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Sportmix Gegen Österreich kämpft Mario Gomez für ein neues Image
Sportbuzzer Sportmix Gegen Österreich kämpft Mario Gomez für ein neues Image
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20:41 31.05.2011
Von Stefan Knopf
Mario Gomez in Siegerpose nach dem Treffer zum 1:0 gegen Uruguay. Quelle: dpa
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Von fast jedem großen Sportler ist ein besonderer Moment überliefert, ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat und mit dem der Athlet immer in Verbindung gebracht wird. Von Uwe Seeler zum Beispiel das Bild, wie er den Ball im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 mit dem Hinterkopf ins Tor der Engländer bugsiert. Von Klaus Fischer, wie er die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale der WM 1982 gegen Frankreich mit einem Fallrückzieher ins Elfmeterschießen rettet. Von Oliver Bierhoff, wie er bei der EM 1996 den Ball etwas ungelenk ins Tor der Tschechen befördert und die deutsche Elf so zum Europameister macht. Von Mario Gomez ist in Erinnerung, wie er im Vorrundenspiel der EM 2008 gegen Österreich das Kunststück fertig bringt, aus zwei Metern das leere Tor zu verfehlen.

Gomez hat in dieser abgelaufenen Bundesligasaison 28-mal für den FC Bayern getroffen, in der Champions League gelangen ihm für die Münchener acht weitere Tore, doch kaum jemand hat auch nur einen einzigen dieser 36 Treffer bildlich vor Augen. Die verflixte 5. Minute aus dem Vorrundenspiel in Wien vor drei Jahren verfolgt den 25-Jährigen bis heute; und das hat nichts damit zu tun, dass die deutsche Nationalelf am Freitag an gleicher Stelle erneut auf Österreich trifft (20.30 Uhr, live in der ARD) und die Hoffnungen nach dem Ausfall von Miroslav Klose ausgerechnet auf Gomez ruhen.

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Das Verhältnis zwischen Gomez und den Fans war nachhaltig gestört

Dieser Moment aus dem EM-Sommer 2008 ist ein Beispiel dafür, wie das Verhältnis zwischen einem Sportler und den Anhängern, die ihn ja eigentlich unterstützen sollten, nachhaltig gestört werden kann. Letztlich war Gomez’ slapstickhafte Einlage nicht spielentscheidend, sie blieb eine Episode in einem generell nicht überzeugenden Spiel, das die deutsche Elf mit 1:0 gewann, doch Gomez war fortan der Depp der Nationalelf. Wann immer er in den nächsten Länderspielen eine Chance ausließ, ging ein Aufstöhnen durch das Stadion, und mit jedem Seufzer schwand sein Selbstvertrauen. Gomez-Verhöhnung wurde zum Volkssport; im Video-Internetportal „YouTube“ gibt es Zusammenschnitte mit seinen schönsten versiebten Chancen zu sehen, zuletzt wurde er von den eigenen Anhängern schon ausgepfiffen, wenn er sich an der Seitenlinie nur aufwärmte.

Normalerweise freut man sich auf die Nationalmannschaft, und es ist eine Ehre, für Deutschland zu spielen“, sagt Gomez in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. „Aber all diese Dinge waren für mich in den letzten zwei, drei Jahren nicht so wichtig. Ich habe nicht so sehr gedacht: Toll, jetzt habe ich ein Spiel bei der Nationalmannschaft. Ich habe gedacht: Mist, ich muss die Fans überzeugen.“

Im Trikot der Nationalmannschaft hat der Stürmer einfach kein Glück

Im Grunde müsste ihm das leichtfallen: Gomez ist technisch stark, er ist schnell, er hat einen guten Schuss und ein ordentliches Kopfballspiel. In seinem Verein – zunächst beim VfB Stuttgart, für den er in der Saison 2008/2009 insgesamt 35 Pflichtspieltore erzielte, und nun in München – zeigt er das Woche für Woche. Doch sobald Gomez das Trikot der Nationalelf anzieht, scheint er sich einen unsichtbaren Rucksack mit aufzuschnallen, mit dem er gegen die Erwartungen der Zuschauer anspielt und der sich nach jeder vergebenen Chance mit einem zusätzlichen Gewicht füllt. „Dagegen muss man erst mal ankämpfen“, sagt Gomez, „und das habe ich lange einfach nicht geschafft. Ich habe lange damit gehadert und mich lange damit unter Druck gesetzt.“

Vielleicht markiert diese Saison einen Wendepunkt in seiner Karriere. Im August war er bei den Bayern nur Ergänzungsspieler, erste Wahl war Klose, mit dem er in München wie in der Nationalmannschaft um den Platz als Sturmspitze kämpft. Erst am 7. Spieltag stand Gomez erstmals in der Startelf, in der Woche darauf erzielte er seine ersten drei Saisontreffer: beim 3:0-Heimsieg gegen Hannover 96. Danach war Gomez aus der Bayern-Elf nicht mehr wegzudenken.

Mit neuem Selbstvertrauen aus München fährt Gomez nach Österreich

Das Selbstvertrauen aus München habe Gomez jetzt auch in der Nationalmannschaft gezeigt, hat Bundestrainer Joachim Löw beobachtet; Gomez selbst sagt, er sei inzwischen „etwas entspannter geworden“ und versuche nicht mehr, „auf Teufel komm raus“ einen Stammplatz zu bekommen. Im Testspiel gegen Uruguay (2:1) gelang ihm prompt der Treffer zum 1:0, zur Abwechslung gab es von den deutschen Fans freundlichen Applaus.

Auch in Wien hat Gomez übrigens schon ein Länderspieltor erzielt. Im Testspiel gegen Österreich am 6. Februar 2008 köpfte er in der 80. Minute den Treffer zum 3:0-Endstand – in eben das Tor, in dem er den Ball ein halbes Jahr später nicht unterbrachte. Wiederholung durchaus erwünscht. Womöglich müsste dann mancher deutsche Fußballfan sogar sein Gomez-Bild korrigieren.

31.05.2011
30.05.2011