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Hamilton und Mercedes am Bosporus gegen Hochstaplersyndrom

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12:09 06.10.2021
Immer skeptisch gegenüber der eigenen Leistung: Lewis Hamilton (l) und Motorsportchef Toto Wolff.
Immer skeptisch gegenüber der eigenen Leistung: Lewis Hamilton (l) und Motorsportchef Toto Wolff. Quelle: Ozan Kose/POOL AFP/AP/dpa
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Istanbul

Vor Selbstzweifeln werden Lewis Hamilton und Mercedes auch in Istanbul nicht entkommen. Ein Jahr nach dem vorzeitigen siebten WM-Gewinn darf sich der Engländer am Bosporus im Formel-1-Millimeterkampf gegen Max Verstappen und Red Bull keinen Ausrutscher erlauben.

Der Antrieb beim einst schier erdrückend dominanten Branchenprimus läuft auch nach dem Gewinn aller sieben Fahrer- und Konstrukteurstitel seit 2014 auf vollen Touren. "Wir leiden in gewisser Weise immer unter dem Hochstaplersyndrom", räumte Mercedes-Teamchef Toto Wolff bei einer Veranstaltung mit Anteilseigner Ineos vor dem 16. Saisonrennen am Sonntag (14.00 Uhr/Sky) in der Türkei ein. "Wir denken, dass die anderen im Team wirklich gut in ihrem Job sein müssen, weil wir gewonnen haben, und ich selber weiß nicht, was mein Beitrag war."

Jeder im Rennstall habe dieses Denken. "Wenn man sich am Montagmorgen nach einem Rennen, das wir mit Glück gewonnen haben, eine unserer Nachbesprechungen anhört, klingt das nicht nach einem Team, das gewonnen hat", meinte Wolff weiter. "Wir sind immer skeptisch gegenüber unserer eigenen Leistung."

Fragezeichen, die Zuverlässigkeit des Motors betreffend

In einer Saison, in der der Mercedes-Vorsprung vor der Regelnovelle 2022 geschmolzen und der WM-Kampf so eng wie seit Hamilton vs. Rosberg 2016 nicht mehr ist, haben Wolffs Worte vielleicht noch mehr Gehalt. Natürlich sind sie auch Koketterie und cleveres Storytelling aus dem Mercedes-Maschinenraum. Sie zeigen aber auch, wie brüchig ein Selbstkonzept sein kann. Kann jemand die Mercedes-Triumphe als Blendwerk enttarnen? Waren all die Siege nur glücklicher Zufall?

Nein, das waren sie nicht. Hamiltons Sieg 2020 im viertletzten Rennen in Istanbul zum Beispiel, als er mit seinem siebten WM-Titel mit Michael Schumacher gleichzog, war es nicht. Und auch sein 100. Grand-Prix-Erfolg vor zwei Wochen in Sotschi war es nicht, als Herausforderer Verstappen wegen eines Motorenwechsels von ganz hinten starten musste, aber doch noch auf Rang zwei raste.

Die Frage nach einem neuen Aggregat für Hamilton reist beim so knappen WM-Vorsprung von nur zwei Zählern auch in die Türkei mit. Es gebe Fragezeichen, was die Zuverlässigkeit des Motors betreffe, räumte Wolff ein. "Im Moment gehen wir ein Rennwochenende nach dem anderen an. Wir werden die Leistung der Antriebseinheiten neu bewerten und dann Entscheidungen treffen."

Ausrutscher können folgenschwer sein

Hamilton hat regelkonform seinen dritten neuen Motor Ende August in Belgien bekommen. Dass dieser bis zum Saisonende durchhält, ist unwahrscheinlich. Mercedes-Teamkollege Bottas erhielt wie auch Verstappen in Russland einen neuen Antrieb. "Ich versuche meine Motoren mit großer Sorgfalt zu behandeln, wenn ich fahre", sagte Hamilton. "Ich kann die Zukunft aber nicht bestimmen."

Im Thriller um die WM-Krone können bei noch sieben ausstehenden Grand Prix Ausrutscher folgenschwer sein. "Weder Fahrer noch Team können sich in der aktuellen Situation zurücklehnen, denn es gibt einfach keinen Punkteabstand", mahnte Wolff mit Blick auf den WM-Stand. "Ich glaube, dass das noch sehr lange dauern wird."

Ein Ausfall in den kommenden Wochen sei ein "No-Go für die Meisterschaft", betonte Wolff. Weder Mercedes noch einer der Konkurrenten könne sich ein "Null-Punkte-Rennwochenende" leisten. "Es wird zweifellos sehr hart", äußerte Hamilton vor dem Endspurt.

© dpa-infocom, dpa:211006-99-499141/2

dpa