbild
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Hannover

Sie muss trösten, manchmal sogar Gedanken lesen oder Haare frisieren und gleichzeitig ihre langjährigen Erfahrungen weitergeben – und das für bis zu 40 Turnerinnen auf einmal. Wenn eines der Mädchen bei den Übungen stürzt oder ein Magengrummeln stört, wird die Trainerin schon mal zur Ersatzmama. Conny Hill beherrscht beide Rollen, die der strengen Übungsleiterin ebenso wie die der fürsorglichen Freundin. Talent und Fleiß, sagt Hill, seien beim Turnen längst nicht alles. Mindestens ebenso wichtig sei Disziplin. „Es gibt Regeln in der Halle: nicht laut reden oder lachen, damit alle anderen die Möglichkeit haben, konzentriert ihre Leistung zu bringen.“ Aber sie weiß auch, wann andere Tugenden gefordert sind. „Manchmal brauchen die Mädchen ihre Streicheleinheiten.“

Hill begann selbst als junges Mädchen mit dem Turnen, damals trainierte die gebürtige Hamburgerin beim TuS Osdorf. Zwölf Jahre war sie selbst aktiv, im Alter von 14 Jahren leitete sie bereits ihre ersten Trainingseinheiten. „Das hat mir von Anfang an mehr Spaß gemacht. Ich bin Turntrainerin aus Leidenschaft. Es war für mich nie ein Beruf, sondern eine Berufung“, sagt Hill mit einem Lächeln. Ein paar Jahre später arbeitete sie beim Schleswig-Holsteinischen Turnverband mit einer ehemaligen DDR-Auswahltrainerin zusammen – es war eine prägende Zeit, wie Hill heute rückblickend sagt. „Sie hat mir da noch mal einen richtigen Schub gegeben. Ich habe sehr viel von ihr lernen können.“

Als Hill mit ihrer Familie 1999 nach Hannover zog, arbeitete sie vorerst ehrenamtlich als Trainerin beim Niedersächsischen Turner-Bund. 2005 bekam sie eine Festanstellung als Landestrainerin. Seitdem betreut sie auch die Riege der TS Großburgwedel, der 2011 der Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga gelang. Mit einem „Kükenteam“ wohlgemerkt: Die meisten Mädchen waren erst zwölf Jahre alt – das Mindestalter für die deutsche Eliteklasse.

Schon die jungen Mädchen müssen sich dem Leistungsprinzip unterordnen, was auch für die Trainerin nicht immer leicht ist. Für die Bundesligawettkämpfe kann Hill nur fünf von neun Sportlerinnen nominieren, Enttäuschungen sind da kaum zu vermeiden. „Natürlich muss ich mich auf die Turnerinnen konzentrieren, die die besten Perspektiven haben. Das ist mein Job, auch wenn er in solchen Momenten nicht einfach ist.“ Dass das für die Mädchen neben einer physischen auch eine psychische Belastung bedeutet, ist Hill sehr wohl bewusst. Nach vielen Sprüngen und Salti landen viele Turnerinnen auf dem Boden der Tatsachen. Denn nur die wenigsten schaffen den ganz großen Sprung.

Hill weiß, wovon sie spricht. Ihre Tochter Lisa-Katharina ist im Alter von 13 Jahren von Hannover ins 330 Kilometer entfernte Chemnitz gezogen, um dort an die internationale Spitze herangeführt zu werden. Ein Schritt, der für die Tochter ebenso schwer war wie für die Mutter. „Das war schon schlimm, ein weinendes Kind am Telefon zu haben, das gerne mal mit der Mama gekuschelt hätte“, erinnert sich Hill. „Aber sportlich war sie da, wo sie sein wollte.“ Inzwischen zählt Lisa-Katharina zum deutschen Nationalkader und kämpft um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London.

Bei den Spielen im Sommer wird der Turnsport wieder einen seiner seltenen Momente im Blickpunkt der Öffentlichkeit erleben. Meistens bleiben die Leistungen der Athleten eine Randnotiz, außer Fabian Hambüchen kann wohl kaum ein Turner von seinem Sport leben.
Dafür gehen die Athleten oft ein hohes Risiko ein. Prominentester Fall hierzulande ist wohl Ronny Ziesmer – der Auswahlturner schlug in der Vorbereitung auf Olympia 2004 in Athen bei der Landung mit dem Kopf auf, brach sich die Halswirbelsäule und ist seitdem querschnittgelähmt. Auch für Hill war der Unfall ein Schock. „Er war für seine Risikobereitschaft bekannt. Dieses Risiko würden Mädchen nie eingehen, sie sind grundsätzlich disziplinierter“, sagt  sie.

Dramatische Verletzungen sind aber glücklicherweise die Ausnahme, wenn Hill bei den Bundesligawettkämpfen auf eine Turnerin verzichten muss. „Härte gehört schon dazu. Bei einem blauen Fleck gibt es ein Eispaket und ein paar aufmunternde Worte. Die Mädchen sind aber so ehrgeizig, dass sie unbedingt Erfolg haben wollen.“ Hill ist für die Ausbildung ihrer jungen Talente verantwortlich – und gleichzeitig von deren Erfolgen abhängig. Denn nur erfolgreiche Turnerinnen sichern ihr den Job als Landestrainerin im Stützpunkt Badenstedt.
Und wenn es nach ihr geht, bleibt das noch sehr lange so. „Meine Trainerin war noch mit über 80 Jahren dabei. Das könnte ich mir ohne Weiteres auch vorstellen.“

Bereits vorgestellt haben wir Rüdiger Battersby (Basketball, TK Hannover), Jürgen Schnepel (Hockey, Hannover 78), Klaus Johansson (Rollhockey, SC Bison Calenberg), Ingeborg Rönsch (Schwimmen, Landesschwimmverband) und Gerd Bleidorn (Sledge-Eishockey, Ice Lions Langenhagen).

25.01.2012
Christian Purbs 24.01.2012